Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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In diesen Zeiten

In diesen Zeiten, wo ich mich zum Schreiben zwingen muss, damit ich wenigstens übungshalber Texte produziere, in diesen Zeiten, wo mir das Tanzen schwer fällt und die Kommunikation mit anderen Menschen noch schwerer, in diesen Zeiten also treffe ich mich mit einer alten Tanzfreundin. Sie tanzt nicht mehr, hat geheiratet und zwei Kinder geboren, erzählt von der Angst, ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht zu werden, vom Stress des Mutterseins. Sie ist eine der wenigen Mütter in meinem Umfeld, die mir mein Nicht-Muttersein nicht zum Vorwurf machen. Trotzdem fühle ich mich unsicher, als hätte ich etwas versäumt. Es gab eine Zeit, da war mir nicht einmal bewusst, dass anderen mein Mangel an Nachkommenschaft seltsam vorkommen mochte. Man wusste es mir jedoch zu vermitteln, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte, und seitdem bin ich Müttern gegenüber misstrauisch. Meine alte Freundin wirkt nicht glücklich, und ich wünschte, wir könnten einander ausreichend vertrauen, um uns die Wahrheit zu sagen.


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Flüchtling

Der Junge liegt unter dem Baum, anscheinend unbeeindruckt von den Passanten und ihren Blicken, vom Straßenlärm und sogar von den Hunden, die wenige Meter entfernt ihr Geschäft verrichten. Niemand sonst legt sich auf diese Wiese. Niemand, außer dem Jungen, der vielleicht  einmal anderswo so gelegen hat und, geschützt durch mildes grünes Laub, in einen fast schmerzhaft blauen Himmel geblickt hat.

Man möchte etwas sagen können, damit der Himmel nicht mehr so fremd ist.

Keine Heimat. Nirgends.


Hofnärrin

Niemand, nicht einmal meine Eltern, wollten, dass ich lebe. Ich hätte ihnen beizeiten den Gefallen tun sollen, aber jetzt ist es zu spät, jetzt will ich meine 70 oder 80 Jahre haben wie andere auch.

Dieser Tage sagte mir einer, ich sei bezaubernd, aber das war natürlich gelogen, wenn auch möglicherweise in diesem einen Fall ohne böse Absicht. Das Bewusstsein meiner Wertlosigkeit wurde mir früh eingeimpft, und man sorgte und sorgt immer noch dafür, dass ich keinesfalls vergesse.

Einmal war da einer, der dachte, es gebe wohl eine Sache, die ich gut könnte, aber da hatte ich die Lektion schon zu sehr verinnerlicht, und auch, als er ein zweites, drittes und sogar viertes Mal fragte, sagte ich immer noch nein, obwohl ich gerne ja gesagt hätte. Denn insgeheim bin ich immer noch „dick und dumm“, da helfen weder nachweislich bestandene Examina noch eine Sanduhrfigur. Wir haben ein Wort dafür, oder vielmehr deren sechs: so dumm wie ein schwarzes Schwein.

Ich erzähle Geschichten, mit Worten oder mit Tanzschritten, und für einen Moment gefällt Ihnen das  vielleicht wirklich, aber dann ist es vorbei, und man lacht über die Närrin, die einen Moment lang dachte, nein, glaubte, es gebe irgendwo einen Ort.

 

 


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Twitterseptember

An Twitter mag ich das Epigrammatische, die Würze in der Kürze und die kleinen Einblicke in fremde Leben. Hier meine Septemberlieblinge (mit despektierlichen Kommentaren gleich unter jedem Tweet.) :

Mehr zu sehen gibt es bei Frau Schüssler.

So geht’s mir ja beim Tanzen immer.

Gut, dass ich solches Teufelszeug nicht habe.

Ich bin ja keine Autorin, aber manchmal, ganz selten, möchte ich…

Katzen sind durchaus zu Mimik fähig. Und mein Vater pflegte die Familienkatze zu siezen.

