Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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November am See

Der geschätzte, aber etwas entfernte Blognachbar liebt die Berge. Ich hingegen finde, der See wäre sehr viel netter anzusehen, wenn jemand mal die Klötze zur Seite schieben würde, die in ungeordneter Reihe den Blick vom Seeufer ins weite Land verstellen. Noch schlimmer als einfach Berge sind nur schneebedeckte Berge.  Einfache Berge toleriere ich zeitweise, aber nur wegen des oben genannten geschätzten Blognachbarn. Schneebedeckte Berge lassen mich wünschen, dass die Hölle niemals zufrieren möchte. Flachländerinnen wie ich brauchen wenigstens ein warmes Plätzchen, und wenn es auch gleich neben dem Höllenfeuer ist.

Sie sehen, ich habe eine ausgewachsene Schnee-Berg-Phobie. Aber am See habe ich mich dieses Jahr noch nicht sattgesehen. Außerdem wollte ich wissen, ob die Friedhofsrosen noch blühen (ja), ob Altbauer und Altbäuerin wohlauf sind (keine Ahnung, aber im Vorbeigehen sah der Hof nicht aus, als sei dort etwas Schlimmes passiert), wie weit nach unten der Schnee schon vorgedrungen ist (noch nicht weit) und all die Kleinigkeiten, die sich in einem kleinen Ort, den man nur alle paar Wochen besucht, mehr oder weniger drastisch verändern können, während man nicht hinschaut.

Und dann muss man natürlich den See selbst, die Wiesen, die Kruzifixe, die Bienenhäuser und die Kirche mit der wunderhübschen kleinen Schutzmantelmadonna an der Seite des Altarraums noch einmal betrachten. Auch das Sperberpärchen, das sich unter grauem Himmel jagt, darf man nicht übersehen. Die Viehweide, die genauso aussieht wie eine Viehweide anderswo. Die fleischigen, schweren Kühe, die die falsche Farbe haben. Die Bauern, die genauso gehen wie die Bauern anderswo. Die, solange sie den Mund nicht aufmachen, die Bauern von anderswo sein könnten.

Wenn man einmal anfängt, sein Herz an etwas zu hängen, verliert man es. Also das, woran man sein Herz gehängt hat. Erfahrungsgemäß. Immer. Besser, man fängt gar nicht erst damit an.

 


Ein Kommentar

Der Goldene

Während es andernorts stürmt und man sich vor Wind und Wasser schützen muss, leuchten hier die steilen Ufer, von der Herbstsonne vergoldet. Der alte Fluss ist ruhig und ruft den Himmel, damit der seine blaue Schönheit spiegele. Die Weinlese ist im Gange im Freistaat Flaschenhals, und deshalb sind auch die Straußwirtschaften noch geöffnet, wo der letztjährige Wein erst im Glas und dann auf der Zunge tanzt. Vielleicht ist es auch der aus dem Jahr davor oder ein noch älterer. Sehr viel älter sind  einige Gäste, beinahe alt genug, um als Kleinkinder den Freistaat noch erlebt zu haben. Im Flur hängt das Portrait einer Weinkönigin, die der Bertel in Zuckmayers Fastnachtsbeichte zu ähneln scheint.

Wenige Kilometer weiter glänzen zwei ganz andere Arten von Gold: das Gold, welches  man an Hals und Handgelenken trägt, und das aus den Gruben, die der Tourismus gefüllt hat. Letztere beginnen schon, sich zu leeren. In zwanzig Jahren, vielleicht schon in zehn, werden hier nur noch der Wein und der Oktober golden leuchten.