Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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Der Fünfte

Manchmal brauche ich nur einen Anlass zum Schreiben. Zwar hatte ich auf dem Vorgängerblog geschworen, nur einmal im Leben an WMDEDGT teilzunehmen, aber nachdem ich zur Zeit so vielen Prinzipien untreu werde, kommt es  auch nicht mehr darauf an. 

Die dritte Frühschicht in Folge, und schon kann ich wieder ohne Wecker um kurz vor fünf aufwachen. Tatsächlich habe ich heute aber Spätschicht, so dass das ganze schöne Frühaufgewachtsein rein gar nichts bringt.

Zuerst Einkaufen fürs Wochenende. Der Lebensmittelladen im Erdgeschoss hat vorübergehend geschlossen. Ich bedaure das ein wenig, obzwar* ich nicht zu den Hausbewohnerinnen gehörte, die in Pantoffeln ins Erdgeschoss schlurften, um noch vor der morgendlichen Dusche ihre Einkäufe zu erledigen. Auf dem Rückweg begegne ich Herrn von Oben, der mir ein weiteres Lebensmittelgeschäft in der Nähe nennt. Ich glaube aber, ich werde – solange ich es mir leisten kann – bei dem Familienbetrieb einige Straßen weiter Kundin bleiben.

Der Fluss führt ein wenig Hochwasser. Ich nehme den Bus zur Arbeit, da das Fahrrad zur Reparatur muss. Um diese Zeit fahren viele ältere Herrschaften mit dem Rad herum. Manche wirken zögerlich und unsicher, aber glücklich, und erinnern mich an einen lieben Twitterfreund, der steif und fest behauptet, Radfahren sei der Weg zu Glück und Zufriedenheit. Grauhaarige Damen lassen die Haare im Wind flattern, und ich denke wieder einmal, dass viele „Gefärbte“ eigentlich sogar älter wirken als die, die der Natur ihren Lauf lassen.

Den Anschlussbus verpasse ich knapp, aber auf diese Weise habe ich Zeit, an der Haltestelle ein paar Stichpunkte für diesen Text zu notieren. Schon randalieren die Amseln wieder, denn die Sonne strahlt. Der Himmel schickt einen Windhauch, der an den Frühling denken lässt, aber hierzulande kommt der Winter erst noch, und so verbiete ich mir das Träumen.

Im Büro heißt es wieder „Zwei-Jobs-zum-Preis-von-einem“. Noch dazu hat die Kollegin während meiner kurzen Abwesenheit anscheinend keine der Aufgaben, bei denen sie mich vertreten sollte, erledigt. Des weiteren schwatzt sie unentwegt vor sich hin, wobei sie in regelmäßigen Abständen Zustimmung und Antworten erwartet. Schließlich stoppe ich ihren Wortschwall mit dem Hinweis, dass ich mich nicht auf zwei Jobs und den Firmentratsch gleichzeitig konzentrieren kann, und bis zur Mittagspause arbeitet sie nahezu schweigend. Nach der Mittagspause springt die Wortmaschine wieder an, aber da habe ich schon einigermaßen Ordnung in den Aktenstapel gebracht, so dass ich das Geschwätz an mir vorbei rauschen lassen kann. Meine neue Lieblingsspätschichtgenossin, eine Thüringerin von wirklich angenehmer Wesensart, hat einen Auslandsfall, bei dem sie meine Hilfe braucht. Ich schubse sie in die richtige Richtung, und  binnen kurzer Zeit löst sie das Problem bravourös.

Das Schöne am Alleinleben ist, dass man nach der Arbeit keine gute Laune haben muss. Ich lese ein paar Blogartikel von fremden und bekannten Leuten; dazwischen verfolge ich meine ausgesprochen nette Twitter-Timeline. Allerdings habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den besten Ex der Welt heute nicht mehr anrufen werde, aber mein Bedarf an Gesprächen ist dank der oben erwähnten Schwatzliese mehr als gedeckt.

Nach ausgiebigem Blog- und Twitterlesen falle ich todmüde ins Bett.

*Entschuldigung, aber das ist meine Lieblingskonjunktion.


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Alte Wege

Nach langer Zeit wieder den alten Sonntagnachmittagsweg gegangen. Früher pflegte ich sonntags zum Bahnhof zu spazieren, um die spanische Zeitung zu kaufen. Es gibt sie dort jetzt nicht mehr, deshalb  lese ich an Sonntagnachmittagen die spanische Zeitung im Internet. Das Flanieren hat mir gefehlt, das Beobachten und Abschreiben der Straßenszenen. Demnächst probiere ich vielleicht, ob ich das noch kann.


