Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


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„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

Bei Frau Lakritze habe ich gelesen, dass der Herr Ackerbau  gerne etwas über Gemüse lesen will, aber nur über eine Sorte. Über nur eine Sorte Gemüse zu schreiben, wird mir zu meinem allergrößten Bedauern unmöglich sein, denn hat man jemals einen Gemüsegarten gesehen, in dem nur eine Sorte Gemüse wächst? (Stellen Sie sich den vorigen Satz  im spitzmäuligsten Frankfurterinnenton gesprochen vor.) Außerdem sagt der Herr Ackerbau, Mettwurst sei kein Gemüse, und da hätte mindestens eine Person, die ich kenne, widersprochen. Um jedoch zumindest guten Willen zu zeigen, hier das Bild zur Blogaktion: 

Und nun der zu nächtlicher Stunde schnell zusammengehauene Gemüse-Text: 

Wurst und Fleisch sind das schönste Gemüse, pflegte mein Großonkel, der das Leben und vor allem das Essen liebte,  zu sagen. Dieser Ausspruch fand meine volle Zustimmung, als ich noch ein Kind war. Das ist nicht verwunderlich, denn da, wo ich aufgewachsen bin, kocht man Gemüse in Salzwasser, bis es mausetot ist. Gemüse sei gesund, sagte man mir, aber das wusste ich mit fünf Jahren nicht zu schätzen, und so würgte ich am Spinat, bis ich das Gefühl hatte, er käme mir zu den Ohren heraus. Erst spät im Leben habe ich angefangen, mich für Gemüse zu begeistern. Schuld daran sind vermutlich  ost- oder südeuropäische Gerichte mit ihren Farben und Gewürzen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Auberginen, frische oder getrocknete Kräuter als Abrundung und Kontrapunkt, geschmort und nicht gekocht – das unterschied sich deutlich von den Erbsen und Möhren meiner Kindheit. Fenchelgemüse lernte ich während eines Schüleraustauschs in Mailand kennen; eine italienisch-spanisch-algerischstämmige Gastmutter in La Rochelle zelebrierte Gemüse-Reis-Variationen als Feste aus Farben und Texturen. Die Küche spanischer Gitanos lehrte mich Eintöpfe mit Hülsenfrüchten lieben. Dass man mit Gemüse eine pikante Tarte belegen oder Blätterteig füllen kann, muss einem, wenn man der Erbsen-und-Möhren-in-Salzwasser-Kultur entstammt, erst einmal gesagt werden. Mit Schafskäse und Tomaten wird sogar Spinat erträglich. Rosenkohl esse ich am liebsten pur, ohne Beilage, nicht zu lange gekocht, etwas knackig und ein bisschen bitter muss er noch sein, sonst wird er mir  schnell zu fad. Überhaupt halte ich nichts davon, Gemüse totzukochen. Gemüse muss auf dem Teller leuchten, auf der Zunge singen und den Zähnen etwas entgegensetzen. „Aus der Hand“ knabbere ich rohe Karotten – meine Oma sagte „Gelberüben“ – oder Gurken, es darf nur niemand vorbeikommen und sagen, das wäre „Rohkost“, denn mit dem, was hierzulande in Mensen, Kantinen und Restaurants als Rohkost serviert wird,  könnten Sie mich  bis zu den Antipoden jagen, aber bestimmt habe die Antipoden auch Rohkost, so dass mir das Weglaufen gar nichts nützen würde. Sagen Sie mir bitte auch nicht, Gemüse sei gesund und mache schlank. Das mag ja sein, aber ich mag das nicht hören, sonst schmeckt mir das ganze schöne Gemüse nur noch nach Moralinsäure. Wenn man aber die Moralinsäure weglässt, dann ist Gemüse eigentlich sehr viel sinnlicher und raffinierter als jedes Stück Fleisch.

(Wenn ich Gelberüben esse, muss ich übrigens an Friedrich Stoltze und das hugenottische Friedrichsdorf im Hochtaunus denken:

„Hélas, Martin! Hélas, Martin!
Chassez le Gickel aus dem jardin!
Il verkratzt mer, häst tu le Steuwe!
Toutes les nouveaux gehle Reuwe!“

Aber das ist eine andere Geschichte, für eine andere Nacht.)

