Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Die perfekte Herrschaftsköchin

3 Kommentare

Meine Urgroßmutter hinterließ Notizen für ein Koch- und Haushaltslehrbuch, das sie hatte schreiben wollen. Leider machte ihr der Tod einen Strich durch die Rechnung.

Sie müssen wissen, meine Urgroßmutter ist in jüngeren Jahren eine „Herrschaftsköchin gewesen, also eine, die nicht das Essen für das Gesinde, sondern eben nur das für die feinen Herrschaften kochte. Vom Küchenmädchen war sie zur „Mamsell“ mit Personalverantwortung und schließlich zur ersten oder Herrschaftsköchin aufgestiegen. Über ihr stand theoretisch eine Haushälterin, aber da die Kochkünste meiner Urgroßmutter ihresgleichen suchten, redete ihr die Haushälterin nur selten in ihre Arbeit hinein. In dieser Zeit entstanden wohl die Notizen für ein bahnbrechendes Werk mit dem Arbeitstitel „Die perfekte Herrschaftsköchin“. Es enthielt nicht nur Rezepte für Rührkuchen, der unter Verwendung von 21 Eiern hergestellt werden sollte, sondern auch detaillierte Angaben, wie Gäste unterschiedlichen Rangs einzuladen, zu platzieren und zu verköstigen seien. Die Pflege der Tischwäsche, der Blumenschmuck und das korrekte Servieren sowie die Auswahl des geeigneten Geschirrs und Bestecks nehmen laut der noch erhaltenen Gliederung jeweils mindestens ein Kapitel ein.

Alle Frauen der Familie – mit Ausnahme von mir – sind ausgezeichnete Köchinnen. Ich bin eigentlich die, die backen kann. Das Rezept mit den 21 Eiern habe ich heute durch drei geteilt und für die Büromamsellen gebacken. Das Ergebnis? Was soll ich sagen, außer dem Satz, mit dem meine Großmutter, Hauswirtschaftslehrerin und die Tochter der perfekten Herrschaftsköchin, sich selbst, Schülerinnen und Schwiegertöchter über missratene Küchenmachwerke zu trösten pflegte: Zutaten schmecken auch.

Ich gehe jetzt einen Kuchen kaufen. Porca miseria!

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

3 Kommentare zu “Die perfekte Herrschaftsköchin

  1. Oh je. Ich bin heuer mit den Vanillekipferln nicht ganz zufrieden – gut essbar sind sie wohl, aber mehliger als sonst.
    Ansonsten hatte keine meine mir bekannten weiblichen Verwandten eine derartige Stelle oder Ambitionen als Sachbuchautorin. Aus dem Besitz der einen Großmutter ist aber mit Druckdatum 1938 ein Buch auf mich gekommen, das die Leserin zur idealen deutschen Hausfrau machen soll. Da geht’s dann neben dem Kochen auch darum, zahlreiche arische Kinder in die Welt zu setzen und im rechten Sinne zu erziehen. Was beweist, dass manche Sachbücher tatsächlich besser nie existiert hätten.

    Gefällt 1 Person

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