Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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Fundsachen 11

Herr Buddenbohm geht in die Bibliothek.

Mitzi Irsaj geht nicht allein nach Hause.

Die Süddeutsche Zeitung geht in meinem Viertel spazieren.

@Naum_Burger geht in die Bäckerei und jemand hat einen Kurzfilm darüber gemacht.

Zwei alte Tanten tanzen Tango.


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Das Salzdippchen

Bei uns in Hessen heißt ein Topf (jeglicher Art und Größe) „Dippen“. Deshalb gibt es in Frankfurt eine Dippemess, d.h. eine Veranstaltung, auf der früher Geschirr verkauft wurde. Heute ist die Dippemess so eine Art Oktoberfest. Zwischendrin war ja auch einmal ein Bayer für  die Festorganisation verantwortlich, was die Dinge nicht besser gemacht hat. In Nordhessen ist „Dippen“ außerdem so etwas wie die weibliche Form von „Depp“. Bevor Sie mich aber jetzt ein Dippen schimpfen, komme ich besser zur Sache: Der Zwetschgenmann, der auf gut Frankfurterisch „Quetschemännche“ heißen würde, hat zur Blogparade aufgerufen. Gegenstand derselben sollen „Kleine Rituale“ sein. Kann sich ein kleines Ritual an einem Gegenstand festmachen? Ich denke schon:

Die Küche meiner Großmutter ist verloren und vergangen, aber ich erinnere mich noch an ihre Farben und ihren Geruch: weiß und blau, letzteres gegen die Fliegen, denn Blau mögen die Viecher angeblich nicht.  Die Fliegen kamen aber trotzdem, denn schließlich war die Küche meiner Großmutter auf dem Land, aber vielleicht wären es noch mehr Fliegen gewesen, wenn die Küchentapete gelb gewesen wäre. Dann der Geruch: nach Liebstöckel, Brot, Seife und – weil auf dem Land ja ein Stall nie weit entfernt ist – nach Vieh. Die dunkelblaue Schürze meiner Großmutter und das hellblaue Salzdippen, vielmehr ein Salzdippchen. Seine Tage hatte das Salzdippchen nicht als Salzstreuer begonnen. Tatsächlich war es überhaupt kein Irgendwasstreuer sondern ein Messbecher für ein Medikament, das dem Vieh eingeflößt werden musste. Als dieser Zweck schließlich wegfiel, wurde es sorgfältig gespült und begann anschließend ein neues Leben als Salzdippchen. Es bestand aus hellblauem Plastik, hatte einen Durchmesser von ungefähr viereinhalb Zentimeter, eine Höhe von circa drei, und einen etwa vier Zentimeter langen Griff an der Seite. Immer, wenn wir in den Ferien die Oma besuchten, verlangte meine Mutter schon bei der ersten Mahlzeit nach dem Salzdippchen, auch wenn in späteren Jahren schon ein perfekter, gutbürgerlicher Salzstreuer auf dem Tisch stand. Meine Oma brachte – kopfschüttelnd – das Salzdippchen, und jeder griff mit sauberen Fingern hinein und streute eine Prise über das ohnehin schon gut gewürzte Essen.

Wo das Salzdippchen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Sollten Sie aber jemals bei mir essen, so dürfen Sie sich freuen, wenn auf dem Tisch kein Salzstreuer, sonden ein kleines, mit Salz gefülltes Töpfchen steht, in das Sie mit  sauberen Fingern hineinfassen dürfen. Dann nämlich sind Sie ein ganz besonderer Gast, sozusagen ein Ehren-Nordhesse.

Erfahren habe ich von der Blogparade durch Tanja Praske, und weil ich das Schreiben nach Plagiat und Verrat erst wieder neu lernen muss, nehme ich zur Zeit übungshalber jede Blogparade mit. 

 


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Was Kuchengabeln mit Feminismus zu tun haben

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Der geschätzte, wenn auch etwas entfernte Blognachbar hat Kuchengabeln. Meine Großtanten, und zwar nicht die Ehefrauen der hier schon häufiger erwähnten Großonkel, sondern die anderen, die ohne Ehemänner, hatten auch welche. Keine ererbten, ach nein, woher denn? Die meisten meiner vor 1920 geborenen Großtanten, haben sich ein Studium ertrotzt und nie geheiratet. Talent zum Reichwerden hat in der näheren Verwandtschaft noch nie jemand gezeigt. Talent zum Heiraten ist auch nicht gerade eine Kernkompetenz meiner Familie, auch wenn die vielen Tanten ja irgendwo herkommen müssen. Es ist bei unsereinem vor der Erfindung zuverlässiger Verhütungsmittel so gewesen, dass von, sagen wir, sieben Schwestern vielleicht zwei Kinder bekommen haben (aber die dann richtig viele) und der Rest sich auf die Rolle der unverheirateten Tante verlegte. Die Frauen meiner Familie legen seit Generationen mehr Wert auf ihre Unabhängigkeit und die dazu notwendige Ausbildung als auf einen ordentlichen Hausstand mit Mann und Kind. Eine der Großtanten wurde Volkswirtin,  die anderen Lehrerinnen. Meine Tanten machten, einmal erwachsen und unabhängig,  keine Gefangenen und  nahmen keine Geschenke. Jeden Silberlöffel, jeden Stuhl und jeden Kissenbezug haben sie eigenhändig ausgewählt und  von ihrem eigenen Geld bezahlt. Sie blieben nicht gerne etwas schuldig.

