Geschichten und Meer


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Schreibblockade / Blogpause

Möglicherweise haben Sie mitbekommen, dass es beruflich bei mir derzeit nicht gut läuft. Das hat Auswirkungen auf mein Privatleben und auch auf mein Schreiben. Was letzteres  betrifft, sinkt die Qualität deutlich, das weiß ich selbst. In den letzten paar Wochen habe ich nur versucht, gegen eine neue Schreibblockade anzuschreiben, aber mit dem Herzen war ich nicht dabei. Grund für die Schreibblockade waren allerdings weniger Beruf oder Privatleben, sondern das beabsichtigte oder unbeabsichtigte (ich weiß es wirklich immer noch nicht) Plagiat und weitere Ereignisse, die damit zusammenhängen.

Wer bloggt, exponiert sich, insbesondere wenn er_sie dazu neigt, so wie ich sein_ihr Herz auf der Zunge zu tragen. Ich kann das im Moment nicht mehr. Ich werde auch eine Weile keine Blogs mehr lesen, glaube ich. Ich entschuldige mich bei den neuen Followern, die erst vor ein paar Tagen in der Hoffnung herkamen, den einen oder anderen guten Text zu lesen. Hier gibt es bis auf weiteres nichts zu sehen, gehen Sie einfach weiter. Liebe alte Follower, es tut mir Leid. Ich bin misstrauisch und verletzlich geworden. Möglich, dass ich zu misstrauisch bin, vielleicht war ich aber auch einfach immer  zu vertrauensselig.

Auf Twitter werde ich demnächst auch in einem etwas kleineren Kreis unterwegs sein. Vielleicht mit einem geschlossenen Account, wer weiß? Es ist nichts Persönliches.


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Plan B

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„Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.“ (B. Brecht)

Für Amiable, den Tangotänzer, mit dem ich mich vor einiger Zeit auf Twitter über Fehler beim Tanzen und deren Kompensation unterhielt. 

Flamenco, so schreibt Fernanda Eberstadt, ist die Kunst der verzweifelten Maßnahmen, und erzählt von der schüchternen Sängerin  Inez Bacán, die spät im Leben anfing, aufzutreten und die bei einem ihrer ersten Konzerte zunächst schlecht sang. Zu allem Überfluss fiel sie noch von der Bühne und landete auf ihrem mehr als gut gepolsterten Hintern. Nachdem das geschehen war, nachdem es also nicht mehr schlimmer werden konnte, sang sie schlagartig besser.

Beim Tanzen ist es so: in der Regel haben  Flamencotänzer komplett ausgearbeitete  Choreographien im Kopf, die sie entsprechend den Gegebenheiten variieren können. Eine große Bühne verlangt große Bewegungen, auf der kleinen können Sie ziselieren. Auch das Publikum ist wichtig: sind es Kenner, die Feinheiten bemerken oder muss ich sie mit der Nase darauf stoßen. Werden sie einen desplante (Frechheit) verstehen, einen engaño (Täuschung) überhaupt bemerken? Will ich, dass sie weinen oder lachen oder beides zugleich? Beim Grillfest des Kleingartenvereins sind andere palos gefragt als wenn Flamencoleute unter sich sind und sich mit ihren Körpern Geschichten erzählen. Das sind die Dinge, die man bis zu einen gewissen Grad planen kann.

Nicht einplanen kann man den Schuh, den man verliert, der Absatz, der abbricht, oder weniger dramatisch: den Stolperer, die Unebenheit im Boden, den Irrtum, den Fehler…eben tanzten Sie noch wie eine Göttin, und plötzlich enden Sie auf dem linken Fuß statt auf dem rechten. Sie wollten nun eigentlich nach rechts drehen, aber das geht nicht, dazu müsste Ihr  nicht unbeträchtliches Gewicht auf dem rechten Fuß sein, aber da ist es nicht, somit haben Sie keine Basis für eine Rechtsdrehung. Statt dessen steht der linke Fuß, der, mit dem Sie Schwung holen wollten, wie festgemauert auf dem Boden. Flamenco, so heißt es, braucht Gewicht – selbst wenn Sie im Alltag die Leichtigkeit einer Elfe besitzen, müssen Sie beim Flamencotanzen geerdet sein und fest stehen wie die Mauern von Cádiz.