 


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Der Fünfte

Manchmal brauche ich nur einen Anlass zum Schreiben. Zwar hatte ich auf dem Vorgängerblog geschworen, nur einmal im Leben an WMDEDGT teilzunehmen, aber nachdem ich zur Zeit so vielen Prinzipien untreu werde, kommt es  auch nicht mehr darauf an. 

Die dritte Frühschicht in Folge, und schon kann ich wieder ohne Wecker um kurz vor fünf aufwachen. Tatsächlich habe ich heute aber Spätschicht, so dass das ganze schöne Frühaufgewachtsein rein gar nichts bringt.

Zuerst Einkaufen fürs Wochenende. Der Lebensmittelladen im Erdgeschoss hat vorübergehend geschlossen. Ich bedaure das ein wenig, obzwar* ich nicht zu den Hausbewohnerinnen gehörte, die in Pantoffeln ins Erdgeschoss schlurften, um noch vor der morgendlichen Dusche ihre Einkäufe zu erledigen. Auf dem Rückweg begegne ich Herrn von Oben, der mir ein weiteres Lebensmittelgeschäft in der Nähe nennt. Ich glaube aber, ich werde – solange ich es mir leisten kann – bei dem Familienbetrieb einige Straßen weiter Kundin bleiben.

Der Fluss führt ein wenig Hochwasser. Ich nehme den Bus zur Arbeit, da das Fahrrad zur Reparatur muss. Um diese Zeit fahren viele ältere Herrschaften mit dem Rad herum. Manche wirken zögerlich und unsicher, aber glücklich, und erinnern mich an einen lieben Twitterfreund, der steif und fest behauptet, Radfahren sei der Weg zu Glück und Zufriedenheit. Grauhaarige Damen lassen die Haare im Wind flattern, und ich denke wieder einmal, dass viele „Gefärbte“ eigentlich sogar älter wirken als die, die der Natur ihren Lauf lassen.

Den Anschlussbus verpasse ich knapp, aber auf diese Weise habe ich Zeit, an der Haltestelle ein paar Stichpunkte für diesen Text zu notieren. Schon randalieren die Amseln wieder, denn die Sonne strahlt. Der Himmel schickt einen Windhauch, der an den Frühling denken lässt, aber hierzulande kommt der Winter erst noch, und so verbiete ich mir das Träumen.

Im Büro heißt es wieder „Zwei-Jobs-zum-Preis-von-einem“. Noch dazu hat die Kollegin während meiner kurzen Abwesenheit anscheinend keine der Aufgaben, bei denen sie mich vertreten sollte, erledigt. Des weiteren schwatzt sie unentwegt vor sich hin, wobei sie in regelmäßigen Abständen Zustimmung und Antworten erwartet. Schließlich stoppe ich ihren Wortschwall mit dem Hinweis, dass ich mich nicht auf zwei Jobs und den Firmentratsch gleichzeitig konzentrieren kann, und bis zur Mittagspause arbeitet sie nahezu schweigend. Nach der Mittagspause springt die Wortmaschine wieder an, aber da habe ich schon einigermaßen Ordnung in den Aktenstapel gebracht, so dass ich das Geschwätz an mir vorbei rauschen lassen kann. Meine neue Lieblingsspätschichtgenossin, eine Thüringerin von wirklich angenehmer Wesensart, hat einen Auslandsfall, bei dem sie meine Hilfe braucht. Ich schubse sie in die richtige Richtung, und  binnen kurzer Zeit löst sie das Problem bravourös.

Das Schöne am Alleinleben ist, dass man nach der Arbeit keine gute Laune haben muss. Ich lese ein paar Blogartikel von fremden und bekannten Leuten; dazwischen verfolge ich meine ausgesprochen nette Twitter-Timeline. Allerdings habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den besten Ex der Welt heute nicht mehr anrufen werde, aber mein Bedarf an Gesprächen ist dank der oben erwähnten Schwatzliese mehr als gedeckt.

Nach ausgiebigem Blog- und Twitterlesen falle ich todmüde ins Bett.

