Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)

Zur Rettung der Ehre der Gitarristen

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Gitarristen sind leider die, die auf einer Flamenco-Bühne am wenigsten zu sagen haben. Ich weiß nicht mehr, ob es Fernanda oder Bernarda de Utrera war, die einst ein wenig alkoholisiert auf der Bühne stand (über das früher übliche Mut-Antrinken in Flamenco-Kreisen könnte man auch einiges schreiben) und von einem Unglücksvogel im Publikum angeblafft wurde, sie brauche doch wohl kein Mikrophon. Hast Recht, brauche ich nicht, sagte sie, und warf das technische Hilfsmittel hinter sich, wobei es den Gitarristen am Kopf traf. Dieser stürmte beleidigt von der Bühne, worauf die Sängerin kommentierte: Den Kerl brauche ich auch nicht!

Die Gitarre ist ein Element, das spät zum Flamenco kam. Tatsächlich könnten Sie auch ohne Gitarre wunderbar tanzen, wobei es hilft, wenn der Sänger taktfest ist und jemand mit palmas (Handflächen), nudos (Fingerknöcheln) oder  bastón (Stock) den Rhythmus vorgibt. Was für unsereinen zunächst seltsam ist:  Toque (Gitarre) und Cante (Gesang) richten sich nach dem Tanz. Gitarristen und Sänger begleiten also die Tänzer. Weil das den Gitarristen nicht unbedingt passt, kriegen sie ihre ein bis zwei Soli pro Aufführung, wo sie dann endlich machen dürfen, was sie wollen,  anstatt nur den  Hilfsbremser zu geben. Paco de Lucía hat sich früh unabhängig gemacht und begonnen, als Solist aufzutreten. Sein großer Bruder hingegen, Ramón de Algeciras, war während seiner gesamten Karriere ein ausgezeichneter Tanzbegleiter. Paco de Lucía, bei dessen Konzerten normalerweise auch ausgezeichnete Tänzer wie Joaquín Grilo zu bloßen Rhythmus-Lieferanten degradiert wurden, wurde spät im Leben wieder ein altersmilder Begleiter für Gesang und Tanz, der nur ganz selten einmal gequält lächelte, wenn irgendeine Sängerin oder ein Tänzer den Takt allzu stiefmütterlich behandelte. Ich erinnere mich an eines der ersten Konzerte während seiner Zusammenarbeit mit Farruco nieto, auch El Farru genannt: der damals noch sehr junge Farru  tanzte spontan und kreativ, aber auch leider sehr unvorhersehbar, und Paco de Lucía beschränkte sich irgendwann darauf, sólo compás, also lediglich den Rhythmus zu spielen. Den resignierten und doch amüsierten Gesichtsausdruck des Gitarrenmeisters in seiner Funktion als Metronom werde ich in meinem Leben nicht vergessen.

Ob Sie nun gerne mit Gitarrenbegleitung oder lieber a palo seco, also ohne alles, singen oder tanzen, eines müssen Sie wissen, wenn Sie sich für die Gitarrenbegleitung entscheiden: wenn Sie einen Fehler machen, weiß das der Gitarrist als erster und mitunter schon lange, bevor der Fehler tatsächlich passiert. Alle außer dem Gitarristen dürfen auf der Bühne die Nerven verlieren. Der Gitarrist ist, das gehört zur Stellenbeschreibung, firme como un reloj, also zuverlässig wie ein Uhrwerk. Machen Sie einen Fehler, kann der Gitarrist Sie retten oder absaufen lassen. Beides ist mir passiert, und es ist nicht lustig, wenn ein Gitarrist beschließt, Sie zu hassen. Also, behandeln Sie mir den Gitarristen gut, auch wenn Sie und ich wissen, dass es eigentlich auch ohne ihn ginge. 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

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