Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


Aus gegebenem Anlass

„Denn alle Powenze logen von Herzen gern, kunstreich und gewissenhaft.“  (Ernst Penzoldt, Die Powenzbande)

Wenn Sie meinen, ein Blog sei erstunken und erlogen und Sie das stört, ja, mein Gott, dann lesen Sie es doch einfach nicht mehr. So, wie niemand Blogger_innen zwingen kann, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu schreiben, so kann Sie niemand zwingen, Blogs zu lesen. Romane sind auch gelogen, viele sogar von A bis Z. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: selbst ich, die ich im Privatleben für meinen Hang zur Aufrichtigkeit berüchtigt bin und mein Herz auf der Zunge trage, lüge hier wie gedruckt. Nicht von A bis Z, aber doch genug, um mich nicht auf Anhieb erkennbar zu machen. Man nennt das, glaube ich, Selbsterhaltungstrieb.

Ein Blog ist dazu da, Geschichten zu erzählen. Niemand hat je behauptet, es dürften nur wahre Geschichten sein. Vielleicht sind sie sogar wahr, wer kann das wissen? Überhaupt, wen geht das etwas an? Herrgottsakrament!

(Und dass ich einmal zu einer Verteidigungstirade ansetzen würde für eine Person, die mir mit Schwung das Kraut ausgeschüttet hat, hätte ich auch nicht gedacht. Was nicht heißt, dass die Messer nicht scharf geschliffen blieben.)

 


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Ille Martialis

Heute, Jahre später, frage ich mich, ob Du das alles so geplant hattest. Die Schmeicheleien, die Vorspiegelung falscher Tatsachen, oder zumindest die kluge Umdeutung und das geschickte Weglassen der Wahrheit. Du schienst eine Stütze zu suchen, was mich wunderte, und auch heute noch, lange nachdem Du die Grenze überschritten hast, erhalte ich über Dritte und Vierte Nachrichten über Dich, und ich sehe, dass Du Deinen modus operandi nicht geändert hast. War es Absicht, oder traue ich Dir zu viel zu? Wie auch immer, Du hast mir etwas genommen, und es hat lange, sehr lange gedauert, bis ich es wieder bekam. Ich hatte nicht gedacht, dass das wenige, was ich besaß, Dir begehrenswert erscheinen könnte. Mir selbst war es ja nichts wert, bevor Du es mir genommen hattest. Vor allem aber war es etwas, das Du selbst schon besaßest. Es ging Dir also nicht ums Haben, vielmehr wolltest Du anscheinend eine unliebsame Konkurrenz ausschalten. Mein Fehler war wohl, dass ich uns gar nicht als konkurrierend wahrnahm. Es hat, das will ich nicht verschweigen, lange gedauert, bis ich die ersten Ungereimtheiten in Deinen Geschichten bemerkte. Ich war, wie ich heute weiß, nicht die einzige, die die Leerstellen, das Flickwerk und die geschickten Retuschen sah, aber damals wollte ich mir selbst nicht glauben.  

Der Unterschied zwischen Dir und mir ist, dass ich nahezu nichts brauche. Das „nahezu“ kannst übrigens nicht einmal Du mir nehmen


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Grenzen

Grenzen der Freundschaft. Grenzen der Belastbarkeit. Grenzen des Verstandes. Wer es fassen kann, der fasse es. Ein Fluss bildet eine Grenze, oder ein Gebirge. Sprachgrenzen, Glaubensgrenzen, grüne Grenzen, imaginäre Grenzen. Bildung, Kleidung, Manieren und Geld ziehen mitunter wirksamere Grenzen als Natodraht und Mauern jemals könnten.

Es gibt eine neue Grenze in meinem Leben. Ich wollte sie ursprünglich nicht, aber ich habe sie gezogen. Die andere Seite hat sie befestigt. Das Land jenseits der Grenze betrete ich nicht mehr.


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Mit den Beinen baumeln

„Schreib die Namen auf einen Zettel und verbrenne ihn.“ sagt mein Adoptiv-Cousin. Meine Familie, d.h. meine Herkunftsfamilie, ist dem Aberglauben abgeneigt. Ganz anders jedoch der Gitano-Clan, mit dem mich sozusagen eine gegenseitige Adoption verbindet. Rosmarin gegen schädliche Einflüsse, Feuer, Wasser und Messer, um Bande zu zerstören, die zu Fesseln geworden sind. Nicht, dass ich daran glaube, aber während ich, unter Protest und Gelächter, die Anweisung meines Cousins befolge, fühle ich mich schon erheblich besser. 2017 ist vorbei, sage ich und baumele mit den Beinen. Mögen sich andere die Köpfe einrennen.


