Geschichten und Meer


2 Kommentare

Flamenco: El Piyayo und sein Tango

WIN_20170628_19_04_35_Pro

„En Málaga los serenos
van diciendo por las calles
que duerma el que tenga sueño
que yo no despierto a nadie“

(hier: Antonio Nuñez, El Chocolate: Tango del Piyayo)

In Málaga, so heißt es in dem Lied, sagen die Nachtwächter auf der Straße, es solle doch schlafen, wer müde sei, sie jedenfalls weckten keinen. Sicherlich gehört der Tango de Málaga zu den wenigen einigermaßen fröhlichen palos, die dieser zornige alte Herr, El Chocolate, jemals gesungen hat.

Farruca, Garrotín und Tango de Málaga, drei Zweige vom selben Ast. Ein Ast vom dicken Stamm des Flamenco, dessen Wurzeln nicht nur in den spanischen Regionen liegen, sondern  auch indisches, arabisches, jüdisches, afrikanisches und südamerikanisches Wasser trinken. Auch ein Eimerchen aus Frankreich mag dabei gewesen sein.

Der Tango trinkt wohl aus Quelle der afrokubanischen Musik. Der einzigartige, unvergleichliche Faustino Nuñez leitet ihn von der Habanera ab. Ich bin keine Musikwissenschaftlerin, sondern nur eine eher minderbemittelte Amateur-Tänzerin. Deshalb sage ich nur so viel: Der Tango hat einen Vierer-Rhythmus, d.h. auf einen Takt kommen vier Schläge. Wenn Sie mitklatschen wollten (unterstehen Sie sich!), bliebe der erste Schlag stumm.

Andalusische Städte oder Landstriche, die auf sich halten, haben jeweils ihre eigene Tango-Version, so auch die Stadt Málaga. Vorfahr des Tango de Málaga ist der Tango del Piyayo, z.B. hier: eine Stimme, an die ich mich erst gewöhnen musste, aber ein Version, die mir sehr gut gefällt: Curra Sánchez, Tangos del Piyayo. Im Gegensatz zu andern Tangos hat der Tango del Piyayo (und auch der T. de Málaga) einen weichen, geschmeidigen Swing, der wohl auf den Einfluss eines anderen kubanisch-stämmigen palo, nämlich auf die Guajira zurückzuführen ist. Auch die Carcelera soll mitgespielt haben, aber ich vermute, das bezieht sich eher auf die Texte, wie wir noch sehen werden.

Schöpfer dieses sehr speziellen Tangos war der Sänger und Gitarrist Rafael Flores Nieto „El Piyayo“ (1864-1940). Wie viele andere Flamencokünstler einst und jetzt konnte auch er nicht vom Musizieren allein leben, sondern arbeitete daneben als fliegender Händler. Er soll 1898 am Spanisch-Amerikanischen Krieg teilgenommen haben, und – eventuell auf Kuba – im Gefängnis (cárcel, daher die oben erwähnte Carcelera) gesessen haben. Das würde nicht nur den kubanischen Einfluss auf seine Schöpfung erklären, sondern auch die Texte, teils noch von El Piyayo selbst verfasst, die vom Gefängnis erzählen, so zum Beispiel diesen, in dem der Verfasser sich beklagt, dass mit kaltem Wasser rasiert wird, wer sich ohne finanzielle Mittel im Gefängnis befindet:

Adiós patio de la cárcel,
rincón de la barbería,
que al que no tiene dinero
le afeitan con agua fría.”

El Piyayo soll, so heißt es, nicht sehr angesehen gewesen sein. So habe er zu den „fiestas de señoritos“, die eine wichtige Einnahmequelle für die Künstler_innen seiner Generation waren, selten Zutritt gehabt. Diese Fiestas waren privat oder halböffentlich. Dort traten professionelle und semiprofessionelle Künstler_innen gegen Bezahlung auf. Waren diese jung und schön, wurden mitunter auch noch andere Dienstleistungen nachgefragt, weswegen zwischen Flamencotänzerinnen und Prostituierten in einem gewissen katholisch-konservativen Milieu bis Ende des 20. Jahrhunderts kein nennenswerter Unterschied gemacht wurde. El Piyayo, groß, hager und von schroffem Wesen, wirkte vermutlich wie ein Fremdkörper bei derartigen Veranstaltungen. Andere Quellen charakterisieren ihn jedoch, zumindest in vertrauter Umgebung, als umgänglich, freundlich und sehr emotional. Einig scheint man sich aber darin, dass er ein Einzelgänger und mitunter recht stur war. Über die Qualität seines Gesangs und Gitarrenspiels mag man sich uneins gewesen sein, den Respekt als Schöpfer eines neuen Gesangsstils darf man ihm aber wohl nicht versagen.

