Geschichten und Meer


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Schreibblockade / Blogpause

Möglicherweise haben Sie mitbekommen, dass es beruflich bei mir derzeit nicht gut läuft. Das hat Auswirkungen auf mein Privatleben und auch auf mein Schreiben. Was letzteres  betrifft, sinkt die Qualität deutlich, das weiß ich selbst. In den letzten paar Wochen habe ich nur versucht, gegen eine neue Schreibblockade anzuschreiben, aber mit dem Herzen war ich nicht dabei. Grund für die Schreibblockade waren allerdings weniger Beruf oder Privatleben, sondern das beabsichtigte oder unbeabsichtigte (ich weiß es wirklich immer noch nicht) Plagiat und weitere Ereignisse, die damit zusammenhängen.

Wer bloggt, exponiert sich, insbesondere wenn er_sie dazu neigt, so wie ich sein_ihr Herz auf der Zunge zu tragen. Ich kann das im Moment nicht mehr. Ich werde auch eine Weile keine Blogs mehr lesen, glaube ich. Ich entschuldige mich bei den neuen Followern, die erst vor ein paar Tagen in der Hoffnung herkamen, den einen oder anderen guten Text zu lesen. Hier gibt es bis auf weiteres nichts zu sehen, gehen Sie einfach weiter. Liebe alte Follower, es tut mir Leid. Ich bin misstrauisch und verletzlich geworden. Möglich, dass ich zu misstrauisch bin, vielleicht war ich aber auch einfach immer  zu vertrauensselig.

Auf Twitter werde ich demnächst auch in einem etwas kleineren Kreis unterwegs sein. Vielleicht mit einem geschlossenen Account, wer weiß? Es ist nichts Persönliches.


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Geschichten vom See: vertan

Vertan habe ich mich, deshalb komme ich fast eine Stunde zu früh an der Anlegestelle an. Bevor ich nach W übersetze, schaue ich mir also die Basilika des ehemaligen Klosters an. Wenn katholische Kirchen mich armes Protestantenkind generell erschlagen, dann diese ganz besonders. Ich werde ein anderes Mal wiederkommen und sie mir genauer ansehen müssen, auf einen Sitz ist sie mir zu viel, mit ihrem Stuck, ihrem Gold, ihren Reliquien…gibt es eigentlich einen Grund, warum katholische Glocken vergleichsweise jämmerlich klingen?

Ein zweites Mal vertue ich mich, als  ich den Wanderweg nach G einschlage. Ein Wegweiser zeigt in eine Richtung, die mir falsch zu sein scheint, aber ich denke nur, dass die klugen Leute, die die Wegweiser aufstellen, schon wussten, was sie taten, und dass mein Orientierungssinn bekanntermaßen ein schlechter Witz ist. Ich habe sowohl eine Wegbeschreibung als auch eine Karte, aber beide passen in meinen Augen nicht recht zusammen, und die Wegweiser passen zu keinem von beiden.  Deshalb laufe ich in die angegebene Richtung, bis es mir zu dumm wird. Ich beschließe, ganz einfach in den Wald zu gehen und dann parallel zum Seeufer Richtung Norden. Bald treffe ich auf ein ähnlich desorientiertes Pärchen, das mit einer Karte hantiert. Da ich keine Lust auf Smalltalk habe – dass ich allein wandere, hat seinen Grund – schlage ich mich in die Büsche, genauer gesagt folge ich einem ansteigenden Waldweg, der schnell immer schmaler wird und schließlich in einem trockenen Bachbett endet. Die Richtung stimmt aber; zu guter Letzt gelange ich auf den Weg, den ich von Anfang an gehen wollte. Der ist überwiegend befestigt, führt durch einen wunderschönen Wald und steigt kaum an. Als ich ein Kreuz sehe, dass an einen Verunglückten erinnert, frage ich mich, was man tun muss, um auf diesem Weg zu verunglücken. Betrunken mit dem Kopf voran in ein Loch fallen und stecken bleiben? Ein paar hundert Meter und eine Serpentine weiter ist aus dem Weg ein schmaler Pfad geworden, auf dessen rechter Seite es steil abwärts geht. Mir wird klar, wie das Unglück passiert sein könnte: bei feuchtem Wetter gestolpert, abgerutscht und zwischen Baumstämmen talwärts gekullert. Der steile Abhang und ein ungünstig stehender Baumstamm reichen aus, um sich im schlimmsten Fall das Genick zu brechen.