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Eine verpasste Gelegenheit

Niemand hat mir je gesagt, dass die Urgroßtante Pferde liebte. Die Urgroßtante war, wie man sagte, ein böses Weib, das seiner Tochter, meiner Großtante, das Leben zur Hölle gemacht haben muss. Auch meine Tanten, durch eine Verschiebung der Generationen nur wenig älter als ich, hatten Angst vor ihr. Ich selbst habe nur einmal mit ihr gesprochen und erinnere mich an eine weißhaarig, zaundürre Frau, die mit erstaunlicher Kraft Feuerholz hackte. Da gab es im Haus schon eine Heizung, die benutzte sie aber nicht, was wohl ihre Art nordhessisch-protestantischer Askese war. „Geht auch ohne!“ könnte der Wahlspruch meiner Familie sein, und – wie ich an der Urgroßtante sehen konnte – schon seit mehreren Generationen.

Eine Bemerkung meiner Großtante hatte mir die Tränen in die Augen getrieben, und weil in meiner Familie die „Heulbojen“ nicht wohlgelitten sind, war ich in die Scheune geflüchtet, wo die Urgroßtante gerade Holz hackte. Die sprach mich an, mit trockener Altfrauenstimme, fragte, ob ich das „Ferienkind“ sei und ob ich das sei, die am Vortag vom Pferd gefallen war. Dann hackte sie weiter Holz, ich band mein Kopftuch wieder neu, dieses Mal korrekt und verließ die Scheune.

Danach habe ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß auch nicht, wann sie gestorben ist. Im Nachhinein wundere ich mich, dass wir einander nicht vorgestellt wurden. Ich war eine gute Woche auf dem Hof meiner Großtante zu Besuch. Hätte ich mich nicht vor den Zumutungen des Lebens in der Scheune verstecken wollen, hätte ich nicht gewusst, dass sie existierte. Es ist möglich, dass sie mich fragte, ob ich Pferde gerne hätte, aber sicher bin ich mir nicht. Weder sie noch ich waren in der Lage, eine Verbindung herzustellen, nicht einmal über das Reiten.

Diese Urgroßtante, so habe ich an Weihnachten erfahren, hatte Pferde so gern, dass sie schon als kleines Mädchen jedes Mal, wenn Besuch mit der Kutsche vom Bahnhof abgeholt werden musste, das Pferdegeschirr blitzblank putzte. Warum sie ein böses Weib wurde, weiß ich nicht. Das harte Leben? Persönliches Unglück? Ein schlechter Charakter? Ich habe allerdings viele Male erlebt, dass Wüteriche oder auch Menschen, die innerlich versteinert schienen, in der Nähe von Pferden sanft wie Lämmer wurden. Schade, dass wir nicht darüber gesprochen haben. Was ich aber zu wissen glaube: sie war wohl ein Mensch, der früh gelernt hatte, dass man es besser nicht zeigt, wenn einem etwas am Herzen liegt. Denn manche nehmen anderen gerade das weg, was die am meisten brauchen, einfach so, weil sie es können. Vielleicht hatte sie deshalb Angst, ihrer Tochter zu zeigen, wie lieb sie sie hatte. Was man liebt, wird einem genommen, muss sie gedacht haben.

 


Jahresrückblick?