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04.12.2017

Der Wecker hätte um sechs Uhr geklingelt, aber wach bin ich schon um vier. Die Schlaflosigkeit weiß, wann sie die Oberhand gewinnt, auch ich weiß es, und deshalb weiß ich auch, dass es heute sinnlos ist, wieder einschlafen zu wollen. Wer früh im Büro ist, darf auch früh wieder nach Hause, und deshalb beschließe ich, mich nicht länger herumzuwälzen, sondern dem Tag ins Auge zu blicken. Sehr wach sieht der Tag allerdings auch nicht aus. Die Dosen mit den  gestern gebackenen Weihnachtsplätzchen stelle ich ohne Deckel in die Küche; sie müssen noch ein bisschen auslüften, bevor sie bis Weihnachten fest verschlossen werden. Durch die offene Balkontür riecht es nach Kuh; der Schlachthof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Gestern Abend war Schneeluft, und heute sind Straße und Bürgersteig weiß. Pulverschnee. Gut zum Skilaufen, schlecht für Schneemänner. Für Schneemänner und Schneeballschlachten ist „Pappschnee“ nötig, aber damit kann König Winter heute nicht dienen. Oder vielleicht mag er bloß nicht.  

Herr von Oben hat die Weihnachtsbeleuchtung installiert, aber noch nicht eingeschaltet. Er muss eine romantische Ader haben, der Herr von Oben. Schaut man ihn an, würde man das nicht vermuten, aber wer kann schon wissen, was in einem Menschen vorgeht? Die Geschäfte haben ebenfalls weihnachtlich dekoriert, und vielleicht kaufe ich dieses Jahr die südfranzösischen Krippenfiguren, die ich mir schon lange wünsche.  Andererseits, wozu sollen die gut sein, hier in der Einöde?  

Verließe man die Stadt, hätte man in Nullkommanichts Berge vor der Nase. Der See ist, wenn man ihn recht betrachtet, lächerlich klein. Den Bergwänden, die ihn einzwängen, möchte man Tritte versetzen. Was Thomas Mann, dem ich mitunter auch gerne ein Tritt versetzt hätte, am See gefiel, kann man sicher irgendwo nachlesen. Viel mehr hätte mich interessiert, was Heinrich Mann dachte, und ob er am See vielleicht doch manchmal mit Steinen oder schlimmeren Dingen werfen wollte. Trotzdem spare ich mir den See heute und spaziere nur in Gedanken etwas oberhalb durch den Wald.  

Wer weiß, vielleicht will ich den See doch noch im Schnee sehen. „Der Wissenschaft halber.“, wie meine Großmutter sagte. Eigentlich mag ich den See ja sehr; ich gebe es bloß ungern zu. 

 

 


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02.12.2017

In letzter Zeit bin ich oft erleichtert, dass ich mein Wochenpensum erfüllt habe und zumindest in der betreffenden Woche nicht mehr tanzen muss. Ich wünsche mir vier Wochen ohne einen Schritt zu tanzen und fühle mich undankbar, gerade jetzt, wo ich lerne, den ständigen Schwindel zu kompensieren. Die Kraft kommt wieder und ich kann das Tanzen in meinen Zeitplan wieder einigermaßen integrieren. Weder das Tanzen noch das Leben waren ein Vergnügen in den letzten beiden Jahren. Sollte ich das Tanzen aufgeben, würde ich es aber in spätestens zwei Jahren wieder bereuen. Es wäre ja nicht das erste Mal.


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27.11.2017

Heulen und Zähneklappern auf Twitter. Zu Recht. Versklavte Flüchtlinge, sterbender Planet, Nazis…suchen Sie sich etwas aus, worüber Sie weinen und mit den Zähnen klappern wollen. Mich macht das müde. Was habe ich in meinem kleinen Kreis geredet und geschrieben in den vergangenen Jahren, was haben Leute mit großer Reichweite geredet und geschrieben, und was hat es genützt? Wer wollte es hören? Den Kleinen wird es bald an den Kragen gehen, die Großen werden sich mit Geld noch ein paar Jahre abschotten können, aber irgendwann steht auch denen das Wasser bis zum Hals, im übertragenen und im buchstäblichen Sinne.

