Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Allerseelen

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„Rufen Sie  an, wenn Sie das Zimmer wollen. Fragen Sie nach Adelfa.“ sagt die Dame und zeigt auf ihr Namensschild. „Adelfa, wie die Bulería.“ sage ich, und sie lacht, wie ältere sevillanos lachen, wenn man die abseitigeren Anekdoten aus der Vergangenheit ihrer Stadt kennt. Ich werde umziehen müssen, aber erst in der nächsten Woche. Heute Abend wird gefeiert, mein Cousin wird 30, und die Familie feiert das mit einer ausgiebigen Grillorgie.

Während ich mich umziehe, versuche ich, mich an die Geschichte der schönen, aber unheilbringenden Adelfa zu erinnern. Es heißt, ihr Kuss habe den Männern, die sie liebten, den Tod gebracht. Drei Verlobte seien ihr hintereinander weggestorben, und sie habe sich daraufhin von aller Welt ferngehalten, eine schwarz gekleidete alte Jungfer.  Aber dann sei ein sevillano gekommen, castizo y valiente, der weder Vorurteile noch Aberglauben kennen wollte, und habe ihr den Hof gemacht. Er sei gewarnt worden, aber vergeblich. Adelfa, wie man sich denken kann, lebte auf, und für eine Weile sah die Welt ein ganz gewöhnliches verliebtes junges Paar. Aber eines Abends trug der Wind, wie schon drei Mal zuvor, Gitarrenklänge in den Garten unterhalb der Torre de la Vela und …

„Kommst Du? Heute Abend finden wir einen Ehemann für Dich, Du wirst schon sehen!“ schreit mein Cousin, der sich wie immer äußerst besorgt um meine Zukunft zeigt. „Untersteh Dich!“ „Einen Gitarristen? Einen Sänger? Einen Impresario? Du kriegst, was du willst.“ „Ich nehme nur Tänzer, das weißt du doch. Wenn er nicht tanzen kann: keine Chance!“ sage ich zu diesem Gitarristen, Sohn einer andalusischen gitana und eines deutschen Nichtsnutzes. „Tänzer sind Schweine“ sagt er, „die denken nur an sich. Außerdem sind sie zu blöd, den Takt zu halten.“

Ich bin froh, dass José Manuel mich abholt. Zu oft bin ich, beschützt und beaufsichtigt von wichtig tuenden Dreizehnjährigen, spät abends durch die Stadt gelaufen, weil eine anständige junge Frau doch nicht allein gehen kann. Angekommen am Ort der Grillorgie, bin ich erleichtert, dass keine unverheirateten Männer anwesend zu sein scheinen. Bis auf einen, aber der sitzt  ein wenig abseits und redet mit keinem ein Wort. Ein typischer sevillano, hübsch, brünett, glatt rasiert, ein wandelndes Klischee. Der Abend nimmt seinen typischen Lauf: essen, trinken, tanzen, singen; José Manuel an der Gitarre, auch ich werde zu einer pataíta gezwungen, an solchen Abenden tanzt eine jede und singt ein jeder, egal, ob gut oder schlecht. Der Hübsche allerdings bleibt stumm und nahezu unbeweglich sitzen, lächelt nur manchmal, als ob er sich an etwas erinnerte.

Lange nach Mitternacht verabschiede ich mich, nein, ich brauche wirklich keine Begleitung, ich gehe bis zum Soundso-Platz und da nehme ich ein Taxi, verspreche ich. Als ich am Taxistand ankomme, sehe ich mich kurz um, anscheinend niemand da, ich bin also frei, einen einsamen Spaziergang quer durchs nächtliche Sevilla zu machen. Aber halt, da ist der Hübsche, was will der denn? „Gehen Sie Richtung Triana?“ fragt er. „Gehen wir zusammen?“ Wir gehen zusammen, und der Hübsche erweist sich als angenehmer Gesprächspartner. Er spricht von Sevilla, wie es vor hundert Jahren ausgesehen haben muss, als die schöne Adelfa lebte, und ich frage ihn, warum in aller Welt Eltern ihre Tochter nach dem giftigen Oleander nennen. Darauf lächelt er nur und wechselt das Thema. Er spricht ohne regionalen Akzent, siezt mich, was in unserem Alter nicht üblich ist, und verwendet Wörter und Redewendungen, die ein wenig altmodisch wirken. Aber ich verstehe ihn gut, und es gefällt mir, wie er spricht. Ich denke an José Manuel und seine Versuche, mich zu verkuppeln und muss lächeln. „Sind Sie verliebt?“ fragt der Hübsche. „Nein, und Sie?“ „Ich war es.“ „Was ist passiert?“ frage ich, aber ich bekomme keine Antwort.

