Geschichten und Meer


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Hasenbrot

Wenn mein Großvater „über Land ging“, was er als freier Handwerker mit einem Ein-Mann-Betrieb gelegentlich tat, um Reparaturen in einem Nachbardorf oder sogar in der Kreisstadt auszuführen, dann nahm er sich natürlich Proviant mit. Proviant bestand in seiner Welt aus Wurstbroten, Kaffee und – sofern vorhanden – etwas Obst aus dem eigenen Garten. Was davon übrig blieb, bekamen die Kinder zum Abendbrot. Als diese, damals noch sehr klein,  einmal fragten, wo denn das schon belegte Brot herkomme, sagte mein Großvater, die Hasen hätten es ihm geschenkt, und deshalb heißt übrig gebliebenes Brot in meiner Familie „Hasenbrot“. Auch seine Enkel waren übrigens als Kinder fest davon überzeugt, dass Hasenbrot  sehr viel besser als jedes andere Brot schmecke. Das ging so weit, dass wir unseren Proviant auf Wanderungen nicht aufaßen, sondern ein Stück zurückbehielten, um es zu Hause als Hasenbrot essen zu können.

Auch Caroline Caspar weiß vom Hasenbrot.

(Keine Geschichte vom See, denn am See regnet es, und deshalb blieben das Brot und alles andere heute zu Hause.)


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Geschichten vom See: Neureuth

Auf die Neureuth wandere ich aus purem Trotz, einzig und allein, weil jemand sagte, ich könnte es ohnehin nicht schaffen. Da die Wettervorhersage sich nicht entscheiden kann zwischen Gewitter und leicht bewölktem Himmel, beschließe ich, erst am See zu entscheiden, ob ich Richtung Neureuth gehe oder mich auf den Höhenweg beschränke.

Früh fahre ich los, als geborene Flachländerin vermute ich, dass mir der Weg nicht ganz leicht fallen wird, und mir ist es lieber, wenn ich dabei weniger Zuschauer habe. Außerdem mag ich es, mutterseelenallein im Wald zu sein. Der Zug ist angenehm leer, hinter zarten Wolken schaut die Sonne hervor. Da es nicht regnet, als ich in Tegernsee ankomme, entscheide ich mich für die Neureuth.  Mein lädierter Knöchel meldet sich schon nach wenigen hundert Metern, aber ich beschließe, es darauf ankommen zu lassen und weiter zu gehen. Nach einem Stück befestigten Weges geht es über einen wurzeligen, steinigen Pfad aufwärts. Ich stelle erste Vermutungen über die Bezeichnung Sommerweg an: im Winter muss er eine eisige Rutschbahn sein. Auch lerne ich, dass Wurzeln bei feuchtem Wetter glatt sein können wie Schmierseife und es nichts nützt, sich auf einen dicken Steinbrocken retten zu wollen, denn auch der scheint ganz und gar aus Seife zu bestehen. Meine Erfahrungen aus Taunus und Vogesen nützen mir hier rein gar nichts, aber sobald ich kapiert habe, welches die Stellen sind, auf denen meine Wanderschuhe nicht rutschen, geht es. Der Pfad ist landschaftlich schön, in Serpentinen schlängelt er sich durch dichten Wald bergauf. Mitunter zweigen seitlich sehr schmale Pfade ab, aber ich kenne das Gebiet nicht gut und habe auch keine gute Wanderkarte, deshalb folge ich lieber den Wegweisern. Immer wieder bleibe ich stehen, um den Ausblick zu genießen, unbekannte Pflanzen zu betrachten oder einem Schmetterling nachzusehen, dessen Bezeichnung ich nicht kenne.

Ein Schutzhüttchen bietet sich für eine längere Pause an: Wasser, Proviant und ein paar Seiten im mitgebrachten Krimi. Das Hüttchen ist verziert mit dem üblichen, leicht schweinischen Schülerhumor, aber auch ein Schillerzitat findet sich und macht mich nachdenklich. Nicht das Zitat selbst, sondern der Ort, an dem es sich befindet. Der Ort mag schön sein, wirkt aber eher geistlos auf mich.  Als ich weitergehen will, kommen zwei Jogger vorbei. Man joggt auf die Neureuth? Später sehe ich: man radelt sogar. Also, ich finde ja, man kann sich auch ein Klavier ans Bein binden und Polka tanzen, aber das soll jeder machen wie er mag. Der Weg, den die Jogger genommen haben, ist unangenehm schotterig. Lieber biege ich auf einen Waldpfad ab. Ich bin nun schon soweit oben, dass selbst ich mich nicht mehr verlaufen kann, und hinunter kommt man bekanntlich immer.

