Geschichten und Meer

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Leute im Museum

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Als ich vor vielen Jahren hierher in unsere kleine Stadt zog, besuchte ich wunsch- und pflichtgemäß der Reihe nach die einschlägigen Sehenswürdigkeiten. Meine Erziehung hatte mich einerseits gelehrt, dass man sich einer Stadt über ihre Kulturdenkmäler annähert, andererseits  waren Museen in meiner Kindheit die einzigen Orte, wo es weder Geschrei noch Ohrfeigen gab, weil sogar mein cholerischer Vater sich im Museum am Riemen riss. Vermutlich deshalb sind Museen noch immer Fluchtorte für mich. Die meisten Leute benehmen sich im Museum.

In unserer kleinen Stadt liebt man den Prunk, was sage ich, den Protz, vom Schwulst ganz zu schweigen. Und so gab es hierzulande einmal einen Malerfürsten, der ein gar prächtiges Haus bewohnte, dessen Inneinrichtung  quasi ein Lehrbuchbeispiel für alles von Prunk bis Schwulst ist. Sie könnten einwenden, auch das Städel sei nichts anderes als eine Manifestation Frankfurter Bürgerstolzes, aber der ist anders als anderswo. „Der Frankfurter aber fährt vierspännig.“ heißt es. Aber in Frankfurt fahren reiche  Bauunternehmer auch im alten Wollmantel Straßenbahn (wie alle Welt) und lesen dabei die Zeitung auf Hebräisch ohne Wörterbuch (nicht wie alle Welt).  Es ist diese beiläufige, unaufdringliche LMAA-Haltung („wir haben das gar nicht nötig“), die bewirkt, dass Frankfurt anders ist. Und: das Städel war von Anfang an für Frankfurt und nicht für Herrn Städel gedacht.

In unserer kleinen Stadt hingegen macht man sich fein, um ins Museum zu gehen, und man achtet darauf, dass man gesehen wird. Als ich das Haus des Malerfürsten betrat, da hatte ich mich schon so an die hiesige äußerliche Wohlanständigkeit gewöhnt, dass die eine, die anders aussah, mir sofort auffiel. Ausgetretene Schuhe, dicke Wollstrümpfe, ein sehr schlichter Rock aus grobem Stoff, eine unauffällige alte Trachtenjacke und ein grauer Knoten. Sie sah so ärmlich aus, dass ich mich schon darauf vorbereitete, auf die Barrikaden zu gehen, sollte einer der Museums-Cerberusse unangenehm werden. Aber nein, alle Cerberusse schnurrten wie die Kätzchen, als die Dame wie eine kleine alte Königin an ihnen vorbei schritt, hier ein Lächeln, da ein freundlich-distanziertes Grüß Gott verteilend. Ich weiß bis heute nicht, wer sie war. Offensichtlich gehörte sie zur Stammkundschaft und wurde als eine Person respektiert, die etwas von Kunst verstand. Die feinen Damen, die wohlanständigen Herren guckten trotzdem so schief, wie sie es nur hier in unserer kleinen Stadt können.

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

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