Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

Rückkehr

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Unsere kleine, von Touristen aus Japan, Italien und beiden Amerikas zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Weise geliebte Stadt ist stellenweise von geradezu atemberaubender Hässlichkeit. Daran ändert auch der Schnee nichts, der doch sonst immer zum beschönigenden Bedecken von Abscheulichkeiten herhalten muss. Die jungen Asiaten, die vor den Baustellenzäunen am Hauptbahnhof dramatische Posen einnehmen, scheint das nicht zu beeindrucken. Wann ist das dramatische Posieren in Mode gekommen, frage ich mich, und wende mich einer weißhaarigen Dame, Typ „coole Tante aus der Großstadt“ zu, die gymnastische Übungen auf dem ebenso verschneiten wie illegalen Parkplatz zu vollführen scheint. Die Gymnastik entpuppt sich als exzessives Winken in Richtung gold- und rastagelockter Nichten, deren Koffer die coole Tante mit balletteusenhafter Grazie und Körperkraft in ein winziges Auto zu quetschen weiß. Ein Hauch von Mansplaining liegt in der Luft, aber das gehört hierzulande zur Folklore und ruft nicht mehr als ein Tiefkühlmadonnenlächeln hervor. Die Nichten wuchten breite Schultern und gestählte Oberschenkel mit deutlich weniger Anmut ins Auto.

Die Großstadt scheint unwirklich nach einer Woche auf dem Land. Doch schon winkt die To-Do-Liste, vibriert die Waschmaschine wie seinerzeit die Bühnenbretter in Erwartung eines heute schon lange vergessenen Tänzers, noch vier Tage, dann öffnen sich auch die Tore des letzten Angestelltenkerkers, um Menschen zu verschlingen und sie nach frühestens acht Stunden als Rechenmaschinen oder Aktenfresser  wieder auszuspucken.

Auf dem Land hieß Lärm: Kirchenglocken, evangelisch oder seltener auch katholisch, Hütehunde in Rage, Schweine und Traktoren. Es gibt Leute, die zetteln deswegen ganze Gerichtsverfahren an. Dieselben Leute übrigens, die klaglos Verkehrslärm ertragen. Die ländliche Stille ist, das vergisst man häufig, voller Geräusche. Selbst in einem Dorf, in dem in den letzten fünfundzwanzig Jahren die Misthaufen und die Hähne verschwunden sind, gibt es noch Kirchen und Schafe und Leute, die sich daran stören. „Die Stille ist ein Geräusch“ sagt Juli Zeh, aber sie meint es anders als ich.

(Die Autorin bedankt sich bei R.M. für die Inspiration.)

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

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