Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

Eine verpasste Gelegenheit

2 Kommentare

Niemand hat mir je gesagt, dass die Urgroßtante Pferde liebte. Die Urgroßtante war, wie man sagte, ein böses Weib, das seiner Tochter, meiner Großtante, das Leben zur Hölle gemacht haben muss. Auch meine Tanten, durch eine Verschiebung der Generationen nur wenig älter als ich, hatten Angst vor ihr. Ich selbst habe nur einmal mit ihr gesprochen und erinnere mich an eine weißhaarig, zaundürre Frau, die mit erstaunlicher Kraft Feuerholz hackte. Da gab es im Haus schon eine Heizung, die benutzte sie aber nicht, was wohl ihre Art nordhessisch-protestantischer Askese war. „Geht auch ohne!“ könnte der Wahlspruch meiner Familie sein, und – wie ich an der Urgroßtante sehen konnte – schon seit mehreren Generationen.

Eine Bemerkung meiner Großtante hatte mir die Tränen in die Augen getrieben, und weil in meiner Familie die „Heulbojen“ nicht wohlgelitten sind, war ich in die Scheune geflüchtet, wo die Urgroßtante gerade Holz hackte. Die sprach mich an, mit trockener Altfrauenstimme, fragte, ob ich das „Ferienkind“ sei und ob ich das sei, die am Vortag vom Pferd gefallen war. Dann hackte sie weiter Holz, ich band mein Kopftuch wieder neu, dieses Mal korrekt und verließ die Scheune.

Danach habe ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß auch nicht, wann sie gestorben ist. Im Nachhinein wundere ich mich, dass wir einander nicht vorgestellt wurden. Ich war eine gute Woche auf dem Hof meiner Großtante zu Besuch. Hätte ich mich nicht vor den Zumutungen des Lebens in der Scheune verstecken wollen, hätte ich nicht gewusst, dass sie existierte. Es ist möglich, dass sie mich fragte, ob ich Pferde gerne hätte, aber sicher bin ich mir nicht. Weder sie noch ich waren in der Lage, eine Verbindung herzustellen, nicht einmal über das Reiten.

Diese Urgroßtante, so habe ich an Weihnachten erfahren, hatte Pferde so gern, dass sie schon als kleines Mädchen jedes Mal, wenn Besuch mit der Kutsche vom Bahnhof abgeholt werden musste, das Pferdegeschirr blitzblank putzte. Warum sie ein böses Weib wurde, weiß ich nicht. Das harte Leben? Persönliches Unglück? Ein schlechter Charakter? Ich habe allerdings viele Male erlebt, dass Wüteriche oder auch Menschen, die innerlich versteinert schienen, in der Nähe von Pferden sanft wie Lämmer wurden. Schade, dass wir nicht darüber gesprochen haben. Was ich aber zu wissen glaube: sie war wohl ein Mensch, der früh gelernt hatte, dass man es besser nicht zeigt, wenn einem etwas am Herzen liegt. Denn manche nehmen anderen gerade das weg, was die am meisten brauchen, einfach so, weil sie es können. Vielleicht hatte sie deshalb Angst, ihrer Tochter zu zeigen, wie lieb sie sie hatte. Was man liebt, wird einem genommen, muss sie gedacht haben.

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

2 Kommentare zu “Eine verpasste Gelegenheit

  1. So etwas persönlich Geschichtliches liebe ich – und empfinde es beileibe nicht lediglich als „Geschichtchen“!
    Familie, da ist öfter was befrachtet mit verpassten Gelegenheiten. Weil man noch was fragen wollte und plötzlich fragt man ins Leere. Die Menschen sterben. Man müsste schneller sein. Aber einen fließenden Fluss kann man eben nicht andrücken oder anhalten. Alles fließt.
    Die Tante war ein Raabenaas, so würde ich sagen, und solche haben die wildesten Dinge erlebt oder durchmachen müsse…von nix kommt nix.
    Liebe Grüße zu Dir

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    • Ich vermute ja, dass kein Mensch von Grund auf oder ohne Grund schlecht ist. Dahinter steckt meistens eine Geschichte, aber die kommt wohl selten ans Tageslicht. Schwarz und weiß gibt es wohl nicht, eher Grautöne.
      Auch liebe Grüße und ein gutes neues Jahr.

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