Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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In diesen Zeiten

In diesen Zeiten, wo ich mich zum Schreiben zwingen muss, damit ich wenigstens übungshalber Texte produziere, in diesen Zeiten, wo mir das Tanzen schwer fällt und die Kommunikation mit anderen Menschen noch schwerer, in diesen Zeiten also treffe ich mich mit einer alten Tanzfreundin. Sie tanzt nicht mehr, hat geheiratet und zwei Kinder geboren, erzählt von der Angst, ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht zu werden, vom Stress des Mutterseins. Sie ist eine der wenigen Mütter in meinem Umfeld, die mir mein Nicht-Muttersein nicht zum Vorwurf machen. Trotzdem fühle ich mich unsicher, als hätte ich etwas versäumt. Es gab eine Zeit, da war mir nicht einmal bewusst, dass anderen mein Mangel an Nachkommenschaft seltsam vorkommen mochte. Man wusste es mir jedoch zu vermitteln, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte, und seitdem bin ich Müttern gegenüber misstrauisch. Meine alte Freundin wirkt nicht glücklich, und ich wünschte, wir könnten einander ausreichend vertrauen, um uns die Wahrheit zu sagen.


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Fundsachen 6

Als es noch wärmer war als jetzt, fiel mir morgens an der Bushaltestelle eine alte Dame auf, die nachts dort zu schlafen schien. Sie beschwerte sich, dass man ihr die Rente klaue, schimpfte auf die Schwarzen – wobei ich erst nicht verstand, ob sie die CSU meinte oder Menschen mit schwarzer Haut – und teilte der Straße mit, sie sei 80 Jahre alt. Wenn sie wirklich 80 ist, dachte ich, überlebt sie den Winter  auf der Straße nicht, und machte mich auf die Suche nach einer Organisation, die ihr helfen könnte. Auf hiesige Behörden mochte ich mich nicht verlassen. Weder sie noch mich sah ich dazu in der Lage, mit oft sturen und abweisenden Sachbearbeitern zu verhandeln. Die Mühlen mahlen langsam hierzulande, bis dahin kann der Winter gekommen und eine alte Frau tot sein. Aber ich fand ein Kloster, das Obdachlosen Hilfe anbot. Ich beschloss, am folgenden Tag dort anzurufen, aber am folgenden Morgen war die alte Dame weg. Ich habe sie nicht wieder gesehen. Ob sie gestorben ist, ob sie eine Unterkunft gefunden hat, ob jemand ihr geholfen hat? Die Süddeutsche Zeitung weiß von einem ähnlichen Fall:  Gloria

Bei mir im Viertel fällt der Strom nicht aus, auch wenn er (fast) überall sonst in der Stadt weg ist. Mein Viertel hängt am zweitältesten Wasserkraftwerk der Stadt, und solange unser Flüsschen nicht austrocknet, sollte nichts passieren.. Philea liest von einem sehr unheimlichen Stromausfall.

Unheimlicher noch ist der Rechtsruck in Sachsen, der Tagesspiegel sucht eine Erklärung und Ideen, wie man dagegen angehen könnte.

Ich bewege mich gern. Ich tanze, ich radele, ich gehe, ich schwimme. Macht alle Spaß, jedenfalls ab und zu.  Noch viel lieber allerdings esse ich oder wälze mich (in Gesellschaft eines Buchs oder eines hübschen Kerls) auf dem Bett, Sofa oder Teppich. Jedenfalls bevor ich Fitness-Frust aufkommen lasse.

Journelle macht sich Gedanken über Hugh Hefner und Camille Paglia.

Das habe ich am Wahlabend rauf und runter gehört: Mon pays Ma ville est malade

 


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Flüchtling

Der Junge liegt unter dem Baum, anscheinend unbeeindruckt von den Passanten und ihren Blicken, vom Straßenlärm und sogar von den Hunden, die wenige Meter entfernt ihr Geschäft verrichten. Niemand sonst legt sich auf diese Wiese. Niemand, außer dem Jungen, der vielleicht  einmal anderswo so gelegen hat und, geschützt durch mildes grünes Laub, in einen fast schmerzhaft blauen Himmel geblickt hat.

Man möchte etwas sagen können, damit der Himmel nicht mehr so fremd ist.

Keine Heimat. Nirgends.