Kein Lieblingstweet. Es gibt Situationen, in denen eine Frau, die ihren Ehemann oder Liebhaber frei und selbstbestimmt wählt, durchaus feministisch handelt. Etwa in einem Land, wo Frauen das normalerweise nicht dürfen. In meinen Augen zeigt dieser Tweet ja nur das Privileg einer weißen, deutschen Feministin. (Wofür ich keine verteufeln will, ich spöttele halt nur gerne.)


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Und dann…

…sagte der Chef, dass gewisse Vergünstigungen, welche die Firma bisher Eltern und pflegenden Angehörigen gewährt hatte, in Zukunft wegfallen. Na, da ging der junge Vater aber auf die Barrikaden! Im Grunde hat er ja Recht, nur fällt mir die Solidarität mit jemandem, der selbst in den vergangenen Jahren  so wenig solidarisch war, doch etwas schwer.


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Wie Mutter sich einmal verwählte…

Mein Vater ist lange tot und meine Mutter eine würdige alte Dame, die das Internet für Teufelswerk und Blogs für gefährlichen Irrsinn hält. Deshalb kann ich die Geschichte jetzt erzählen.

Sie müssen wissen, ich stamme von einer langen Reihe von Sozen ab. Mir geht es mit der Sozialdemokratie wie Antonio Gades mit dem Kommunismus – mein Schicksal war schon vor meiner Geburt besiegelt (und genau deshalb habe ich ein Problem mit der heutigen SPD, aber dies nur am Rande).  Meine Mutter, in der rotenWolle indanthrengefärbt, konnte nicht anders, als im Frühling 1965 einen Sozialdemokraten zu heiraten. Alles andere hätte ihre Familie nicht standesgemäß betrachtet. Schlimm genug, dass mein späterer Vater kein Landwirt war, aber das konnte man im äußersten Notfall ( = schwangere Braut) tolerieren.

Irgendwann in den 70ern muss es gewesen sein, da war meine Mutter von den Anforderungen des Haushalts, dreier Kinder und eines Ehemanns von, sagen wir,  kompliziertem Charakter, ziemlich gestresst. Im Wahllokal war dann endlich mal Ruhe, und irgendwie muss sie das derart aus dem Konzept gebracht haben, dass sie versehentlich die CDU angekreuzt hat. Obwohl sie damals von den Wechseljahren noch weit entfernt war, berichtet sie von einem Schweißausbruch von geradezu menopausalem Ausmaß. Was tun? Der CDU eine Stimme schenken? Niemals! Einen Ersatzwahlzettel gibt es bekanntermaßen nicht. Also machte sie schweren Herzens den Wahlzettel mit einem langen, diagonalen Strich ungültig.

Ihren drei Kindern hat sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit von dem Debakel erzählt. Mein Vater hat bis zu seinem Tod nichts davon erfahren. Bis heute zuckt meine Mutter aber zusammen, wenn es heißt: ungültige Stimmen – soundsoviel Prozent.


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Die Soraya

Wie es scheint, liegt da doch noch einiges im Blogkeller, was an die Luft muss. 

Die Soraya nämlich wohnt in der Vorstadt. Da ist sie geboren, da hat sie ihr Leben verbracht, da will sie einmal begraben sein. Jung ist sie nicht mehr, die Soraya, aber immer noch schön. „Rassig“ sagte man, als die Soraya noch ganz jung war, denn die Soraya hat schwarze Haare und Augen wie aus tausendundeiner Nacht. Perser soll ihr Vater gewesen sein, zumindest glaubt das die Mutter von der Soraya. Genau weiß sie es aber nicht, denn der Perser (oder Araber oder Grieche) verschwand, noch bevor die Soraya geboren wurde, und eine Nachsendeadresse hinterließ er nicht, weder in Deutschland noch in Persien (oder Saudi-Arabien oder irgendwo sonst). Die Kathi, also die Mutter von der Soraya, war siebzehn, als sie sich zum ersten Mal wirklich echt verliebte, in Parvis oder Paris oder Baris, oder wie auch immer er im Pass heißen mochte. Gesehen hat sie den Pass nie, und auch die Villa im dem fernen Land, Ägypten oder Iran oder Türkei, von der der Paris oder Baris oder Parvis immer sprach, hat sie nie gesehen. Statt dessen war sie schwanger, nicht einmal zwanzig und ohne Schulabschluss. Damals  glaubte sie noch, dass der Vater von der Soraya, wenn er seine Angelegenheiten geregelt hätte, zurückkäme, um sie zu heiraten. Und weil sie das immer noch hoffte, als man sie in den Kreißsaal brachte, gab sie ihrer Tochter den einzigen irgendwie orientalischen Namen, den sie kannte: Soraya.