Die Kuchengabeln des Herrn Nachbarn haben mich an eine Frauengeneration erinnert, die sich Unabhängigkeit und Selbstständigkeit erkämpfen musste auf eine Art, die wir uns heute hier in Europa kaum noch vorstellen können. Frühe Feministinnen, wenn nicht in Worten, so doch in Taten.

(Foto: von der anderen Patentante, dem Fräulein Doktor der Volkswirtschaft, geerbte Kaffeelöffel mit ihrem Monogramm. Ich schwöre, in natura sehen sie nicht so ungeputzt aus.) 

 


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Flammen

An manchen Tagen steht der Horizont in Flammen. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die vor einer Wand aus Bergen leben (müssen), habe ich hier nämlich einen Horizont. Der liegt gleich hinter dem Friedhof, und an kalten Herbstmorgen ist er mitunter dunkelrot. Dann verblasst er, wird hellrot, orange und schließlich gelb. Es ist kein großartiger Horizont, der einem die eigene Winzigkeit sogar bei einer Länge von gut 1,80 m und Kleidergröße 44 bewusst macht wie am Meer. Mein Horizont ist klein, aber manchmal spielt er großes Drama und schleudert ein Rot in die Höhe, das Sie an einem Himmel nie erwartet hätten.

„La niña que yo quiero

tiene los ojos azules

por tanto mirar al cielo“ 

Das Mädchen, das ich liebe, hat ganz blaue Augen, weil es immer in den Himmel schaut, heißt es in einem altmodischen spanischen Lied. Auf das Gelb folgt auch an meinem Himmel Grau oder Blau. Ist er  blau, muss ich an das Mädchen aus dem Lied denken.


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Einundachtzig

81 Jahre alt wären Sie jetzt, capitán. Ich versuche, Sie mir in diesem Alter vorzustellen. So alt wie meine Mutter oder mein Patenonkel. Ich betrachte Männer, die 80 Jahre alt oder etwas darüber sind und erschrecke, wenn ich bedenke, wie gebrechlich Sie jetzt sein könnten. Vielleicht wäre aber alles ganz anders, und Sie wären – ohne den Krebs – wie immer: hager, scharfzüngig, blitzgescheit. Aber so ist es nicht gekommen.


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Leute im Museum

Als ich vor vielen Jahren hierher in unsere kleine Stadt zog, besuchte ich wunsch- und pflichtgemäß der Reihe nach die einschlägigen Sehenswürdigkeiten. Meine Erziehung hatte mich einerseits gelehrt, dass man sich einer Stadt über ihre Kulturdenkmäler annähert, andererseits  waren Museen in meiner Kindheit die einzigen Orte, wo es weder Geschrei noch Ohrfeigen gab, weil sogar mein cholerischer Vater sich im Museum am Riemen riss. Vermutlich deshalb sind Museen noch immer Fluchtorte für mich. Die meisten Leute benehmen sich im Museum.

In unserer kleinen Stadt liebt man den Prunk, was sage ich, den Protz, vom Schwulst ganz zu schweigen. Und so gab es hierzulande einmal einen Malerfürsten, der ein gar prächtiges Haus bewohnte, dessen Inneinrichtung  quasi ein Lehrbuchbeispiel für alles von Prunk bis Schwulst ist. Sie könnten einwenden, auch das Städel sei nichts anderes als eine Manifestation Frankfurter Bürgerstolzes, aber der ist anders als anderswo. „Der Frankfurter aber fährt vierspännig.“ heißt es. Aber in Frankfurt fahren reiche  Bauunternehmer auch im alten Wollmantel Straßenbahn (wie alle Welt) und lesen dabei die Zeitung auf Hebräisch ohne Wörterbuch (nicht wie alle Welt).  Es ist diese beiläufige, unaufdringliche LMAA-Haltung („wir haben das gar nicht nötig“), die bewirkt, dass Frankfurt anders ist. Und: das Städel war von Anfang an für Frankfurt und nicht für Herrn Städel gedacht.