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Kreativitätsschub und mürrische Kastagnetten

Meine Fußtechnik ist immer noch wacklig, und wenn ich nicht bald am Tempo arbeiten kann, werde ich mich auch diesen Winter in den Workshops blamieren. Nein, ich tanze zur Zeit nicht gut, und weil der immer wieder auftretende Schwindel mir das Tanzen noch schwerer macht, neige ich dazu, das zu üben, was ich ohnehin schon gut kann: Arme, Hände, Kastagnetten. Nicht nur mir, auch den Kastagnetten scheint das Üben gut zu tun: der Klang ist wieder voller und weicher, was nicht allein an meiner verbesserten Technik liegt. Holz arbeitet anscheinend noch nach Jahren, und Kastagnetten werden mürrisch, wenn man sie zu lange herumliegen lässt. Dann klingen sie schrill und spröde, und keiner will sie hören.

Ich kämpfe immer noch mit der Farruca und beschließe, einige Schritte durch leichtere zu ersetzen. Ehrgeiz ist zur Zeit eher kontraproduktiv; ich muss erst einmal die Freude am Tanzen wiederfinden. Bei den Tientos improvisiere ich ab der dritten Strophe noch vor mich hin und probiere Verschiedenes aus. Ein Schritt hat es mir besonders angetan, aber ich weiß nicht, wo ich ihn einbauen soll. Immerhin tut sich wieder etwas, nachdem ich Wochen und Monate buchstäblich und im übertragenen Sinne nicht vom Fleck kam.


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Der Goldene

Während es andernorts stürmt und man sich vor Wind und Wasser schützen muss, leuchten hier die steilen Ufer, von der Herbstsonne vergoldet. Der alte Fluss ist ruhig und ruft den Himmel, damit der seine blaue Schönheit spiegele. Die Weinlese ist im Gange im Freistaat Flaschenhals, und deshalb sind auch die Straußwirtschaften noch geöffnet, wo der letztjährige Wein erst im Glas und dann auf der Zunge tanzt. Vielleicht ist es auch der aus dem Jahr davor oder ein noch älterer. Sehr viel älter sind  einige Gäste, beinahe alt genug, um als Kleinkinder den Freistaat noch erlebt zu haben. Im Flur hängt das Portrait einer Weinkönigin, die der Bertel in Zuckmayers Fastnachtsbeichte zu ähneln scheint.

Wenige Kilometer weiter glänzen zwei ganz andere Arten von Gold: das Gold, welches  man an Hals und Handgelenken trägt, und das aus den Gruben, die der Tourismus gefüllt hat. Letztere beginnen schon, sich zu leeren. In zwanzig Jahren, vielleicht schon in zehn, werden hier nur noch der Wein und der Oktober golden leuchten.

 


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Ich werd’s nicht machen

Wo Du nicht willkommen bist, darfst Du nicht tanzen, hat mal einer der zornigen alten Herren des Flamenco gesagt. Wahrscheinlich hat er Recht. Trotzdem denke ich darüber nach, an einem Ort zu tanzen, wo ich nicht wirklich willkommen bin, wo man sich nur mit einer Flamencotänzerin, noch dazu mit einer „traditionellen“ schmücken will.

Ich bin Deutsche, deshalb  habe ich keine Tradition, auf die ich zurückgreifen kann. Ich musste mir Dinge abschauen, die einem keiner erklärt,  andere Dinge wiederum sind vollkommen aus der Luft gegriffen. Woher kommt also der Unsinn mit der „traditionellen“ Tänzerin?  Ich sage es Ihnen: 1. Keine Tänzerinnenfigur 2. Über das reguläre Tanzalter hinaus. 3. Gouvernantenknoten, aber ein wilder Mustermix in der Bühnenkleidung 4. Keine sichtbare klassische Ausbildung, pure Kraft und eher schlichte Technik. (Tatsächlich habe ich neun Jahre lang intensiv Ballett gelernt, aber das sieht mir heute keiner mehr an. Es hilft aber trotzdem auch beim Flamencotanzen). Das klingt zynisch, ich weiß schon. Es ist aber nicht so, dass ich etwas vortäusche. Mir liegt die Tradition, die Moderne bewundere ich, aber der Einfluss der Moderne auf mein Tanzen ist eher gering. Mir gefällt die relative Schlichtheit traditioneller Tänzerinnen, was nicht heißen muss, dass deren Choreografien simpel sein müssen.