Auf den Wiesen stehen Reiher, im Wald sehe ich eine riesige Libelle, außerdem einen Zitronenfalter, ein Tagpfauenauge und einen weißen Schmetterling, der mir kein Kohlweißling zu sein scheint. Kräftig rosafarben blühen Blumen, die ich nicht kenne, und die mich an Orchideen erinnern. Jungbauer und Altbauer mähen, während eigentlich Kirche wäre, aber man kann es sich halt nicht aussuchen. Ich werde nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum gefragt, als allein wandernde Frau bin ich in der Gegend interessant, weil selten. Wie es sich gehört, lobe ich Vieh und Wiesen, und wie es sich ebenfalls gehört, winkt der Altbauer ab, Kühe und Gras halt. Die ersten Brombeeren habe ich schon an einer Mauer im Ort gepflückt, im Wald finde ich noch ein paar Himbeeren. Nach der letzten Tour habe ich gelesen, dass ich mir in der Gegend keine Sorgen wegen des Fuchsbandwurms machen muss, also esse ich, was noch zu finden ist. Den Brombeeren auf einer Lichtung war es wohl zu trocken, sie sind bitter und klein geblieben.

Nachtrag: es duftet nach reifem Getreide, wie damals, als mein Großonkel starb.

Nachtrag 2: Pausen- und Zuglektüre war dieses Mal wieder ein Krimi, nämlich Böse Seelen von Linda Castillo. (Ich mag Bücher, in denen es um das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen geht. Abgesehen davon gibt es aber auch bessere Krimis)

 


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Fundsachen 5

Ja, manchmal bedauere ich es, keine Kinder zu haben. Aber bereuen? Habe ich damit gesündigt und gegen die göttliche Ordnung verstoßen? Lebte ich noch in Fundi-Land, müsste ich zumindest letzteres bejahen. (Ich bereue eine ganze Menge Dinge, die ich in meinem Leben getan habe, aber keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben, gehört nicht dazu.)

Eine Liebe, zwei Religionen. In ihrer Heimat waren sie nicht sicher. Deshalb verließen sie die Heimat.  Und eines Tages konnten sie nicht mehr zurück. Dann flohen sie wieder. Und wieder.  Bis sie schließlich in Europa ankamen. (via @Dame_vonWelt auf Twitter)

Man muss zu flirten wissen, und dazu muss man verstehen, dass ein Flirt ein Spiel und eine Kunst ist, und dass das Alter und übrigens auch die Kilos gar nichts zu sagen haben, wenn zwei es richtig gut können.

Was wollen Sie, mich amüsiert so was.

Die Sängerin La Kaita, die ich hier zum ersten Mal gesehen habe, ist – unbekannterweise – eine Schwester im Geiste. Die Szene ist aus dem Film „Vengo“ von Tony Gatlif.


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Freundinnen

Die P, so mag es Ihnen scheinen, ist eine Altruistin. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, gelang es ihr früh im Leben, sich in einer großbürgerlichen Familie einzuwurzeln. Besondere Umstände führten dazu, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Die P und ich haben einiges gemeinsam, so mag es Ihnen scheinen. Ungeliebte und ungewollte Töchter beide, ein Leben, das uns lehrte, dass nichts, aber auch gar nichts sicher und verlässlich ist, innerhalb weniger Jahre ein mehr oder weniger direkter Einblick in unterschiedlichste Familien- und Vermögensverhältnisse und ein daraus resultierendes Verständnis für scheiternde und gescheiterte Existenzen..

Man kann das Mädchen aus dem Viertel holen, aber das Viertel nicht aus dem Mädchen, sagt man, und in meinem Fall stimmt es. Die P jedoch, der von ihrer großbürgerlichen Zweitfamilie ein mehr als gesundes Selbstbewusstsein eingeimpft wurde, hat sich beeilt, ihre Ursprünge hinter sich zu lassen; das war klug von ihr und hat ihr einiges im Leben ermöglicht. Man spürt das: als die P und ich einmal in Streit gerieten, da stieg sie aufs hohe Ross und ließ von ganz oben ihre Verachtung auf mich fallen wie einen Sack voll Zement. Eine Verachtung, zu der ich nicht einmal fähig wäre, und deren Wirksamkeit mich erstaunt. Sie ist mir über, die P, und sie genießt es. Das soll sie. Nur Freundinnen werden wir nicht wieder.

