Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

An der Wand

2 Kommentare

Para una ciudad del Norte

yo me fui a trabajar.

Mi vida la dejé 

entre Ceuta y Gibraltar 

(Manu Chao, El Clandestino)

Von der Wand schaust Du auf mich herunter, mit Deinen dunklen Augen und Deinen geschwungenen Augenbrauen. Wie Rabenflügel, sagt man wohl. Augen und Augenbrauen waren wohl Deine einzige Schönheit. Ansonsten erinnere ich mich an einen kleinen, gedrungenen Körper, an ein Hohlkreuz, ein Bäuchlein, schwarze drahtige Haare. Einmal wären wir fast miteinander im Bett gelandet, nach einer Trauerfeier für einen, der zu Lebzeiten einmal vorgegeben hatte, in mich verliebt zu sein. Was er wirklich wollte, habe ich bis heute nicht verstanden. Was Du wolltest, war immerhin glasklar. Da war keine Romantik, keine Verklärung, und im Nachhinein weiß ich das zu schätzen.

Du warst El Pato, Dein Bruder El Negro, dem Toten hatte ich selbst den Beinamen El Chibolo gegeben. La Sandra war da, und La Ceci, die später von ihrem Lebensgefährten erstochen wurde, als sie in der Agentur meines Vermieters putzte. (Die Welt ist ein Dorf.) Der Lebensgefährte, ein Ire, dessen Namen ich vergessen habe, erhängte sich in der Gefängniszelle. La Sandra heiratete  einen Mann von den Philippinen, der ihre Telefonate überwachte und ihr verbot, Spanisch mit ihren Freundinnen zu sprechen. Später lieh ich ihr Geld, damit sie irgendwo neu anfangen konnte. Ubilde, Modedirectrice, war mit einem ungarischstämmigen Österreicher verheiratet, der sie tyrannisierte. Trotzdem setzte sie sich aufs hohe Ross, denn schlecht verheiratet sei immer noch besser als gar nicht verheiratet. Auch die floh schließlich, Aufenthaltsstatus hin oder her.

Ich habe jahrelang nicht mehr an Dich gedacht, während die ganze Zeit über Dein Bild an meiner Wand hing. Dein Gesicht kannte ich auswendig, ich musste das Bild ja gar nicht anschauen. Trotzdem ist es seltsam, und ich frage mich sogar, ob ich Dein Bild vielleicht abhängen und in eine Schublade legen soll, weil die Zeit, aus der es stammt, mir inzwischen so fern ist wie eure Heimatländer.

Clandestino.

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

2 Kommentare zu “An der Wand

Kommentare

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s