Oben angekommen, finde ich ein Kapellchen, das an die Gefallenen von zwei Weltkriegen erinnert. Drinnen füttere ich den Opferstock und versuche, die Bedeutung der Votivgaben zu erraten. Anders als in Andalusien erschließt sie sich mir nicht, und ich spüre wieder einmal, wie fremd ich hier bin.

Ein Wegweiser an einer Kuhweide zeigt nach Gmund, mit Rindern habe ich es ja nicht so, wie Sie wissen, aber es sind keine da. Dafür warnt ein Totenkopf vor schlechten Wegverhältnissen nach einem Unwetter. Außer, wenn sie auf Flaschen kleben, flößen mir Totenköpfe wenig Respekt ein, und so sage ich dem Knochenmann in Gedanken, er solle sich mal nicht so anstellen. Wenige Meter danach stelle allerdings  ich mich an. Der Weg ist rutschig und steil, und ich bemerke, dass ich eine wenig elegante Gangart – „wie der Storch im Salat“ –  angenommen habe. Ich lasse erst alle anderen Wanderer passieren – inzwischen sind nämlich welche da – und stakse dann vorsichtig Richtung Tal. Dass sich dabei nunmehr mein Knöchel anstellt, ist, nun ja, nicht hilfreich. Bergab dauert es, bis der Knöchel sich beruhigt. Es hilft auch nichts, den Wanderschuh neu zu schnüren, also hinke ich talwärts. Zum Glück wird der Weg bald besser.

Zwei verbissene Managertypen kommen mir, Kinn voran, entgegen und schauen mich an, als wollten sie meinen Weg ins Tal am liebsten künstlich beschleunigen. Warum wandern solche Leute? Ach ja, die Konkurrenz wandert, also sie auch, ob sie Lust dazu haben oder nicht. Sie sind die einzigen, die nicht grüßen, und obwohl ich um die Wandereretikette weiß, nach der nicht jeder zu jeder Zeit einen Gruß erwarten darf, bin ich fast ein bisschen beleidigt. Da ich schon wieder Hunger habe, mache ich eine zweite längere Pause auf einer halb versteckten Bank. Dabei habe ich das Gefühl, jemand schliche hinter mir herum und beobachte mich. Als ich mich umdrehe, flieht ein Reh.

In Gmund angekommen, wundere ich mich über ein fast heimatliches Gefühl.

Pausen- und Zuglektüre: Maria Benedickt, Die Fährte der Füchsin.

 


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Am See: Rindviecher und neue Schuhe

Auf dem Weg zum See fallen mir Kleingärten auf, die sich in den Bahndamm drücken, als hofften sie, nicht gesehen zu werden. (Zu-)Flucht oder Subsistenz, auf jeden Fall wirken sie nicht, als wären sie jemals mit einer Kleingartenvereinssatzung in Berührung gekommen. Schuppen und Hüttchen, vergrößert mit Plastikplanen, das macht Flexibilität möglich. Peinlich genau scheinen die Besitzer (Pächter?) darauf zu achten, dass man ihnen nichts nachsagen kann: außenherum akkurat geschnittene Hecken, möglichst undurchsichtig, aber drinnen regiert die Anarchie, was man aber nur vom erhöhten Bahndamm aus sehen kann.

Der Zug ist ein Wurfspeer zwischen Regentropfen und Bergen von grauer Watte. So erscheint es jedenfalls meinem durch Schlafmangel getrübtem Verstand. Ich bin spät dran, die echten Wanderer haben einen der früheren Züge genommen. Oder ist das Wetter der Grund, weswegen der Zug so leer ist? Ich finde keine Geschichten in den Gesichtern der Mitreisenden und so vertreibe ich mir die Zeit mit Mosebachs „Türkin“. In T angekommen, besuche ich ein Museum, das noch Winterpause hatte, als ich Anfang Mai  zum ersten Mal dort war. Eigentlich bin ich eine Stunde zu früh, aber die freundliche Dame erzählt mir, dass sie bei schlechtem Wetter manchmal früher öffne. Bei schönem Wetter, so sagt sie, komme fast niemand. Außer mir ist noch eine Familie mit drei mehr oder weniger gelangweilten Kindern da. Kloster, Wittelsbacher, berühmte Persönlichkeiten, die aus dem Umland des Sees stammten oder sich dauerhaft dort niederließen, Handwerk, Landwirtschaft, Küche, Trachten, Bilder, Briefe, Urkunden – das kleine Museum  ist eine Schatztruhe, aber die Übermüdung treibt mich nach kurzer Zeit an die frische Luft. Außerdem bin ich ungeduldig und will die neuen Wanderschuhe ausprobieren, die ich im Zug mehrmals auf- und zugeschnürt habe, bis sie endlich meinen Vorstellungen entsprechend saßen.