 


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Rosa Lästereien

Sie hätten Schwestern sein können, oder Mutter und Tochter, aber wie sich herausstellte, waren sie nur Kolleginnen. Sie waren alles, was ich nicht bin: blondiert, zierlich,  bei Sonnenschein fröstelnd in überdimensionale Wolljacken gewickelt, rosa-glitzernd beschuht…

Normalerweise hätten sie mich keines Blickes gewürdigt.  Zwischen ihresgleichen und meinesgleichen war schon auf dem Gymnasium eine scharfe Trennlinie, die nicht überschritten werden konnte. Aber da waren diese beiden Männer. Der eine jung, schwarz gekleidet, ein Baby im Tragetuch, das er mit zärtlicher und fürsorglicher Geste stützte. Der andere alt, mit wildem Haar und Bart, übriggeblieben aus weiß Gott was für einer Revolte, die Ideale von einst in Alkohol getränkt und mit Tabak geräuchert.

Ich weiß nicht, warum sich  die rosablonden Glitzerdamen an den beiden Männern gestört haben, und noch viel weniger weiß ich, welcher rosa glitzernde Teufel sie geritten haben mag, dass sie glaubten, mich zu ihrer Komplizin machen zu können.  Augenrollen, Naserümpfen, Rippenstöße, Getuschel, schräge Blicke in Richtung der beiden Männer, auch zu mir schießen Blicke, amüsiert und schließlich fragend, auf die ich reagieren soll.

Wieder einmal bedauere ich, dass ich weder die Glutaugen noch das Mundwerk der spanischen primas habe. So muss ich mich auf einen gespielt  verständnislosen Blick über die Ränder meiner blaustrumpfigen Tante-Gouvernante-Brille beschränken. Aber auch der wirkt. Notfalls.


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Haushaltsvorstand

Gestern bekam ich einen Brief, adressiert an den „Haushalt von Frau Trippmadam“. Das erinnerte mich an den „Haushaltsvorstand“. Nach selbigem gefragt, gab die damals noch junge Altbäuerin – sozialisiert in einem nordhessischen Matriarchat – ganz selbstverständlich den Namen des ältesten weiblichen Familienmitglieds, des Fräulein Doktor,  an. Die war nicht nur die Älteste der damals noch zusammen lebenden Großfamilie, sondern auch laut Grundbuch die Eigentümerin des gemeinsam genutzten Hauses. Die Schwiegermutter der späteren Altbäuerin wies diese jedoch darauf hin, dass sie den Namen ihres Ehemanns, des einzigen Mannes im Hause, hätte angeben sollen. Ganz korrekt war das allerdings nicht: laut dieser Definition hatte die Altbäuerin Recht, denn das Fräulein Doktor, auch „unser Tant'“ genannt, Erbauerin und Eigentümerin des Hauses, leistete von jeher den größten  Beitrag zum Haushaltseinkommen. Vor den Augen der Welt war jedoch der einzige Mann, gleichzeitig der jüngste Erwachsene im Haus, das Familienoberhaupt und überlagerte damit sämtliche Frauen mitsamt ihrer nicht unbedeutenden Lebensleistung.

Und da fragen Sie sich noch, wieso ich Feministin wurde?


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Hitze

Wann ist die Hitze am größten? fragt die Altbäuerin und antwortet sich gleich selbst: Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellt!

Sie könnten jetzt meinen, die Altbäuerin hätte den Verstand verloren, wozu die Altbäuerin aber nur sagen würde: was hab‘ ich da schon zu verlieren? Aber es ist ganz anders und ganz einfach. Im Idiom, mit dem die Altbäuerin aufwuchs, und das ich nur noch verstehe, aber nicht mehr spreche, ist „Hitze“ ein Wort für die weibliche Ziege.

Wenn aber so eine Hitze sich in den Kopf gesetzt hat, ein paar Blätter zu probieren, die hoch über ihrem Kopf hängen, dann stellt sie sich auf die Hinterbeine, stützt sich mit den Vorderbeinen ab,  macht den Hals lang und länger, spitzt das Mäulchen, streckt vielleicht sogar die Zunge heraus und zupft mit zierlicher Geste ein oder mehrere Blättlein ab. So macht das die Hitze, wenn sie am größten ist.

