Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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Oma erzählt vom Krieg

Manchmal erzähle ich in der Mittagspause Schwänke aus dem Notruf in den 90ern: von Arxemiro mit den großen Füßen, von Erol B., dem türkischen Mafioso und vom Docteur Mehmed. Wie ein Cowboy einmal einen Patienten stahl, und wie ich dem Kommandanten des Militärflughafens von B. auf Französisch Geschichten erzählte wie weiland Sheherazade, damit er den Flughafen offen hielt, bis das Ambulanzflugzeug gelandet und wieder gestartet war. Von der Ärztekrawatte und vom israelischen Windhund, der drei Sachen gleichzeitig konnte: mit mir Fachgespräche führen, der studentischen Aushilfe auf Hintern, Beine und Busen starren, und mich seine tiefste Verachtung spüren lassen. (Ich hege seitdem gewisse Ressentiments gegenüber den israelischen Streitkräften. Und gegenüber Bürstenhaarschnitten.) Von Flora T., die den gesamten fernen Osten vom Küchentisch aus managte, und von der Schwester des toten polnischen Jungen. Von Luciano Pavarotti, dessen Unterschrift ein Arzt fälschte, damit eine psychisch kranke Patientin einwilligte, in ein Flugzeug zu steigen. Von den Zeiten ohne Internet, als man mit Telefonbüchern und Landkarten arbeitete.

Meinem jungen Chef – das ist der, der berechtigte Kritik als „Gejammer“ abtut und dem man im Laufen die Schuhe besohlen könnte – erzähle ich nichts davon. Er könnte etwas lernen aus den Geschichten, glaube ich, aber denken wir alten Weiber das nicht immer? Lieber schaue ich zu, wie er sich eine blutige Nase holt. Mancher lernt eben nur so.


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Und dann…

…sagte der Chef, dass gewisse Vergünstigungen, welche die Firma bisher Eltern und pflegenden Angehörigen gewährt hatte, in Zukunft wegfallen. Na, da ging der junge Vater aber auf die Barrikaden! Im Grunde hat er ja Recht, nur fällt mir die Solidarität mit jemandem, der selbst in den vergangenen Jahren  so wenig solidarisch war, doch etwas schwer.


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Bissige Hunde

„Lass die nicht merken, dass Du Angst vor ihnen hast, sonst tanzen sie Dir auf der Nase herum.“ sage ich, gestählt von den vielen Mobbingattacken meines Berufslebens. Sie muss lachen über die Formulierung, aber sie hat immer noch Tränen in den Augen. Die Kollegin ist älter als ich, arbeitet ebenfalls Vollzeit, und pflegt daneben ihren schwerkranken Lebensgefährten. Sie ist angreifbar, weil die pure Erschöpfung sie Fehler machen und Dinge versäumen lässt.

Und ich erschrecke, weil ich in Gedanken Kolleg_innen und Vorgesetzte mit einer bissigen Meute vergleiche, und mir plötzlich vorstellen kann, wie ganz normale Leute  Nazis werden, sich an Hexenverfolgung und Steinigungen beteiligen.

Die Meute verbeißt sich gern in dem, der gleichzeitig schwach und eine Bedrohung zu sein scheint, möglicherweise, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Hierzu auch die Dame von Welt.

 

 


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Freitag

Als ich heute das Büro verließ, zuckte ein Gedanke – schief wie ein verkrüppelter Blitz – durch mein definitiv überhitztes Hirn: wenn ich bis Montag einen netten Millionär finde, brauche ich nie wieder hierher zu kommen.

Dann fiel mir ein, dass ich den Nachmittag damit verbracht hatte, einem solchen unrealistische Wünsche auszureden, was übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner täglichen Arbeit ist, und ich dachte mir: nee, Trippmadam, so was willst Du nicht in der Wohnung haben!


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Kostenfaktor

Das Team „Geldausgeben und Dingsda“ hat mich heute informiert, dass ich auch nach dem 01. September noch einen Arbeitsplatz haben werde und dass dieser sich weder in Passau noch in Rosenheim befindet, wobei Passau ja recht nett sein soll. Das finde ich sehr freundlich vom Team „Geldausgeben und Dingsda“, denn mein Vermieter will immer  die Miete regelmäßig auf seinem Konto eingehen sehen, und ich selbst würde ab und zu gerne einmal etwas essen.  (Wie Sie wissen, bin ich ja leider sehr gefräßig.)

Nur hätte ich es netter gefunden, wenn die Personalabteilung oder meine Vorgesetzten mir diese frohe Botschaft überbracht hätten. Aber so weiß ich wenigstens, wie mein Arbeitgeber mich sieht: als reinen Kostenfaktor, denn da ich nicht „Dingsda“ bin, muss ich „Geldausgeben“ sein, und Geldausgeben kostet bekanntlich etwas. Es sind die kleinen Dinge, mit denen man Menschen, ach nein, Mitarbeiter, ach nein, wieder falsch MAKs vor den Kopf stößt. Wissen Sie, ich komme aus Nordhessen: unsereine kann man dreißig Jahre lang ärgern, bis wir explodieren. Dann allerdings richtig. Ich bin nun erst 15 Jahre im Unternehmen, aber das eigentlich für die besagten dreißig Jahre berechnete Maß ist nahezu voll.

So ist das – und keine Aussicht auf Besserung.

(Ich könnte Ihnen noch eine andere Geschichte erzählen, aber damit würde ich mich erkennbar machen. Ich bedauere es sehr, dass ich sie Ihnen vorenthalten muss.)