Dieses Mal gehe ich nicht durch den Ort, sondern biege gleich am Bahnhof in den Wald ab. Eigentlich aus Versehen, aber der Weg ist schöner und genauso gut gekennzeichnet, was bei meinem Mangel an Orientierungssinn ein echter Pluspunkt ist. Einen Moment zögere ich, als ein Wegweiser auf eine verlockenderes Ziel hinweist, aber meine Müdigkeit, die neuen Schuhe und mein Mangel an Übung lassen mich diesen neuen Plan auf September oder Oktober verschieben. Feuchtwarm ist es im Wald, eine echte Waschküche, in der mir beim Gehen der Schweiß ausbricht. Lichtet sich der Wald jedoch, entschädigt der Blick auf den See und die gegenüberliegenden Berge für die Mühsal. Das ist nicht mein Wald, nicht mein See, es gibt nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit zwischen dieser Postkartenidylle einerseits und meinem schweigenden Wald mit dem finsteren See andererseits, aber es ist besser als nichts, besser als die Mauern, zwischen denen ich mich von Montag bis Freitag bewege.

Mitten im Wald ein niedriger tonnenförmiger Bau, der mir beim letzten Mal nicht aufgefallen ist. Ein früherer Eingang zu einem Stollen oder einem Bunker? Ein kaum sichtbarer Pfad führt bis fast dorthin, die letzten Meter muss man klettern. Können das Kinder und alte Leute im Krieg geschafft haben,  nachdem sie panisch in den Wald geflüchtet waren? Meine Schuhe sind für die Kletterpartie alles andere als ideal,  hinunter werde ich höchstens auf dem Hosenboden rutschen können. Diese Blöße werde ich mir nicht geben, nicht in Sichtweite des Wanderwegs. Also folge ich einem anderen Pfad, der nach wenigen Metern an einer Viehweide endet. Die Rindviecher liegen träge wiederkäuend im Gras. Ich habe einen Heidenrespekt vor Rindern, und das nicht ohne Grund. Aber ich befinde mich am schmalen Ende des spitz zulaufenden Stück Lands. Wenn ich es ruhig angehe, schaffe ich es über die Weide, bevor die Viecher mich bemerken. Vorsichtig öffne ich das Gatter einen Spalt weit, schlängele mich hindurch, und verschließe es wieder mit einer Konstruktion aus Holzprügeln und Drahtschlaufen. Das heißt, ich versuche es. Es geht nicht. Ich ziehe und zerre und gerate ins Schwitzen bei dem Gedanken, dass gleich mehrere Tausend Euro in den Wald abhauen werden. Oder dass ich bei illegaler Überquerung einer stacheldrahtumzäunten Weide erwischt werde. Noch einmal, langsam. Der Stacheldraht entwirrt sich, ich kann das Gatter schließen. Das Vieh aber steht nun in einem halben Meter Entfernung und betrachtet mich mit sehr ungehaltener Miene. Komm, Dickes, Saaaalz! rufe ich halblaut und strecke die Hand aus. Es funktioniert, ein Jungrind leckt meine Hand ab. Ich kraule es zwischen den Hörnern, dann lege ich ihm den Arm um den Hals und ziehe es, nein, ihn mit, so dass er stets zwischen mir und der Herde ist. Geschafft. Vorsichtig steige ich über den Stacheldraht, jetzt bloß nicht hängen bleiben und mich mit zerrissenen Hosen ertappen lassen. Gut, dass das keine alten schlauen Mutterkühe waren.

Als ich an meinem Kapellchen, also dem für das kleine, verunglückte Mädchen und die drei anderen, ankomme, machen sich da schon Wanderer breit, die mich erstaunt beäugen, während ich wieder einmal die Inschriften lese. Wenigstens kauen sie nicht  da, wo man an vier Tote erinnert.

Aus dem Wald hinaus führt der Weg, vorbei an einem gusseisernen Kruzifix, vor dem Rosen und andere Sommerblumen blühen. Der Weg ist ab jetzt unspektakulär. Ich beschließe, dieses Mal auf der Höhe von St.Q. in Richtung See abzubiegen. Keine gute Entscheidung, der eigentliche Weg ist um einiges schöner. Aber egal. Am See entlang, an Blässhühnern, Herren und Hunden vorbei über den Lieblingssteg, dann nach rechts in Richtung Bahnhof. Heute muss es ohne Abstecher zu Kirche und Kirchhof gehen, ich bin zu müde.