Allein die Frage, ob man Klimaflüchtlingen helfen muss. Stellen Sie sich vor, Sie paddeln mit Mann und Maus von Ihrem im Meer versunkenen Bauernhof zum nächsten Landstrich, der noch aus dem Wasser guckt. Kaum angekommen, greifen Sie nach dem rettenden Ufer, und – zack! – haut Ihnen einer auf die Finger und schubst Sie zurück ins Wasser.  Das ist zu sehr vereinfacht, finden Sie? Von mir aus, aber vermutlich fühlt es sich für die Betroffenen so an.


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26.11.2017

Der Wind rauscht in den Bäumen und erinnert die Krähen daran, dass noch Herbst ist, trotz Kälte und Schneegestöber. Rechts hält ein grimmiger und schnauzbärtiger Gottvater seinen stämmigen gekreuzigten Sohn fest zwischen den Knien. Kinder toben über den Sockel eines weiteren Gekreuzigten, Honoratiorengrabsteine sind mit schwarzem Filzstift verunstaltet. Die Grammatikfehler nach dem Muster der „reitenden Artilleriekaserne“ auf den Grabsteinen aber wurden nicht korrigiert und wohl auch nicht bemerkt. Ein Gipsmedaillon auf einem Grabstein zeigt noch einen Christus, aber einen kräftigen, sinnlichen,  den man sich eher als Flößer oder Viehhändler denn als Erlöser vorstellen kann. Am Sonntagnachmittag ist der Friedhof ein Park für die Bewohner der umliegenden Häuser.  Man joggt, man schiebt Kinderwagen, und manchmal gruselt es einem kleinen Jungen, weil da ein sehr realistischer, wenn auch verwitterter Totenschädel hinter einem Buchsbaumheckchen hervorgrinst. An die Toten von 1919 erinnert nichts.


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25.11.2017

Siguiriyas getanzt. Außerdem Tientos und Farruca, die richtig schweren Brocken also. Sehr tief im Plié, aus den Oberschenkeln, wie die alten Leute früher. Und plötzlich finde ich mich wieder. Die Energie ist wieder da, wird vom Tanzboden sozusagen reflektiert. Die Siguiriya habe ich, wie mir jetzt klar wird, vollkommen falsch angefangen. Das tiefe Plié ist richtig, außerdem muss ich die Schultern mehr einsetzen sowie insgesamt freier und expressiver tanzen. Die Bewegung geht aber dennoch nach unten, in den Boden hinein. Wie konnte mir das entgehen? Oder vielmehr: wie konnte ich vergessen, was ich eigentlich schon wusste?

 


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Eleganz und Verzicht“ hat jemand an eine Mauer gesprüht, an der ich täglich mindestens einmal vorbeikomme. In unserer kleinen Stadt, die eher für grobschlächtigen Protz bekannt ist, ist das ein Motto, das ich mir zu Herzen nehme.

Die Eleganz, die im Verzicht liegt, ist die einzige, die mir zur Verfügung steht, fürchte ich. Ansonsten bin ich ein Trampel vor dem Herrn.

(Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich mein Blog zur Zeit nur als Notizbuch und Sudelheft nutze. Mir fehlt jegliche Energie, und das liegt nicht an der Hitze, sondern an den Umständen, auch bekannt als: „Zwei Jobs zum Preis von einem“.)


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Glaserbruder

Auf Grund eines mir nicht erklärlichen Phänomens bin ich in den Spiegeln, die mein Bruder vor zwanzig Jahren in der Ausbildung gemacht hat, immer sehr viel schöner als in der Realität. Da die Spiegel an unterschiedlich beleuchteten Orten hängen, kann es nur an meines Brüderchens goldenen Händen liegen.


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Keine Energie, weder fürs Schreiben noch fürs Tanzen. Gerade einmal, dass ich es schaffe, eine Ladung Wäsche in die Maschine zu werfen. Gebügelt wird nicht, mein derzeitiger Kleidungsstil heißt „Vogelscheuche trifft Lotterliese“. Die Küche ist ein Schlachtfeld, vom Bad wollen wir gar nicht reden. Balkon und Schreibtisch sind nicht allzu widerlich, aber der Staubsauger…der Staubsauger will mir ein Bein stellen, damit ich ihn endlich in die Hand nehme. Seine Cousine, das Staubtuch und deren Mann, der Putzlumpen, sind chronisch unterbeschäftigt. Sollten Sie mich besuchen wollen, kündigen Sie sich bitte zwei Wochen vorher an. So lange brauche ich, um diese Räuberhöhle wieder in eine Wohnung  zu verwandeln.