Das sind die Momente, in denen Ihnen das Herz stehen zu bleiben scheint, aber verzweifeln Sie nicht, es gibt fast immer einen Ausweg. Der Herr Lehrer hat sich einmal zwei Stunden Zeit genommen, uns zu zeigen, was man in solchen Fällen tut. Da hatte ich es allerdings schon gelernt, und zwar auf die harte Tour, denn ich kann mir nicht einmal meine eigenen Choreographien merken, geschweige denn die von fremden Leuten. Daher waren meine seltenen Auftritte zwar immer sehr inspiriert, aber auch sehr prekär. Der Herr Lehrer ist übrigens einer, der zu ausgedehnten Improvisationen neigt, was den ebenfalls auf der Bühne anwesenden Kolleg_innen mitunter den kalten Schweiß auf die Stirn treibt. Wer ihn gut kennt, bemerkt sofort, wenn er einmal gepatzt hat: er tanzt dann sehr schnell einen kleinen Halbkreis, bis er wieder da steht, wo er hingehört,  und grinst am Ende meist ziemlich dreckig.

Was hilft: wenn beim Üben ein Fehler passiert, nicht abbrechen und von vorne anfangen, sondern einfach versuchen, darüber hinweg zu tanzen. Im äußersten Notfall kann man auch schlicht stehen bleiben, wenn man nicht mehr weiter weiß –  stolz und hoch aufgerichtet – und einen unverschämten Blick ins Publikum richten, bis man sich wieder gefangen hat. Länger als ein, zwei Takte lange funktioniert das aber nur bei den ganz alten Tänzern, die sowieso Narrenfreiheit haben. (Nicht, dass El Peregrino das nötig hätte, aber er nimmt sich hier seine kleinen Pausen und macht auch den einen oder anderen desplante oder engaño) Wenn man das beim Üben praktiziert, entstehen ganz von selbst Variationen, die man zu bestimmten Gelegenheiten geplant oder eben als Notlösung einbauen kann. Wie überall ist es die Routine, die den Ausschlag gibt.

Aber eine Garantie gibt es nicht, weder für Plan A noch für Plan B.

 

 


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Don’t #sayhername

#sayhername ist ein Twitter-Hashtag, der an schwarze Frauen, die Opfer von Polizeigewalt wurden, erinnern soll. Christina Hiltbrunner, Stadträtin und Mitglied der EVP aus der Schweiz, benutzte diesen Hashtag, um an Heather Heyer zu erinnern, die getötet wurde, als sie an einer Demonstration gegen Nazis teilnahm. Hier ein Tweet und Reaktionen darauf:

Man könnte diesen Hashtag und seine Geschichte kennen. Andererseits kann einem so etwas schon einmal entgehen, wenn man nicht gerade im Internet bzw. auf Twitter lebt. Vielleicht war es ungeschickt, ihn zu verwenden. Tatsächlich bin ich erst einmal zusammengezuckt, als ich ihn – bezogen auf Heather Heyer – las, eben weil mir seine Geschichte bekannt ist. Aber Heather Heyer starb, als sie an einer Demonstration gegen Rechtsextremismus teilnahm. Sie stellte sich – als weiße Person, die einfach hätte wegschauen können wie so viele andere Weiße – Rassisten entgegen und wurde dabei getötet.

In den Kreisen, aus denen die giftigen Reaktionen auf Christina Hiltbrunners Tweet kamen, ist viel die Rede von allys (Verbündeten). Man diskutiert, wer sich ally nennen darf und was ein guter ally tun muss bzw. darf. War denn Heather Heyer keine ally, und darf sie nicht geehrt werden, weil sie eben jene zu  schützen und zu verteidigen versuchte, an die der Hashtag #sayhername erinnern will? Ich verstehe, dass schwarze Menschen Unbehagen empfinden, wenn dieser Hashtag für eine Weiße benutzt wird, und natürlich haben sie jedes Recht, dies zu kritisieren. Nur ent-ehren die verwendeten Invektiven auch Heather Heyer, und ich glaube nicht, dass sie das verdient hat.

(Wenn Sie mich überzeugen können, dass ich falsch liege: bitte sehr, Kommentare werden, falls nicht allzu widerlich, freigeschaltet.)


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Geschichten vom See: vertan

Vertan habe ich mich, deshalb komme ich fast eine Stunde zu früh an der Anlegestelle an. Bevor ich nach W übersetze, schaue ich mir also die Basilika des ehemaligen Klosters an. Wenn katholische Kirchen mich armes Protestantenkind generell erschlagen, dann diese ganz besonders. Ich werde ein anderes Mal wiederkommen und sie mir genauer ansehen müssen, auf einen Sitz ist sie mir zu viel, mit ihrem Stuck, ihrem Gold, ihren Reliquien…gibt es eigentlich einen Grund, warum katholische Glocken vergleichsweise jämmerlich klingen?