Der von den Wohlmeinenden angedrohte Regen erwischt mich erst auf den letzten Metern. Der Bahnhof, mehr als dreißig Jahre später erbaut als der, mit dem ich ihn vergleiche, ist leer. In einer guten halben Stunde geht ein Zug nach M. Die Zeit bis dahin verbringe ich mit Martin Mosebach auf einer altmodisch verschnörkelten Bank. (Hier eine fiese Rezension meiner Lektüre, an der aber einiges wahr ist. Trotzdem: es ist Mosebach.)

Die ebenfalls angedrohten Blasen habe ich mir übrigens nicht gelaufen.

 


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Wanderschuhe

Schlechtes Schuhwerk ist des Teufels, habe ich schon als Kind gelernt. Tanzlehrer, Großmütter, Eltern und Tanten unterrichteten mich schon früh mit ernster Miene über die Konsequenzen, die ungeeignete Fußbekleidung für Füße, Wirbelsäule, sonstige Knochen und mein gesamtes späteres Leben haben würden. Als Jugendliche trug ich eine Weile aus purem Trotz spitze Schühchen mit – für meine Verhältnisse – halsbrecherisch hohen Absätzen, aber schon als Studentin kehrte ich reumütig zu den „Nonnenschuhen“ meiner Kindheit zurück, nicht durch Einsicht, sondern durch eine neue Art Notwendigkeit: ich hatte angefangen, Flamenco zu tanzen, und nach zwei oder mehr Stunden mehr oder weniger taktsicheren Stampfens mit hohen Absätzen auf harten Böden möchte man nur noch flache Schuhe tragen.

Flamencotänzerinnenfüße entwickelt zwei Dinge: Muskeln und Hornhaut. Der Tänzer Antonio Canales pflegte sogar zu prahlen, er könne auf seiner Fußsohle eine Zigarette ausdrücken, aber gesehen habe ich ihn dabei nie, und deshalb bin ich nicht sicher, ob ich ihm glauben kann. Wie auch immer, selbst, wenn dies eine Legende sein sollte, so illustriert sie doch die Unempfindlichkeit von Tänzerfüßen.

Meine ersten, eher kurzen Wanderungen am See unternahm ich in völlig ungeeigneten Schuhen, über Stock und Stein tänzelnd, dabei verächtlich beäugt von den „echten“ Wanderern, die nur darauf zu warten schienen, dass ich mir Hals und Beine bräche. Was ich nicht tat, denn wenn ich auch nicht das Gleichgewicht einer Tänzerin habe, so doch ein besseres als Otto und Ottilie Normalverbraucher_in. Irgendwann reifte in mir dennoch der Gedanke, dass ich durchaus ein paar Wanderschuhe gebrauchen könnte. Wanderschuhe gibt es in unserer kleine Stadt in Läden, wo man meinesgleichen – unscheinbar, mittelalt und offensichtlich bücherverwurmt – gerne für teures Geld mit großer Herablassung behandelt.

Mit deutlicher Arroganz begegnete mir also auch die junge Dame, schlank, blond und bayerisch, welche das grausame Schicksal traf, einer Person wie mir Schuhe verkaufen zu müssen. Nun bin ich eigentlich keine unerfahrene Wanderin, nur habe ich ein paar viele Jahre pausiert, aus  Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Ich weiß also ungefähr einzuschätzen, was ich kann und was ich will bzw. wollen sollte, und dementsprechend   trug ich meine Wünsche hartnäckig, aber mit Sanftmut, Güte und Geduld, vor. Wir wurden uns auch einig, das zweite Paar Schuhe schon passte perfekt. Dann aber wollte die Blonde mir partout Funktionsstrümpfe verkaufen. Ich habe ja das Wandern noch in dicken Wollstrümpfen und Kniebundhosen gelernt, Funktionskleidung lässt mich Schlimmes befürchten, und wenn ich eines weiß, dann, dass ich Platz in meinen Schuhen haben will. Also keine Funktionsstrümpfe, sondern ganz normale Socken. „Sie werden sich Blasen laufen!  Viele gar schreckliche Blasen.“ drohte die herablassende Schöne und richtete den Blick gen Himmel, wo sich kein passendes Unwetter zusammenbrauen wollte. Fast hätte sie mich nicht mehr aus dem Laden gelassen, als ich ihr versicherte, erst einmal keine quietschroten Funktionssocken zu brauchen. Ich hätte ihr ja gerne erzählt, dass man sich beim Flamencotanz die Mutter und die Großmutter aller Blasen einhandelt (und die Tanten noch dazu), und dass einen danach nichts mehr schrecken kann, aber das hätte sie wohl nicht verkraftet.

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(Von links nach rechts: Nonnen-, Flamenco- und Wanderschuh. Die Mutter der Altbäuerin pflegte zu sagen: Meine Mädchen sind ja alle gut geraten, aber Schuhe putzen tut keins.)