Da ist, wenn Sie mein Blog rückwärts lesen wollten, anscheinend nicht viel, worauf man zurückblicken könnte. Es war, was das Blog betrifft, kein gutes Jahr. Ein Plagiat, ich weiß immer noch nicht, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Eine Mail, die ich als arrogant empfand und die mich mehr ärgerte als das mögliche Plagiat. Noch schlimmer: das Gefühl, dass mir da jemand Freundschaft vorgespielt hatte. Plötzlich auf Twitter oder in den Kommentaren auftauchende Freund_innen des absichtlich oder unabsichtlich plagiierenden Rehleins, die anscheinend versuchten, mich auszuhorchen. Unter diesen Umständen habe ich erst einige Texte mit und ohne Widmung gelöscht, die ich nicht mehr sehen mochte, dann das ganze Blog bis auf die URL.  In so einer Situation fühlt man sich beschmutzt, der Magen krampft sich zusammen, und man verliert das Vertrauen in die Leser_innen. Ich habe in dem Zusammenhang einige Mails bekommen, meist freundliche und solidarische. Wenn ich darauf abweisend und distanziert reagiert habe, dann hatte ich meine Gründe. Ich bin naiv, ich fasse leicht Vertrauen. Ich war, ich fasste. Praeteritum. Oder vielmehr Imperfekt, die nicht vollendete Vergangenheit. Nicht vollendet, da das zerbrochene Vertrauen ja bleibt. Es wird nicht wieder vorkommen, dass ich Menschen vertraue, die ich nur durch ihre Blogs kenne. Mit einer Ausnahme, aber die Ausnahme kann ja auch Dämonen bändigen. Hier, im Blog, war einmal der Ort, an dem ich keinen Stacheldraht um mich zog. Der Ort, an dem ich offen war. Zu offen, wie sich herausgestellt hat. Aber jetzt soll es  endlich genug sein mit der leidigen Plagiatsgeschichte.

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Was noch? Rassistische „Ninjas“ aus dem Ruhrpott. Entschuldigung, mit Arroganz und Selbstüberschätzung kann ich auch bei Ninjas nicht leben. Diverse Damen, die – per Mail oder per Kommentar – den geschätzten, wenn auch entfernten Blognachbarn zu diskreditieren versuchten. Auf so etwas reagiere ich  sehr ungnädig. Die üblichen Maskutrollkommentare, die sogleich gelöscht wurden. Ich habe nichts gegen Diskussionen. Da, wo sie sinnvoll sind.  Leider habe ich wenig Sinnvolles gesehen. Insgesamt wenig Lust, mich zu Politischem zu äußern. Das können andere ohnehin besser. Geschichtchen. Da ich nicht an Selbstüberschätzung leide, weiß ich, dass manche Geschichten auf meinem Blog eben nur Geschichtchen sind.

Jahresrückblick aufs Blog? Lieber nicht. Ich mag’s nicht mehr sehen.

Wenigstens war das Leben abseits des Blogs o.k. Mit ein paar Abstrichen in puncto „Beruf“. Der Beruf ist halt leider jetzt nur noch ein Job. Tant pis. Andererseits habe ich meine ersten juristischen Texte übersetzt. Eine Achterbahnfahrt. Blut und Wasser habe ich geschwitzt, aber es war toll.

Na, dann auf ein Neues (Jahr)! Vielleicht muss man sich das Jahr selbst neu machen.

Und Bach:  Gottlob, nun geht das Jahr zu Ende.

 

 

 

 


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Rückkehr

Unsere kleine, von Touristen aus Japan, Italien und beiden Amerikas zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Weise geliebte Stadt ist stellenweise von geradezu atemberaubender Hässlichkeit. Daran ändert auch der Schnee nichts, der doch sonst immer zum beschönigenden Bedecken von Abscheulichkeiten herhalten muss. Die jungen Asiaten, die vor den Baustellenzäunen am Hauptbahnhof dramatische Posen einnehmen, scheint das nicht zu beeindrucken. Wann ist das dramatische Posieren in Mode gekommen, frage ich mich, und wende mich einer weißhaarigen Dame, Typ „coole Tante aus der Großstadt“ zu, die gymnastische Übungen auf dem ebenso verschneiten wie illegalen Parkplatz zu vollführen scheint. Die Gymnastik entpuppt sich als exzessives Winken in Richtung gold- und rastagelockter Nichten, deren Koffer die coole Tante mit balletteusenhafter Grazie und Körperkraft in ein winziges Auto zu quetschen weiß. Ein Hauch von Mansplaining liegt in der Luft, aber das gehört hierzulande zur Folklore und ruft nicht mehr als ein Tiefkühlmadonnenlächeln hervor. Die Nichten wuchten breite Schultern und gestählte Oberschenkel mit deutlich weniger Anmut ins Auto.

Die Großstadt scheint unwirklich nach einer Woche auf dem Land. Doch schon winkt die To-Do-Liste, vibriert die Waschmaschine wie seinerzeit die Bühnenbretter in Erwartung eines heute schon lange vergessenen Tänzers, noch vier Tage, dann öffnen sich auch die Tore des letzten Angestelltenkerkers, um Menschen zu verschlingen und sie nach frühestens acht Stunden als Rechenmaschinen oder Aktenfresser  wieder auszuspucken.