Ein zweites Mal vertue ich mich, als  ich den Wanderweg nach G einschlage. Ein Wegweiser zeigt in eine Richtung, die mir falsch zu sein scheint, aber ich denke nur, dass die klugen Leute, die die Wegweiser aufstellen, schon wussten, was sie taten, und dass mein Orientierungssinn bekanntermaßen ein schlechter Witz ist. Ich habe sowohl eine Wegbeschreibung als auch eine Karte, aber beide passen in meinen Augen nicht recht zusammen, und die Wegweiser passen zu keinem von beiden.  Deshalb laufe ich in die angegebene Richtung, bis es mir zu dumm wird. Ich beschließe, ganz einfach in den Wald zu gehen und dann parallel zum Seeufer Richtung Norden. Bald treffe ich auf ein ähnlich desorientiertes Pärchen, das mit einer Karte hantiert. Da ich keine Lust auf Smalltalk habe – dass ich allein wandere, hat seinen Grund – schlage ich mich in die Büsche, genauer gesagt folge ich einem ansteigenden Waldweg, der schnell immer schmaler wird und schließlich in einem trockenen Bachbett endet. Die Richtung stimmt aber; zu guter Letzt gelange ich auf den Weg, den ich von Anfang an gehen wollte. Der ist überwiegend befestigt, führt durch einen wunderschönen Wald und steigt kaum an. Als ich ein Kreuz sehe, dass an einen Verunglückten erinnert, frage ich mich, was man tun muss, um auf diesem Weg zu verunglücken. Betrunken mit dem Kopf voran in ein Loch fallen und stecken bleiben? Ein paar hundert Meter und eine Serpentine weiter ist aus dem Weg ein schmaler Pfad geworden, auf dessen rechter Seite es steil abwärts geht. Mir wird klar, wie das Unglück passiert sein könnte: bei feuchtem Wetter gestolpert, abgerutscht und zwischen Baumstämmen talwärts gekullert. Der steile Abhang und ein ungünstig stehender Baumstamm reichen aus, um sich im schlimmsten Fall das Genick zu brechen.

Auf den Wiesen stehen Reiher, im Wald sehe ich eine riesige Libelle, außerdem einen Zitronenfalter, ein Tagpfauenauge und einen weißen Schmetterling, der mir kein Kohlweißling zu sein scheint. Kräftig rosafarben blühen Blumen, die ich nicht kenne, und die mich an Orchideen erinnern. Jungbauer und Altbauer mähen, während eigentlich Kirche wäre, aber man kann es sich halt nicht aussuchen. Ich werde nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum gefragt, als allein wandernde Frau bin ich in der Gegend interessant, weil selten. Wie es sich gehört, lobe ich Vieh und Wiesen, und wie es sich ebenfalls gehört, winkt der Altbauer ab, Kühe und Gras halt. Die ersten Brombeeren habe ich schon an einer Mauer im Ort gepflückt, im Wald finde ich noch ein paar Himbeeren. Nach der letzten Tour habe ich gelesen, dass ich mir in der Gegend keine Sorgen wegen des Fuchsbandwurms machen muss, also esse ich, was noch zu finden ist. Den Brombeeren auf einer Lichtung war es wohl zu trocken, sie sind bitter und klein geblieben.

Nachtrag: es duftet nach reifem Getreide, wie damals, als mein Großonkel starb.

Nachtrag 2: Pausen- und Zuglektüre war dieses Mal wieder ein Krimi, nämlich Böse Seelen von Linda Castillo. (Ich mag Bücher, in denen es um das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen geht. Abgesehen davon gibt es aber auch bessere Krimis)

 


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Ist das nun ein Neologismus

oder schlicht eine Erfindung meiner Twitterschwester Nerea? „Me gusta“ entspricht „gefällt mir“, und  „megustear“ anscheinend „liken“.

(Sogar) Twittern bildet (manchmal). Und Sprachen machen lustige Sachen.  Ich werde das beobachten.

Update: Nerea (Muttersprachlerin und eifrige Twitterin) bestätigte mir, dass ihr das Wort immer häufiger begegnet. Es scheint sich also tatsächlich um einen Neologismus zu handeln. Die Real Academia Española will ihn noch nicht kennen, aber immerhin hat sie schon „tuit“ (Tweet) in ihr Online-Wörterbuch aufgenommen.

 


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Bissige Hunde

„Lass die nicht merken, dass Du Angst vor ihnen hast, sonst tanzen sie Dir auf der Nase herum.“ sage ich, gestählt von den vielen Mobbingattacken meines Berufslebens. Sie muss lachen über die Formulierung, aber sie hat immer noch Tränen in den Augen. Die Kollegin ist älter als ich, arbeitet ebenfalls Vollzeit, und pflegt daneben ihren schwerkranken Lebensgefährten. Sie ist angreifbar, weil die pure Erschöpfung sie Fehler machen und Dinge versäumen lässt.