Herr Solminore versucht sich an der Hitze, und auch die Frau Lakritze.


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Tage wie jener

Da gestern so ein be…scheidener Tag war, hier mein persönliches musikalisches Gegengift:

Ich liebe ja alte Säcke, die auf Bühnen Sachen machen: Four Lads – Istanbul

Noch einer: Don Rubén González – Siboney

Und  immer noch einer, der aber kommt mit einem Sträußchen Rosmarin: El Lebrijano – Matita de romero. 

Nun die Damen:

Verlieb dich oft, verlob dich selten und heirate nie, sagt die Altbäuerin. Manche Spanierin sah das ebenso. María Barranco in der Rolle der Nena Colmán im Film „Las Cosas del Querer“: Soltera pa‘ toda la vida.

„Gambling down in New Orleans…“ Odetta – House of the Rising Sun.

Aus Sizilien: Rosa Balistreri – Mi votu e mi rivotu


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Ernst gemeinte Frage

Vielleicht handelt es sich um Fake News, aber die Meldung über eine junge Frau, die sekundenlang in Minirock und kurzärmeliger Bluse in einem Video zu sehen ist, sprang mir eben ins Gesicht, kaum dass ich die Maschine angeworfen hatte. In Saudi-Arabien verbietet man den Minirock, bei uns den Burkini oder das Kopftuch, in den USA bekommen Schülerinnen Ärger, weil BH-Träger unter dem Top zu sehen sind und  in Frankreich wegen zu langer Röcke.

Jetzt erzählt mal, Männer, wieso glaubt ihr, uns unsere Kleidung vorschreiben zu dürfen? (Ich werde diese Frage bereuen, fürchte ich.)

Auch die Dame von Welt präsentiert ein Fundstück zum Thema „Assistenz in Bekleidungsfragen.“


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Der gelbe Zettel, die Hausmeister und der Tod

Sie kennen den einen der beiden Hausmeister vielleicht noch vom Vorgängerblog? Der mit dem Türchen und der, sagen wir, ungewöhnlich ausgeprägten Arbeitsmoral, die sich in vorzeitigem Dienstantritt und dem Anbringen von Verbotsschildern auslebte?   Nun sind es zwei, und ich bin nicht sicher, ob sie ein Brüderpaar oder ganz einfach ein Paar sind. Ähnlich sehen sie sich jedenfalls nicht. Vielleicht sind sie auch nur zwei Putzteufel, von Satan aus der Hölle verbannt. (Man soll ja den Leuten nichts Böses wünschen, aber ich hoffe doch sehr, Satan möge sie bald heimholen. Aber der ist vermutlich froh, dass er sie los ist, legt die Füße hoch und räkelt sich in seinem leicht angebrannten Sessel. Jetzt darf er ja.)

Je älter ein Mietshaus ist, desto häufiger kommt der Tod vorbei. Im letzten Jahr war er gleich drei Mal da, dieses Jahr erst einmal. Ein noch nicht alter Mann, aber seit Jahren herzkrank, drei Tage lag er in der Schwüle dieses Sommers, bis jemand die Polizei alarmierte. Es war wohl Zufall, dass er drei Tage lang nicht vermisst wurde, denn eigentlich gab es einen Freundeskreis.

Familie ist wohl ebenfalls vorhanden, und damit diese von Anfang an weiß, wo der Hammer hängt, wurde sogleich ein pestgelber Zettel an der Wohnungstür angebracht.

Der Text:

„Hallo. Bitte beim Betreten der Wohnung Fenster zum Lüften öffnen und ggf.Gekippt lassen wg starker Geruchsbelästigung im gesamten Haus.“ (Orthografie wie im Original)

Ich kenne mich ja mit der Etikette nicht so aus, aber tut man denn so etwas? Macht man Hinterbliebene gleich an der Türsschwelle  auf den von ihrem lieben Verstorbenen verursachten Gestank aufmerksam? Ohne ein freundliches, mitleidiges Wort? Ich habe mir das drei Tage angesehen, und mir soeben erlaubt, das pestfarbene Miniaturpamphlet zu entfernen. Ich glaube, die Familie wird von selbst darauf kommen, die Fenster zu öffnen. Man muss sie nicht noch maßregeln.

Aber so ist er eben, unser Hauswart. (Um nicht ein schlimmeres Wort zu gebrauchen.)