Eine andere bedeutende Interpretin des Tango del Piyayo oder vielmehr dessen Abkömmlings, des Tango de Málaga, soll Ana Amaya Molina (1855-1933) gewesen sein, die unter dem Namen Anilla de Ronda auftrat. Sie war Sängerin, Tänzerin, Gitarristin, und – wie sie selbst behauptete – Schmugglerin. Ihr Lebenswandel war wohl für ihre Zeit ungewöhnlich liberal; sie soll die Geliebte von mindestens einem Torero (Lagartijo) und mindestens einem General gewesen sein. Es gibt ein Foto, das sie als alte Frau auf der Bühne zeigt. Das Haupt mit Blumen geschmückt, im gepunkteten Volantkleid mit Umschlag- und Halstuch (mantón y pañuelo), sitzt sie breitbeinig auf einem Stuhl und stützt die Hände auf die Oberschenkel. Zum Gedenken an eine Frau, die sich wohl für ihre Zeit ungewöhnliche Freiheiten nahm, beginne ich stets in dieser Haltung, wenn ich einen Tango de Málaga tanze. Hier eine alte Aufnahme, wo sie allerdings nicht Flamenco singt, sondern eine Jota Aragonesa.

 

 

 


2 Kommentare

Wanderschuhe

Schlechtes Schuhwerk ist des Teufels, habe ich schon als Kind gelernt. Tanzlehrer, Großmütter, Eltern und Tanten unterrichteten mich schon früh mit ernster Miene über die Konsequenzen, die ungeeignete Fußbekleidung für Füße, Wirbelsäule, sonstige Knochen und mein gesamtes späteres Leben haben würden. Als Jugendliche trug ich eine Weile aus purem Trotz spitze Schühchen mit – für meine Verhältnisse – halsbrecherisch hohen Absätzen, aber schon als Studentin kehrte ich reumütig zu den „Nonnenschuhen“ meiner Kindheit zurück, nicht durch Einsicht, sondern durch eine neue Art Notwendigkeit: ich hatte angefangen, Flamenco zu tanzen, und nach zwei oder mehr Stunden mehr oder weniger taktsicheren Stampfens mit hohen Absätzen auf harten Böden möchte man nur noch flache Schuhe tragen.

Flamencotänzerinnenfüße entwickelt zwei Dinge: Muskeln und Hornhaut. Der Tänzer Antonio Canales pflegte sogar zu prahlen, er könne auf seiner Fußsohle eine Zigarette ausdrücken, aber gesehen habe ich ihn dabei nie, und deshalb bin ich nicht sicher, ob ich ihm glauben kann. Wie auch immer, selbst, wenn dies eine Legende sein sollte, so illustriert sie doch die Unempfindlichkeit von Tänzerfüßen.

Meine ersten, eher kurzen Wanderungen am See unternahm ich in völlig ungeeigneten Schuhen, über Stock und Stein tänzelnd, dabei verächtlich beäugt von den „echten“ Wanderern, die nur darauf zu warten schienen, dass ich mir Hals und Beine bräche. Was ich nicht tat, denn wenn ich auch nicht das Gleichgewicht einer Tänzerin habe, so doch ein besseres als Otto und Ottilie Normalverbraucher_in. Irgendwann reifte in mir dennoch der Gedanke, dass ich durchaus ein paar Wanderschuhe gebrauchen könnte. Wanderschuhe gibt es in unserer kleine Stadt in Läden, wo man meinesgleichen – unscheinbar, mittelalt und offensichtlich bücherverwurmt – gerne für teures Geld mit großer Herablassung behandelt.