In unserer kleinen Stadt hingegen macht man sich fein, um ins Museum zu gehen, und man achtet darauf, dass man gesehen wird. Als ich das Haus des Malerfürsten betrat, da hatte ich mich schon so an die hiesige äußerliche Wohlanständigkeit gewöhnt, dass die eine, die anders aussah, mir sofort auffiel. Ausgetretene Schuhe, dicke Wollstrümpfe, ein sehr schlichter Rock aus grobem Stoff, eine unauffällige alte Trachtenjacke und ein grauer Knoten. Sie sah so ärmlich aus, dass ich mich schon darauf vorbereitete, auf die Barrikaden zu gehen, sollte einer der Museums-Cerberusse unangenehm werden. Aber nein, alle Cerberusse schnurrten wie die Kätzchen, als die Dame wie eine kleine alte Königin an ihnen vorbei schritt, hier ein Lächeln, da ein freundlich-distanziertes Grüß Gott verteilend. Ich weiß bis heute nicht, wer sie war. Offensichtlich gehörte sie zur Stammkundschaft und wurde als eine Person respektiert, die etwas von Kunst verstand. Die feinen Damen, die wohlanständigen Herren guckten trotzdem so schief, wie sie es nur hier in unserer kleinen Stadt können.


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Fundsachen 10

Wenn Bloggerfreundinnen noch ganz andere Sachen  schreiben.

Wenn Herr Lendle verreist und den traurigsten verunglückten Händedruck erlebt.

Wenn Geschichten für immer verloren gehen.

Wenn der Assistenzhund plötzlich selbst Hilfe braucht.

Wenn Soldaten in Uniform eine KZ-Gedenkstätte besuchen.

Wenn Herr Kreisler in den Park geht.

 


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November am See

Der geschätzte, aber etwas entfernte Blognachbar liebt die Berge. Ich hingegen finde, der See wäre sehr viel netter anzusehen, wenn jemand mal die Klötze zur Seite schieben würde, die in ungeordneter Reihe den Blick vom Seeufer ins weite Land verstellen. Noch schlimmer als einfach Berge sind nur schneebedeckte Berge.  Einfache Berge toleriere ich zeitweise, aber nur wegen des oben genannten geschätzten Blognachbarn. Schneebedeckte Berge lassen mich wünschen, dass die Hölle niemals zufrieren möchte. Flachländerinnen wie ich brauchen wenigstens ein warmes Plätzchen, und wenn es auch gleich neben dem Höllenfeuer ist.

Sie sehen, ich habe eine ausgewachsene Schnee-Berg-Phobie. Aber am See habe ich mich dieses Jahr noch nicht sattgesehen. Außerdem wollte ich wissen, ob die Friedhofsrosen noch blühen (ja), ob Altbauer und Altbäuerin wohlauf sind (keine Ahnung, aber im Vorbeigehen sah der Hof nicht aus, als sei dort etwas Schlimmes passiert), wie weit nach unten der Schnee schon vorgedrungen ist (noch nicht weit) und all die Kleinigkeiten, die sich in einem kleinen Ort, den man nur alle paar Wochen besucht, mehr oder weniger drastisch verändern können, während man nicht hinschaut.

Und dann muss man natürlich den See selbst, die Wiesen, die Kruzifixe, die Bienenhäuser und die Kirche mit der wunderhübschen kleinen Schutzmantelmadonna an der Seite des Altarraums noch einmal betrachten. Auch das Sperberpärchen, das sich unter grauem Himmel jagt, darf man nicht übersehen. Die Viehweide, die genauso aussieht wie eine Viehweide anderswo. Die fleischigen, schweren Kühe, die die falsche Farbe haben. Die Bauern, die genauso gehen wie die Bauern anderswo. Die, solange sie den Mund nicht aufmachen, die Bauern von anderswo sein könnten.

Wenn man einmal anfängt, sein Herz an etwas zu hängen, verliert man es. Also das, woran man sein Herz gehängt hat. Erfahrungsgemäß. Immer. Besser, man fängt gar nicht erst damit an.

 


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Echt deutsch

Da ist jemand sozial engagiert, auch für Migranten und andere Marginalisierte, aber wenn jemand dann eine Wohnung sucht, heißt es „deutsch, bayerisch, echtes Münchner Kindl“.

Hm.


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Mit Rechten reden

Ich rede nicht mit Rechten. Ich muss das auch nicht, denn ich sitze nicht einem Parlament o.ä., in das auch Rechte gewählt wurden. Höchstens, dass ich mich einmal in der Straßenbahn mit grölenden Rassisten anlege. Aber was, wenn die Rechte eine Freundin ist, der Rassist ein angeheirateter Cousin, die oder den ich noch zu überzeugen hoffe? Was, wenn jemand, den ich als anständigen und herzensguten Menschen kenne, sich mit David Berger verbündet, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen (ein Ziel, das ich übrigens für falsch halte)?  Der Feind meines Feindes ist nicht immer mein Freund.