Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

04.12.2017

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Der Wecker hätte um sechs Uhr geklingelt, aber wach bin ich schon um vier. Die Schlaflosigkeit weiß, wann sie die Oberhand gewinnt, auch ich weiß es, und deshalb weiß ich auch, dass es heute sinnlos ist, wieder einschlafen zu wollen. Wer früh im Büro ist, darf auch früh wieder nach Hause, und deshalb beschließe ich, mich nicht länger herumzuwälzen, sondern dem Tag ins Auge zu blicken. Sehr wach sieht der Tag allerdings auch nicht aus. Die Dosen mit den  gestern gebackenen Weihnachtsplätzchen stelle ich ohne Deckel in die Küche; sie müssen noch ein bisschen auslüften, bevor sie bis Weihnachten fest verschlossen werden. Durch die offene Balkontür riecht es nach Kuh; der Schlachthof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Gestern Abend war Schneeluft, und heute sind Straße und Bürgersteig weiß. Pulverschnee. Gut zum Skilaufen, schlecht für Schneemänner. Für Schneemänner und Schneeballschlachten ist „Pappschnee“ nötig, aber damit kann König Winter heute nicht dienen. Oder vielleicht mag er bloß nicht.  

Herr von Oben hat die Weihnachtsbeleuchtung installiert, aber noch nicht eingeschaltet. Er muss eine romantische Ader haben, der Herr von Oben. Schaut man ihn an, würde man das nicht vermuten, aber wer kann schon wissen, was in einem Menschen vorgeht? Die Geschäfte haben ebenfalls weihnachtlich dekoriert, und vielleicht kaufe ich dieses Jahr die südfranzösischen Krippenfiguren, die ich mir schon lange wünsche.  Andererseits, wozu sollen die gut sein, hier in der Einöde?  

Verließe man die Stadt, hätte man in Nullkommanichts Berge vor der Nase. Der See ist, wenn man ihn recht betrachtet, lächerlich klein. Den Bergwänden, die ihn einzwängen, möchte man Tritte versetzen. Was Thomas Mann, dem ich mitunter auch gerne ein Tritt versetzt hätte, am See gefiel, kann man sicher irgendwo nachlesen. Viel mehr hätte mich interessiert, was Heinrich Mann dachte, und ob er am See vielleicht doch manchmal mit Steinen oder schlimmeren Dingen werfen wollte. Trotzdem spare ich mir den See heute und spaziere nur in Gedanken etwas oberhalb durch den Wald.  

Wer weiß, vielleicht will ich den See doch noch im Schnee sehen. „Der Wissenschaft halber.“, wie meine Großmutter sagte. Eigentlich mag ich den See ja sehr; ich gebe es bloß ungern zu. 

 

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

5 Kommentare zu “04.12.2017

  1. Im Nullkommanichts Berge vor der Tür und ein lächerlicher kleiner See. Wie ich Sie beneide!

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  2. Ihre Plätzchen bleiben bis Weihnachten eingesperrt? Respekt. Meine sind so abgezirkelt, dass sie bis Weihnachten zum größten Teil verschenkt und gegessen sind. Nach den Feiertagen ist irgendwie die Luft raus (und der Geschmack verfliegt bei zu langer Lagerung ohnehin.)

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    • Dann hätte ich mehr backen müssen. Dazu hatte ich dieses Jahr keine Lust. Fürs Büro habe ich ein Früchtebrot gebacken, und ansonsten backen wir in der Familie immer viel zu viel. Dieses Jahr hat die Altbäuerin befohlen: jeder nur zwei Sorten und von jeder Sorte nur ein Blech. Es bleibt sonst zu viel übrig.

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