Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Das Salzdippchen

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Bei uns in Hessen heißt ein Topf (jeglicher Art und Größe) „Dippen“. Deshalb gibt es in Frankfurt eine Dippemess, d.h. eine Veranstaltung, auf der früher Geschirr verkauft wurde. Heute ist die Dippemess so eine Art Oktoberfest. Zwischendrin war ja auch einmal ein Bayer für  die Festorganisation verantwortlich, was die Dinge nicht besser gemacht hat. In Nordhessen ist „Dippen“ außerdem so etwas wie die weibliche Form von „Depp“. Bevor Sie mich aber jetzt ein Dippen schimpfen, komme ich besser zur Sache: Der Zwetschgenmann, der auf gut Frankfurterisch „Quetschemännche“ heißen würde, hat zur Blogparade aufgerufen. Gegenstand derselben sollen „Kleine Rituale“ sein. Kann sich ein kleines Ritual an einem Gegenstand festmachen? Ich denke schon:

Die Küche meiner Großmutter ist verloren und vergangen, aber ich erinnere mich noch an ihre Farben und ihren Geruch: weiß und blau, letzteres gegen die Fliegen, denn Blau mögen die Viecher angeblich nicht.  Die Fliegen kamen aber trotzdem, denn schließlich war die Küche meiner Großmutter auf dem Land, aber vielleicht wären es noch mehr Fliegen gewesen, wenn die Küchentapete gelb gewesen wäre. Dann der Geruch: nach Liebstöckel, Brot, Seife und – weil auf dem Land ja ein Stall nie weit entfernt ist – nach Vieh. Die dunkelblaue Schürze meiner Großmutter und das hellblaue Salzdippen, vielmehr ein Salzdippchen. Seine Tage hatte das Salzdippchen nicht als Salzstreuer begonnen. Tatsächlich war es überhaupt kein Irgendwasstreuer sondern ein Messbecher für ein Medikament, das dem Vieh eingeflößt werden musste. Als dieser Zweck schließlich wegfiel, wurde es sorgfältig gespült und begann anschließend ein neues Leben als Salzdippchen. Es bestand aus hellblauem Plastik, hatte einen Durchmesser von ungefähr viereinhalb Zentimeter, eine Höhe von circa drei, und einen etwa vier Zentimeter langen Griff an der Seite. Immer, wenn wir in den Ferien die Oma besuchten, verlangte meine Mutter schon bei der ersten Mahlzeit nach dem Salzdippchen, auch wenn in späteren Jahren schon ein perfekter, gutbürgerlicher Salzstreuer auf dem Tisch stand. Meine Oma brachte – kopfschüttelnd – das Salzdippchen, und jeder griff mit sauberen Fingern hinein und streute eine Prise über das ohnehin schon gut gewürzte Essen.

Wo das Salzdippchen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Mutter fragen. Sollten Sie aber jemals bei mir essen, so dürfen Sie sich freuen, wenn auf dem Tisch kein Salzstreuer, sonden ein kleines, mit Salz gefülltes Töpfchen steht, in das Sie mit  sauberen Fingern hineinfassen dürfen. Dann nämlich sind Sie ein ganz besonderer Gast, sozusagen ein Ehren-Nordhesse.

Erfahren habe ich von der Blogparade durch Tanja Praske, und weil ich das Schreiben nach Plagiat und Verrat erst wieder neu lernen muss, nehme ich zur Zeit übungshalber jede Blogparade mit. 

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

6 Kommentare zu “Das Salzdippchen

  1. Ein Dippen ist etwas feines. Ich kannte den Begriff nicht, wohl aber den Gegenstand. Und den Geruch der Küche. Der ist mit der meiner Oma und heute mit dem meiner Tante identisch. Ein herrlicher Geruch.

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  2. Pingback: Meine aktuelle Blogparade: KLEINE RITUALE - Auflistung aller Beiträge

  3. Vielen Dank für den Beitrag, ein Salzdippchen kannte ich auch noch nicht, meine biographische Station in Hessen war wohl zu kurz und zu weit südlich.
    Von noch weiter südlich grüßt das Zwetschgenmannderl.

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  4. Ich habe noch das Salzdippchen meiner Mutter, aus Kristall, ich hüte es.

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  5. Pingback: Meine aktuelle Blogparade: KLEINE RITUALE - Das war es mal wieder...

Kommentare

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