*Entschuldigung, aber das ist meine Lieblingskonjunktion.


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Das Salzdippchen

Bei uns in Hessen heißt ein Topf (jeglicher Art und Größe) „Dippen“. Deshalb gibt es in Frankfurt eine Dippemess, d.h. eine Veranstaltung, auf der früher Geschirr verkauft wurde. Heute ist die Dippemess so eine Art Oktoberfest. Zwischendrin war ja auch einmal ein Bayer für  die Festorganisation verantwortlich, was die Dinge nicht besser gemacht hat. In Nordhessen ist „Dippen“ außerdem so etwas wie die weibliche Form von „Depp“. Bevor Sie mich aber jetzt ein Dippen schimpfen, komme ich besser zur Sache: Der Zwetschgenmann, der auf gut Frankfurterisch „Quetschemännche“ heißen würde, hat zur Blogparade aufgerufen. Gegenstand derselben sollen „Kleine Rituale“ sein. Kann sich ein kleines Ritual an einem Gegenstand festmachen? Ich denke schon:

Die Küche meiner Großmutter ist verloren und vergangen, aber ich erinnere mich noch an ihre Farben und ihren Geruch: weiß und blau, letzteres gegen die Fliegen, denn Blau mögen die Viecher angeblich nicht.  Die Fliegen kamen aber trotzdem, denn schließlich war die Küche meiner Großmutter auf dem Land, aber vielleicht wären es noch mehr Fliegen gewesen, wenn die Küchentapete gelb gewesen wäre. Dann der Geruch: nach Liebstöckel, Brot, Seife und – weil auf dem Land ja ein Stall nie weit entfernt ist – nach Vieh. Die dunkelblaue Schürze meiner Großmutter und das hellblaue Salzdippen, vielmehr ein Salzdippchen. Seine Tage hatte das Salzdippchen nicht als Salzstreuer begonnen. Tatsächlich war es überhaupt kein Irgendwasstreuer sondern ein Messbecher für ein Medikament, das dem Vieh eingeflößt werden musste. Als dieser Zweck schließlich wegfiel, wurde es sorgfältig gespült und begann anschließend ein neues Leben als Salzdippchen. Es bestand aus hellblauem Plastik, hatte einen Durchmesser von ungefähr viereinhalb Zentimeter, eine Höhe von circa drei, und einen etwa vier Zentimeter langen Griff an der Seite. Immer, wenn wir in den Ferien die Oma besuchten, verlangte meine Mutter schon bei der ersten Mahlzeit nach dem Salzdippchen, auch wenn in späteren Jahren schon ein perfekter, gutbürgerlicher Salzstreuer auf dem Tisch stand. Meine Oma brachte – kopfschüttelnd – das Salzdippchen, und jeder griff mit sauberen Fingern hinein und streute eine Prise über das ohnehin schon gut gewürzte Essen.

Wo das Salzdippchen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Sollten Sie aber jemals bei mir essen, so dürfen Sie sich freuen, wenn auf dem Tisch kein Salzstreuer, sonden ein kleines, mit Salz gefülltes Töpfchen steht, in das Sie mit  sauberen Fingern hineinfassen dürfen. Dann nämlich sind Sie ein ganz besonderer Gast, sozusagen ein Ehren-Nordhesse.

Erfahren habe ich von der Blogparade durch Tanja Praske, und weil ich das Schreiben nach Plagiat und Verrat erst wieder neu lernen muss, nehme ich zur Zeit übungshalber jede Blogparade mit. 

 


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Wasserstandsmeldung

Die Idee habe ich bei der Kaltmamsell geklaut.

Ich lese… zu viel Internet und zu wenige Bücher. Ich glaube, das liegt am Arbeitsstress, der mein Hirn dazu verführt, sich auf leicht Konsumierbares zu beschränken.

Ich trage… im Herbst meist Jeans mit einem Oberteil, das andere Leute als Minikleid tragen würden. (Ich mag es, wenn Oberteile über den Hintern gehen und ich bin ziemlich groß, deshalb sind Kleider als Oberteile praktischer als T-Shirt.)

Ich habe… immer noch zu viel Zeugs. Oder zu wenig. Jedenfalls nicht das Richtige.

