Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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Onkel Juan geht nicht ins Museum

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Werken, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.


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Vom Meer

(auf Wunsch und auf Bestellung)

Einhundertundzwanzig Kilometer sind es vom Hafen von Kalkutta bis zum Meer. Einen Hafenmeister aus Kalkutta kann man deshalb wohl kaum einen Seemann nennen. Oder gilt so einer auch als Seemann an Land? An seinen Namen erinnere ich mich nicht, auch nicht an Geburts- und Sterbedatum, nur an den Zusatz „Hafenmeister aus Kalkutta“. War er nun Hafenmeister in Kalkutta oder aus Kalkutta gebürtig oder gar beides? Die Grabsteingrammatik lässt mitunter Fragen offen, und ich bin in Fragen der Grammatik äußerst spitzfindig*. Begraben liegt er aber in Berlin, nahe bei einer meiner Berliner Lieblingskirchen. Das ist noch weiter weg vom Meer.

wofür ich gestern auf Twitter von einem vermutlich neo-calvinistischen Parvenu übrigens eins auf die Mütze bekam. 

 


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Landlocked

Noch ein paar Textfetzen aus dem Blogkeller:

Háblame del mar, marinero…“ (Text: Rafael Alberti, gesungen von Pepa Flores)

„Desde mi ventana el mar no se ve…“, von meinem Fenster kann man das Meer nicht sehen,  ist eine Zeile aus einem Gedicht von Rafael Alberti, geboren und gestorben in der Hafenstadt mit dem bezaubernden Namen „El Puerto de Santa María“, der Hafen der Heiligen Maria, in der Provinz Cádiz in Andalusien. Lange hat er es nie ausgehalten fern von seinem Meer, und aus seinen Gedichten leuchtet die tacita de plata, das Tässchen oder Schälchen aus Silber, die Stadt Cádiz.

Auch von meinem Fenster kann man das Meer nicht sehen. Hier ist der Beweis:

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Wie Albertis Seemann an Land habe ich nur noch die Erinnerung ans Meer, bin von Land umschlossen. Auf Englisch gibt es ein Wort dafür: landlocked. Darin steckt „lock“, das (Tür)-schloss. Landlocked ist eines der deprimierendsten Wörter der englischen Sprache, finde ich.

Was der Merriam-Webster dazu sagt:

„Definition of landlocked:

  1. 1 :  enclosed or nearly enclosed by land a landlocked country

  2. 2 :  confined to freshwater by some barrier landlocked salmon

  3. 3 :  living or located away from the ocean a landlocked sailor

NEW! Time Traveler

First Known Use: 1622

Man kannte das Gefühl also schon 1622.


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Das Meer singt von Freiheit

Galeras

(Noch ein Beitrag zu #septeMeer , dankenswerterweise initiiert von @e13Kiki . Es braucht anscheinend nicht viel, um mich wieder zum Schreiben zu bringen. Mal sehen. )

Das Meer singt von Freiheit, sagt der Dichter Félix Grande, aber nicht überall und zu allen Zeiten, könnten die galeotes, die Zwangsarbeiter auf den königlichen Galeeren Spaniens einwenden. Die oben verlinkte galera erzählt von ihrem Schicksal und von ihrer Sehnsucht nach ihren Familien und nach der Freiheit.

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Felipe II,  von 1556 bis 1598 König von Spanien, ratifizierte im Jahr 1560 ein Dekret, das die spanische Armada zuverlässig mit dringend benötigten Zwangsarbeitern versorgte, indem es die  Möglichkeiten, eine Galeerenstrafe zu verhängen, ausweitete. Es war dies die Zeit, in der die Verfolgung der gitanos, also der spanischen Roma, einen ihrer ersten Höhepunkte erlebte. War man im Jahrhundert zuvor den nach Europa einwandernden Roma zwar mit Misstrauen, aber doch mit einer gewissen Neugier und Faszination begegnet, so ist das 16. Jahrhundert der Beginn ihrer organisierten Verfolgung mit drakonischen Maßnahmen. Auf diese Weise landeten viele von ihnen auf den königlichen Galeeren, unter Umständen einfach, weil sie sich geweigert hatten, ihr Wandergewerbe aufzugeben und sesshaft zu werden.

Der Gitano Juan Peña Fernández (1941-2016), genannt „El Lebrijano“, also „der aus Lebrija“, war der Schöpfer der galera. Die galera ist einer der wenigen palos, die im 20. Jahrhundert entstanden. Wenn im September die Rede vom Meer sein soll, muss man vielleicht auch die Galeeren und die galeotes, erwähnen.

Einige galeotes verließen die Galeeren, da die damals ebenfalls in Spanien aktiven Fugger den spanischen König baten, ihnen Zwangsarbeiter zur Verfügung zu stellen. Auch der Reichtum der Fugger basierte somit zumindest zum Teil auf Zwangsarbeit. Man sollte solche Dinge wissen.

 

 


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Einmal.

Eigentlich wollte ich hier ja nichts mehr schreiben, aber dann ließ @e13Kiki den Hashtag #SepteMeer vorbeiflattern und mir fiel ein, dass ich noch eine kleine Geschichte im Blogkeller hatte.

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Einmal…

Einmal, da war sie am Meer gewesen. Das war ein Jahr vor ihrer Hochzeit. An der Ostsee. Für Italien hatte es nicht gereicht. Sie war mit Freundinnen gefahren. Eine Busreise, billig, aber doch ein Urlaub, auf den sie sparen musste. Übernachtung im Vierbettzimmer, durchgelegene Betten. Blümchenkaffee, zu dem die Saarländerin „Bodenseh-Kaffee“ sagte.

Sie sah das Meer, und sie liebte es vom ersten Moment an. Über die Strandkörbe musste sie lachen. Mit den Freundinnen ging sie tanzen, und sie tanzte mit einem, der keine Krawatte trug, dessen Scheitel nicht mit dem nassen Kamm gezogen war, der grüne Augen und braune Locken hatte. Einer, der nicht von der Tankstelle oder dem Kurzwarengeschäft sprach, das er einmal übernehmen würde, sondern von Büchern. Natürlich schien der Mond die ganze Nacht, natürlich rauschten die Wellen, natürlich kam sie erst am frühen Morgen ins Quartier, mit Sand in den feinen Schuhen und im Haar. Aber weiter geschah nichts, so dass sie guten Gewissens in einem weißen Kleid heiraten konnte.

Ihrem Mann, dem mit dem Kurzwarengeschäft, gefiel es, dass seine Frau gerne las. Es gefiel ihm auch, dass sie unternehmungslustig war, dass sie gerne tanzen ging, obwohl er selbst natürlich zwei linke Füße hatte und meist nur zusah. Später reichte es dann doch für Italien. Und Mallorca. Aber als ihr Mann tot war, sagte sie den Leuten immer, sie sei in ihrem Leben nur einmal am Meer gewesen, an der Ostsee.