Und ich erschrecke, weil ich in Gedanken Kolleg_innen und Vorgesetzte mit einer bissigen Meute vergleiche, und mir plötzlich vorstellen kann, wie ganz normale Leute  Nazis werden, sich an Hexenverfolgung und Steinigungen beteiligen.

Die Meute verbeißt sich gern in dem, der gleichzeitig schwach und eine Bedrohung zu sein scheint, möglicherweise, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Hierzu auch die Dame von Welt.

 

 


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Fundsachen 5

Ja, manchmal bedauere ich es, keine Kinder zu haben. Aber bereuen? Habe ich damit gesündigt und gegen die göttliche Ordnung verstoßen? Lebte ich noch in Fundi-Land, müsste ich zumindest letzteres bejahen. (Ich bereue eine ganze Menge Dinge, die ich in meinem Leben getan habe, aber keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben, gehört nicht dazu.)

Eine Liebe, zwei Religionen. In ihrer Heimat waren sie nicht sicher. Deshalb verließen sie die Heimat.  Und eines Tages konnten sie nicht mehr zurück. Dann flohen sie wieder. Und wieder.  Bis sie schließlich in Europa ankamen. (via @Dame_vonWelt auf Twitter)

Man muss zu flirten wissen, und dazu muss man verstehen, dass ein Flirt ein Spiel und eine Kunst ist, und dass das Alter und übrigens auch die Kilos gar nichts zu sagen haben, wenn zwei es richtig gut können.

Was wollen Sie, mich amüsiert so was.

Die Sängerin La Kaita, die ich hier zum ersten Mal gesehen habe, ist – unbekannterweise – eine Schwester im Geiste. Die Szene ist aus dem Film „Vengo“ von Tony Gatlif.


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Hasenbrot

Wenn mein Großvater „über Land ging“, was er als freier Handwerker mit einem Ein-Mann-Betrieb gelegentlich tat, um Reparaturen in einem Nachbardorf oder sogar in der Kreisstadt auszuführen, dann nahm er sich natürlich Proviant mit. Proviant bestand in seiner Welt aus Wurstbroten, Kaffee und – sofern vorhanden – etwas Obst aus dem eigenen Garten. Was davon übrig blieb, bekamen die Kinder zum Abendbrot. Als diese, damals noch sehr klein,  einmal fragten, wo denn das schon belegte Brot herkomme, sagte mein Großvater, die Hasen hätten es ihm geschenkt, und deshalb heißt übrig gebliebenes Brot in meiner Familie „Hasenbrot“. Auch seine Enkel waren übrigens als Kinder fest davon überzeugt, dass Hasenbrot  sehr viel besser als jedes andere Brot schmecke. Das ging so weit, dass wir unseren Proviant auf Wanderungen nicht aufaßen, sondern ein Stück zurückbehielten, um es zu Hause als Hasenbrot essen zu können.

Auch Caroline Caspar weiß vom Hasenbrot.

(Keine Geschichte vom See, denn am See regnet es, und deshalb blieben das Brot und alles andere heute zu Hause.)


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Freitag

Als ich heute das Büro verließ, zuckte ein Gedanke – schief wie ein verkrüppelter Blitz – durch mein definitiv überhitztes Hirn: wenn ich bis Montag einen netten Millionär finde, brauche ich nie wieder hierher zu kommen.

Dann fiel mir ein, dass ich den Nachmittag damit verbracht hatte, einem solchen unrealistische Wünsche auszureden, was übrigens ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner täglichen Arbeit ist, und ich dachte mir: nee, Trippmadam, so was willst Du nicht in der Wohnung haben!


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Eleganz und Verzicht“ hat jemand an eine Mauer gesprüht, an der ich täglich mindestens einmal vorbeikomme. In unserer kleinen Stadt, die eher für grobschlächtigen Protz bekannt ist, ist das ein Motto, das ich mir zu Herzen nehme.

Die Eleganz, die im Verzicht liegt, ist die einzige, die mir zur Verfügung steht, fürchte ich. Ansonsten bin ich ein Trampel vor dem Herrn.

(Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich mein Blog zur Zeit nur als Notizbuch und Sudelheft nutze. Mir fehlt jegliche Energie, und das liegt nicht an der Hitze, sondern an den Umständen, auch bekannt als: „Zwei Jobs zum Preis von einem“.)