Die Soraya war gescheit, und als sie ihren Schulabschluss hatte, fing sie eine Ausbildung zur Krankenschwester an, was das Richtige zu sein schien für so ein intelligentes und fleißiges Mädchen.  Wie ihre Mutter, die Kathi, hat sie viel geliebt, aber nie geheiratet. Anders als die Kathi hat sie jedoch schon in sehr jungen Jahren gewusst, dass man nicht auf persische Villen spekulieren soll, sondern sich nur auf die eigenen Hände und den eigenen Kopf verlassen kann, will man bestehen  in der Welt. Das hat die Soraya auch getan, und so ist sie heute unabhängig und kann die Kathi unterstützen, die nie gelernt hat, für sich zu sorgen.

(Ich habe mir hier einen Namen und einen Beruf ausgeliehen und eine Geschichte darum gestrickt. In Wirklichkeit ist natürlich alles ganz anders gewesen.)

 


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Herbst

Man sollte vielleicht aus purer Bosheit wieder anfangen zu bloggen. Bosheit ist eine ausgezeichnete Triebfeder. Glauben Sie einer alten Frau.

Raureif im Haar, Villon in der Manteltasche, trete ich aus der Tür. Der Freund ist nun völlig grau, aber es steht ihm. Montagmorgens riecht das Viertel nach Kuhmist; um vier Uhr fahren die Viehlaster zum benachbarten Schlachthof. Noch sind die Bäume grün, nur das Weinlaub an der Friedhofsmauer färbt sich an vielen Stellen rot.

Auf dem kreisrunden Platz, dessen völlige Zerstörung im letzten Krieg nur der ahnt, der davon gelesen hat, werfen Blumenrabatten orange und rote Flammen in den Himmel. Wird ein Krieg jemals der allerletzte sein? In der Stadt erinnern mehrere Steintafeln an den „großen Krieg“ oder den „großen Weltkrieg“. Da ahnte man noch nicht, dass wenige Jahrzehnte danach ein neuer Weltkrieg kommen sollte. Der Mensch neigt wohl dazu, sich Hoffnungen zu machen, und zur Hoffnung passt es nicht, am Ende eines Krieges schon den nächsten zu fürchten.

Septemberhimmelhellblau. Der Freund ist weit fort. Dass er grau geworden ist, weiß ich nur von den Bildern.


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Nicht, dass Sie glauben,

ich könnte oder wollte wieder schreiben. Das ist nur Schreibdurchfall, der sich an einem Stichwort aufgehängt hat.   (Ja, meine Metaphern sind das Letzte. Waren sie schon immer. Und ich höre mich an, als wollte ich den geschätzten Herrn Schizophrenisten plagiieren.) Es schreibt, nicht ich.


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Vom Meer

(auf Wunsch und auf Bestellung)

Einhundertundzwanzig Kilometer sind es vom Hafen von Kalkutta bis zum Meer. Einen Hafenmeister aus Kalkutta kann man deshalb wohl kaum einen Seemann nennen. Oder gilt so einer auch als Seemann an Land? An seinen Namen erinnere ich mich nicht, auch nicht an Geburts- und Sterbedatum, nur an den Zusatz „Hafenmeister aus Kalkutta“. War er nun Hafenmeister in Kalkutta oder aus Kalkutta gebürtig oder gar beides? Die Grabsteingrammatik lässt mitunter Fragen offen, und ich bin in Fragen der Grammatik äußerst spitzfindig*. Begraben liegt er aber in Berlin, nahe bei einer meiner Berliner Lieblingskirchen. Das ist noch weiter weg vom Meer.

wofür ich gestern auf Twitter von einem vermutlich neo-calvinistischen Parvenu übrigens eins auf die Mütze bekam.