Ich höre… ganz viel Flamenco. Die alten traditionellen Sachen, wie zum Beispiel das hier

Ich trinke… Wasser, Kaffee, Milch. Wenig Alkohol.

Ich esse… zu viel. Ich bin eine Stressfresserin.

Ich stehe… zu oft neben mir und denke, was machst Du hier eigentlich?

Ich gehe… nicht weg, weil ich zu viele Verpflichtungen habe. Oder zu viel Angst. Außerdem wüsste ich ohnehin nicht, wohin.

Ich lache… dreckig, weil alles so absurd ist. Weil ich die Scheuklappen sehe, die eigenen und die fremden.

Ich sehe… kein Land. Oder vielmehr: kein Meer. Landlocked.

Ich mag… ganz viele Leute, lasse es sie aber nicht wissen. Zu viele Messer im Rücken in der letzten Zeit.

Ich schreibe… zu wenig, zu schlecht. Dafür, dass ich zur Zeit so miserabel schreibe, schreibe ich immer noch zu viel.

Ich weiß… nicht mehr.

Ich möchte… ja, was eigentlich? Alles anzünden wie das Jungvolk auf Twitter?

(Aber keine Sorge, das kann sich alles auch wieder ändern. Aber Du fehlst mir. Du. Sie. Sie im Singular. Trotzdem danke für alles.)


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Onkel Juan geht nicht ins Museum

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Bildern, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.


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Vom Meer

(auf Wunsch und auf Bestellung)

Einhundertundzwanzig Kilometer sind es vom Hafen von Kalkutta bis zum Meer. Einen Hafenmeister aus Kalkutta kann man deshalb wohl kaum einen Seemann nennen. Oder gilt so einer auch als Seemann an Land? An seinen Namen erinnere ich mich nicht, auch nicht an Geburts- und Sterbedatum, nur an den Zusatz „Hafenmeister aus Kalkutta“. War er nun Hafenmeister in Kalkutta oder aus Kalkutta gebürtig oder gar beides? Die Grabsteingrammatik lässt mitunter Fragen offen, und ich bin in Fragen der Grammatik äußerst spitzfindig*. Begraben liegt er aber in Berlin, nahe bei einer meiner Berliner Lieblingskirchen. Das ist noch weiter weg vom Meer.

wofür ich gestern auf Twitter von einem vermutlich neo-calvinistischen Parvenu übrigens eins auf die Mütze bekam. 

 


Ein Kommentar

Landlocked

Noch ein paar Textfetzen aus dem Blogkeller:

Háblame del mar, marinero…“ (Text: Rafael Alberti, gesungen von Pepa Flores)

„Desde mi ventana el mar no se ve…“, von meinem Fenster kann man das Meer nicht sehen,  ist eine Zeile aus einem Gedicht von Rafael Alberti, geboren und gestorben in der Hafenstadt mit dem bezaubernden Namen „El Puerto de Santa María“, der Hafen der Heiligen Maria, in der Provinz Cádiz in Andalusien. Lange hat er es nie ausgehalten fern von seinem Meer, und aus seinen Gedichten leuchtet die tacita de plata, das Tässchen oder Schälchen aus Silber, die Stadt Cádiz.

Auch von meinem Fenster kann man das Meer nicht sehen. Hier ist der Beweis:

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Wie Albertis Seemann an Land habe ich nur noch die Erinnerung ans Meer, bin von Land umschlossen. Auf Englisch gibt es ein Wort dafür: landlocked. Darin steckt „lock“, das (Tür)-schloss. Landlocked ist eines der deprimierendsten Wörter der englischen Sprache, finde ich.

Was der Merriam-Webster dazu sagt:

„Definition of landlocked:

  1. 1 :  enclosed or nearly enclosed by land a landlocked country

  2. 2 :  confined to freshwater by some barrier landlocked salmon

  3. 3 :  living or located away from the ocean a landlocked sailor

NEW! Time Traveler

First Known Use: 1622

Man kannte das Gefühl also schon 1622.