Aber im Grunde ist das nutzloses Gerede, denn ich trete ungern auf, je älter ich werde, desto weniger Lust habe ich dazu. Eine pataíta unter Freunden: ja.  Bühne: nein, nicht mehr.

Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

 

 

 


Hofnärrin

Niemand, nicht einmal meine Eltern, wollten, dass ich lebe. Ich hätte ihnen beizeiten den Gefallen tun sollen, aber jetzt ist es zu spät, jetzt will ich meine 70 oder 80 Jahre haben wie andere auch.

Dieser Tage sagte mir einer, ich sei bezaubernd, aber das war natürlich gelogen, wenn auch möglicherweise in diesem einen Fall ohne böse Absicht. Das Bewusstsein meiner Wertlosigkeit wurde mir früh eingeimpft, und man sorgte und sorgt immer noch dafür, dass ich keinesfalls vergesse.

Einmal war da einer, der dachte, es gebe wohl eine Sache, die ich gut könnte, aber da hatte ich die Lektion schon zu sehr verinnerlicht, und auch, als er ein zweites, drittes und sogar viertes Mal fragte, sagte ich immer noch nein, obwohl ich gerne ja gesagt hätte. Denn insgeheim bin ich immer noch „dick und dumm“, da helfen weder nachweislich bestandene Examina noch eine Sanduhrfigur. Wir haben ein Wort dafür, oder vielmehr deren sechs: so dumm wie ein schwarzes Schwein.

Ich erzähle Geschichten, mit Worten oder mit Tanzschritten, und für einen Moment gefällt Ihnen das  vielleicht wirklich, aber dann ist es vorbei, und man lacht über die Närrin, die einen Moment lang dachte, nein, glaubte, es gebe irgendwo einen Ort.

 

 


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Fundsachen 5

Also doch. Ich kann es mir ja nicht verkneifen, Internet zu lesen und meine großartigen Entdeckungen mit Ihnen zu teilen.

Hier zum Beispiel eine wunderschöne kleine Geschichte, absolut jugendfrei, auf einem mitunter nicht ganz jugendfreien Blog. Gimme five!

Zuerst fand ich die Geschichte doof, aber dann habe ich mich an eine andere Geschichte erinnert, die ich einmal gelesen hatte und die ungefähr so ging: Ein Jude wird von einem SS-Mann gedemütigt, und sein Nachbar, einer von der Sorte, die man im Nachhinein Mitläufer nannte, schleudert ihm einen Satz entgegen: „Jetzt sind wir mal dran!“ Dieser kleine, dumme Satz ist einer, den auch AfD-Wähler und Pegida-Sympathisanten sagen könnten. Oder schon sagen, in der irrigen Annahme, dass ihnen bisher Unrecht widerfahren sei – in einem der reichsten und liberalsten Länder der Welt. Die Historie dreht sich im Kreis, und so kriegt die Geschichte einen Sinn.

Ein wunderbarer kleiner Text der Katastrophenchronistin.

Onkel Maike reist in die Normandie. (Bisher drei Blogeinträge, ich verlinke hier nur den ersten.) Übermäßig gut gefällt es ihr da nicht. Es muss da so sein wie bei den Sch’tis, wo ich in meiner Kindheit häufiger meine Ferien verbrachte und meine ersten Brocken Französisch lernte. Ich muss Sie aber enttäuschen, ich rede Französisch nicht mit einem Sch’ti-Akzent, sondern mit einem bosnischen. Das aber ist eine andere Geschichte. Bei den Sch’tis hat es mir aber immer gefallen. Ich liebe ja bekanntermaßen die Tristesse.

Rosalía, eine beeindruckende junge Sängerin.


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Lieblingssatz 04102017

„Zwischen ihrer grauenhaften Sprache und ihren immer anmaßenderen Aktionen erschienen sie mir als die, die sie waren: kleinbürgerliche, lebensfeindliche und verzweifelt ahnungslose Angstmacher, die kein Ziel hatten außer ihrer eigenen kalten Präsenz.“

Eva Demski, Den Koffer trag ich selber, Insel Verlag, Berlin 2017