„El puente“, die Brücke, sagt er nach einer Weile. „In welche Richtung gehen Sie jetzt?“ Ich zeige die ungefähre Richtung und nenne den Straßennamen. Er fragt, ob er mich noch begleiten soll, und ich nicke, denn ich finde es wunderschön, so mit ihm durch die Nacht zu gehen. „Wie heißen Sie?“ frage ich, denn ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, ob José Manuel ihn mir vorgestellt hat. Er nennt einen Familiennamen, den ich aus Büchern über die Geschichte Sevillas kenne, und einen Vornamen, der fast lächerlich altmodisch klingt, aber ich habe schon lange zuvor begonnen zu träumen, und frage mich nicht, was jemand wie er auf dem Geburtstagsfest meines Cousins zu suchen hatte.

An meiner Unterkunft angekommen, treffe ich meinen Vermieter, der freundlich über junge Damen spöttelt, die sich bis Sonnenaufgang herumtreiben. Ich will mich von meinem Begleiter verabschieden, aber der ist verschwunden. „Wo ist er denn hin?“ frage ich dümmlich, und mein Vermieter sieht mich sehr lange und sehr verwundert an. „Da war niemand. Ich habe dich die ganze lange Straße herunterkommen sehen. Da war niemand. Du warst allein.“ sagt er und schüttelt wieder einmal sanft den Kopf über die komische Ausländerin, die nun schon Gespenster zu sehen scheint. Ich wiederum denke, dass wohl auch mein Vermieter eine feuchtfröhliche Nacht hinter sich hat, aber ich sage nichts.

Am darauffolgenden Tag gehe ich auf den Friedhof, um Blumen auf das Grab des Tänzers Farruco zu legen, dem ich noch etwas schuldig bin. Wie üblich bewege ich mich danach nicht direkt zum Ausgang, sondern spaziere noch eine Weile zwischen den Gräbern herum. Eine Inschrift fällt mir ins Auge: „por una mala mujer“, wegen einer bösen Frau. In Sevilla nennt man die Dinge beim Namen, auch auf dem Friedhof. Ich wische Staub und Schmutz vom Grabstein und lese ein Geburts- und ein Sterbedatum. Der Grabstein ist  fast hundert Jahre alt, der Tote jung gestorben, mit gerade einmal sechsundzwanzig Jahren.  Auf dem Grabstein ist ein Bild, ein typischer sevillano, hübsch, brünett und glattrasiert.  Auch seinen Namen kann ich noch erkennen, aber ich müsste ihn gar nicht mehr lesen, denn am Abend zuvor hat er ihn mir genannt.

Neben dem Grab wächst adelfa, der giftige Oleander.

(Mir fiel gerade ein, dass es eine ähnliche Geschichte gibt, die in Venedig spielt, allerdings in der umgekehrten Konstellation. Als ich diese Geschichte hier schrieb, wollte ich die Figur der „Adelfa“ aus dem Kopf bekommen. Da treibt sie sich nämlich schon lange herum. Die Geschichte aus Venedig, The Story of Salome von Amelia B. Edwards, habe ich wohl unbewusst als Inspiration genommen. Gestern war mir das nicht klar, aber die bloggerische Redlichkeit verlangt, dass ich Einflüsse von anderswoher offenlege. Ein Plagiat, auch ein unbewusstes, wäre mir äußerst peinlich.)

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

7 Kommentare zu “Allerseelen

  1. Gran.di.os.
    Danke für’s Mitnehmen.

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  2. Ich bin so was von tief in diese Erzählung eingetaucht…toll!

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  3. Die Geschichte gefällt mir richtig gut!

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  4. Pingback: Fundsachen 9 | Geschichten und Meer

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