Mit deutlicher Arroganz begegnete mir also auch die junge Dame, schlank, blond und bayerisch, welche das grausame Schicksal traf, einer Person wie mir Schuhe verkaufen zu müssen. Nun bin ich eigentlich keine unerfahrene Wanderin, nur habe ich ein paar viele Jahre pausiert, aus  Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Ich weiß also ungefähr einzuschätzen, was ich kann und was ich will bzw. wollen sollte, und dementsprechend   trug ich meine Wünsche hartnäckig, aber mit Sanftmut, Güte und Geduld, vor. Wir wurden uns auch einig, das zweite Paar Schuhe schon passte perfekt. Dann aber wollte die Blonde mir partout Funktionsstrümpfe verkaufen. Ich habe ja das Wandern noch in dicken Wollstrümpfen und Kniebundhosen gelernt, Funktionskleidung lässt mich Schlimmes befürchten, und wenn ich eines weiß, dann, dass ich Platz in meinen Schuhen haben will. Also keine Funktionsstrümpfe, sondern ganz normale Socken. „Sie werden sich Blasen laufen!  Viele gar schreckliche Blasen.“ drohte die herablassende Schöne und richtete den Blick gen Himmel, wo sich kein passendes Unwetter zusammenbrauen wollte. Fast hätte sie mich nicht mehr aus dem Laden gelassen, als ich ihr versicherte, erst einmal keine quietschroten Funktionssocken zu brauchen. Ich hätte ihr ja gerne erzählt, dass man sich beim Flamencotanz die Mutter und die Großmutter aller Blasen einhandelt (und die Tanten noch dazu), und dass einen danach nichts mehr schrecken kann, aber das hätte sie wohl nicht verkraftet.

WIN_20170627_16_58_38_Pro

(Von links nach rechts: Nonnen-, Flamenco- und Wanderschuh. Die Mutter der Altbäuerin pflegte zu sagen: Meine Mädchen sind ja alle gut geraten, aber Schuhe putzen tut keins.)


Hinterlasse einen Kommentar

Fundsachen

Frau Lakritze über Leinen im Stopfblog. (Ich bügele ja nicht einmal Leinenbettwäsche, da  ich hierin der Tante Christine –  Christine bitte mit Betonung auf der ersten Silbe – folge, welche sprach: „Ach was, ein Furz darwidder..!)

Ich kann kein R rollen. (Das heißt, ich kann schon, nur nicht in meiner Muttersprache.) In Hessen können das überhaupt nur die Leute aus der „Werrerraa“ (Wetterau). Alle anderen machen entweder eine kleine Pause, wo das R sein sollte, oder verwandeln es in ein „ch“, wie in „noch“. Mein ukrainischer Kollege dagegen hat ein französisches R, was verbunden mit einem leichten slawischen Akzent sehr charmant klingt. Aber wer möchte schon ein deutsches R? Er schon.

Ich sage immer: Körper sind weder gut noch schlecht, Körper sind einfach Körper. So ähnlich sieht es auch Frau Keinzahnkatzen.

Ich glaube, ich habe meinen Traumjob gefunden: Die Bücher-Kavallerie.


Hinterlasse einen Kommentar

Ich bin die Rómana

„Deine Mutter war gestern schon hier und hat  zwei Hosen für dich gekauft.“ tönt der Händler auf der Verkehrsinsel zwischen den Straßenbahnschienen, die manchmal zu einem Markt umfunktioniert wird. Ich gehe dort hin, weil ich für eine gewisse Zeit in ein früheres Leben zurückkehre und passend gekleidet sein will. Passend gekleidet heißt in diesem Fall: langer gerade geschnittener Rock mit Gummizug oder weite Hose mit ebensolchem. Darüber eine Bluse, die man nicht in den Bund steckt und – unverzichtbar – der rechteckige Schal, den man einfach herunterhängen lässt und der im Notfall weibliche Formen sowie Speckröllchen kaschiert (und der noch viele andere Bedeutungen und Möglichkeiten bietet).

Meine Mutter wohnt ganz woanders, aber es ist sinnlos, das zu erklären. Mehrmals streite ich ab, die Magdalena zu sein, deren Mutter ihr Hosen kauft. Schließlich gebe ich auf und behaupte, die Rómana zu sein, die Cousine der Magdalena. Was zu schrägen Blicken führt, als ich einige Tage später in Begleitung von Kolleginnen auf den Markt gehe, um Obst zu kaufen, und fröhlich mit „Rómana“ angesprochen werde.

Das kommt davon, wenn man eins dieser Gesichter hat, von denen zwölf auf ein Dutzend gehen.


2 Kommentare >

Es regnet nicht, hier so wenig wie bei Stefan Zweig. Es ist eine seltsame Hitze, keine feuchte, die sich auf die Haut legt wie Sirup, keine glühende, bei der man erwartet, Funken über die Felder springen zu sehen wie bei Theodor Storm. Die Hitze ist, wie alles hier, dumpf und stumpf, ermüdend, erstickend und aufreizend zugleich. Man möchte den Leuten die Hüte herunterschlagen, und am besten den Kopf gleich mit, aber stattdessen sitzt man am Schreibtisch, steht man in der Küche, zügelt man Wut und Nervosität und … nein, dieses Mal bricht man die Brücken ab, verbrennt man die Schiffe, lacht den Leuten ins Gesicht, sattelt das Huhn und macht sich auf und davon.