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Das Meer singt von Freiheit

Galeras

(Noch ein Beitrag zu #septeMeer , dankenswerterweise initiiert von @e13Kiki . Es braucht anscheinend nicht viel, um mich wieder zum Schreiben zu bringen. Mal sehen. )

Das Meer singt von Freiheit, sagt der Dichter Félix Grande, aber nicht überall und zu allen Zeiten, könnten die galeotes, die Zwangsarbeiter auf den königlichen Galeeren Spaniens einwenden. Die oben verlinkte galera erzählt von ihrem Schicksal und von ihrer Sehnsucht nach ihren Familien und nach der Freiheit.

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Felipe II,  von 1556 bis 1598 König von Spanien, ratifizierte im Jahr 1560 ein Dekret, das die spanische Armada zuverlässig mit dringend benötigten Zwangsarbeitern versorgte, indem es die  Möglichkeiten, eine Galeerenstrafe zu verhängen, ausweitete. Es war dies die Zeit, in der die Verfolgung der gitanos, also der spanischen Roma, einen ihrer ersten Höhepunkte erlebte. War man im Jahrhundert zuvor den nach Europa einwandernden Roma zwar mit Misstrauen, aber doch mit einer gewissen Neugier und Faszination begegnet, so ist das 16. Jahrhundert der Beginn ihrer organisierten Verfolgung mit drakonischen Maßnahmen. Auf diese Weise landeten viele von ihnen auf den königlichen Galeeren, unter Umständen einfach, weil sie sich geweigert hatten, ihr Wandergewerbe aufzugeben und sesshaft zu werden.

Der Gitano Juan Peña Fernández (1941-2016), genannt „El Lebrijano“, also „der aus Lebrija“, war der Schöpfer der galera. Die galera ist einer der wenigen palos, die im 20. Jahrhundert entstanden. Wenn im September die Rede vom Meer sein soll, muss man vielleicht auch die Galeeren und die galeotes, erwähnen.

Einige galeotes verließen die Galeeren, da die damals ebenfalls in Spanien aktiven Fugger den spanischen König baten, ihnen Zwangsarbeiter zur Verfügung zu stellen. Auch der Reichtum der Fugger basierte somit zumindest zum Teil auf Zwangsarbeit. Man sollte solche Dinge wissen.

 

 


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Einmal.

Eigentlich wollte ich hier ja nichts mehr schreiben, aber dann ließ @e13Kiki den Hashtag #SepteMeer vorbeiflattern und mir fiel ein, dass ich noch eine kleine Geschichte im Blogkeller hatte.

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Einmal…

Einmal, da war sie am Meer gewesen. Das war ein Jahr vor ihrer Hochzeit. An der Ostsee. Für Italien hatte es nicht gereicht. Sie war mit Freundinnen gefahren. Eine Busreise, billig, aber doch ein Urlaub, auf den sie sparen musste. Übernachtung im Vierbettzimmer, durchgelegene Betten. Blümchenkaffee, zu dem die Saarländerin „Bodenseh-Kaffee“ sagte.

Sie sah das Meer, und sie liebte es vom ersten Moment an. Über die Strandkörbe musste sie lachen. Mit den Freundinnen ging sie tanzen, und sie tanzte mit einem, der keine Krawatte trug, dessen Scheitel nicht mit dem nassen Kamm gezogen war, der grüne Augen und braune Locken hatte. Einer, der nicht von der Tankstelle oder dem Kurzwarengeschäft sprach, das er einmal übernehmen würde, sondern von Büchern. Natürlich schien der Mond die ganze Nacht, natürlich rauschten die Wellen, natürlich kam sie erst am frühen Morgen ins Quartier, mit Sand in den feinen Schuhen und im Haar. Aber weiter geschah nichts, so dass sie guten Gewissens in einem weißen Kleid heiraten konnte.

Ihrem Mann, dem mit dem Kurzwarengeschäft, gefiel es, dass seine Frau gerne las. Es gefiel ihm auch, dass sie unternehmungslustig war, dass sie gerne tanzen ging, obwohl er selbst natürlich zwei linke Füße hatte und meist nur zusah. Später reichte es dann doch für Italien. Und Mallorca. Aber als ihr Mann tot war, sagte sie den Leuten immer, sie sei in ihrem Leben nur einmal am Meer gewesen, an der Ostsee.