Auf dem Land hieß Lärm: Kirchenglocken, evangelisch oder seltener auch katholisch, Hütehunde in Rage, Schweine und Traktoren. Es gibt Leute, die zetteln deswegen ganze Gerichtsverfahren an. Dieselben Leute übrigens, die klaglos Verkehrslärm ertragen. Die ländliche Stille ist, das vergisst man häufig, voller Geräusche. Selbst in einem Dorf, in dem in den letzten fünfundzwanzig Jahren die Misthaufen und die Hähne verschwunden sind, gibt es noch Kirchen und Schafe und Leute, die sich daran stören. „Die Stille ist ein Geräusch“ sagt Juli Zeh, aber sie meint es anders als ich.

(Die Autorin bedankt sich bei R.M. für die Inspiration.)

 


Nachdem sich heute Herr oder Frau „M“ wunderte, dass ihr bzw. sein Kommentar gelöscht wurde, hier nochmals eine Erinnerung an die hiesigen Spielregeln.

Außerdem gibt es eine neue Regel: Sie lassen auf diesem Blog gefälligst den Don Alphonso in Ruhe. Ich glaube, ich habe 97mal erklärt, dass und warum ich ihn schätze, obwohl ich so selten mit ihm einverstanden bin. Ich erkläre das nicht noch einmal, zumal ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig bin.

 


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An der Wand

Para una ciudad del Norte

yo me fui a trabajar.

Mi vida la dejé 

entre Ceuta y Gibraltar 

(Manu Chao, El Clandestino)

Von der Wand schaust Du auf mich herunter, mit Deinen dunklen Augen und Deinen geschwungenen Augenbrauen. Wie Rabenflügel, sagt man wohl. Augen und Augenbrauen waren wohl Deine einzige Schönheit. Ansonsten erinnere ich mich an einen kleinen, gedrungenen Körper, an ein Hohlkreuz, ein Bäuchlein, schwarze drahtige Haare. Einmal wären wir fast miteinander im Bett gelandet, nach einer Trauerfeier für einen, der zu Lebzeiten einmal vorgegeben hatte, in mich verliebt zu sein. Was er wirklich wollte, habe ich bis heute nicht verstanden. Was Du wolltest, war immerhin glasklar. Da war keine Romantik, keine Verklärung, und im Nachhinein weiß ich das zu schätzen.

Du warst El Pato, Dein Bruder El Negro, dem Toten hatte ich selbst den Beinamen El Chibolo gegeben. La Sandra war da, und La Ceci, die später von ihrem Lebensgefährten erstochen wurde, als sie in der Agentur meines Vermieters putzte. (Die Welt ist ein Dorf.) Der Lebensgefährte, ein Ire, dessen Namen ich vergessen habe, erhängte sich in der Gefängniszelle. La Sandra heiratete  einen Mann von den Philippinen, der ihre Telefonate überwachte und ihr verbot, Spanisch mit ihren Freundinnen zu sprechen. Später lieh ich ihr Geld, damit sie irgendwo neu anfangen konnte. Ubilde, Modedirectrice, war mit einem ungarischstämmigen Österreicher verheiratet, der sie tyrannisierte. Trotzdem setzte sie sich aufs hohe Ross, denn schlecht verheiratet sei immer noch besser als gar nicht verheiratet. Auch die floh schließlich, Aufenthaltsstatus hin oder her.

Ich habe jahrelang nicht mehr an Dich gedacht, während die ganze Zeit über Dein Bild an meiner Wand hing. Dein Gesicht kannte ich auswendig, ich musste das Bild ja gar nicht anschauen. Trotzdem ist es seltsam, und ich frage mich sogar, ob ich Dein Bild vielleicht abhängen und in eine Schublade legen soll, weil die Zeit, aus der es stammt, mir inzwischen so fern ist wie eure Heimatländer.

Clandestino.


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Fundsachen 13

Wer heißt schon Adolf?

Wer hat noch eine Frankfurter Küche?

Woran glaubten eigentlich die Feuchtwangers?

Nicht mal schlecht: Dieter Süverkrüp – Der Touristenflamenco.