Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Erntedank

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Heute sind keine Boote zu sehen. Der See ist bleigrau und kalt, und die Wolken hängen auf Halbmast. Ein schöner Eichelhäher scheint mir den Weg weisen zu wollen, aber zuvor halte ich noch an einem Kruzifix. Der Gekreuzigte ist nicht, wie ich immer dachte, geschnitzt, sondern aus Gusseisen, die italienisch (?) inspirierte Muttergottes steht nicht seitlich, sondern direkt unter seinen Füßen und scheint weder in der Größe noch in der Ausführung dazu zu passen. Ich glaube nicht, dass das beabsichtigt war, eher, dass man eben nahm, was verfügbar war, dass die Kreuzigungsgruppe aus vorhandenen Elementen, die unabhängig voneinander entstanden, zusammengefügt wurde. Eine weitere Kreuzigung  zeigt wieder die italienische Madonna direkt unter dem Kruzifix, Christus selbst ist eindeutig alpenländisch, eine kantige, naive Darstellung mit leuchtend roten Spuren seines Martyriums am ganzen Körper. Möglicherweise sind die Madonnen Massenware wie die Christusköpfe auf dem Friedhof vor meinem Fenster, die bei Regen manchmal von den alten Grabsteinen fallen. Oder aber ein örtlicher Madonnenschnitzer hat sich irgendwann auf ein Modell festgelegt, das der Kundschaft gefiel, wer kann das wissen? Ich jedenfalls nicht, die ich hier fremd bin und fremd bleibe.

Alpenländisch sind auch die Rinder,  die mir begegnen. Die Rasse heißt, wie ich jetzt endlich weiß, oberbayerisches  Alpenfleckvieh, was ein Züchter stolz mittels einer Plakette an der Stalltür verkündet. Schafe, ein Fasan, niedrig fliegende Mücken, schließlich trotz Nieselregens doch ein paar Menschen. Letztere können mir zum größten Teil gestohlen bleiben, bis auf den  auch dieses Mal wohlbehüteten und lachenden Schwarzhaarigen, mit dem ich im Sommer über meine wandertechnische Unfähigkeit gewitzelt hatte, und die stets Männerhosen und einen speckigen Hut tragende Altbäuerin, die mit dem Altbauern (?) händchenhaltend gen T spaziert. So was, die beiden hatte ich für Geschwister gehalten! Liiert oder verheiratet, auf jeden Fall wirken sie schwer verliebt, und sollten sie verheiratet sein, aber nicht miteinander, dann will ich nichts gesehen haben.  Eine derart späte Liebe ist ein Gottesgeschenk, und nichts, wo man seine Nase hineinstecken sollte.

Die katholische Pfarrkirche ist fürs Erntedankfest prächtig geschmückt. Alles ist da, was Feld und Garten hergeben, dazu Eier, Honig und ein ganz aus Butter modelliertes Lamm. Man kann für 50 ct eine Postkarte vom Ernteschmuck kaufen, was ich tue. Zeigen kann ich sie Ihnen leider nicht, denn damit verstieße ich bestimmt gegen Urheberrechte. Sie müssen mir also einfach glauben, dass es der prächtigste Erntedankschmuck ist, den nicht nur die kleine oberbayerische Welt je gesehen hat. Nur eine Erntekrone hatten sie, glaube ich, nicht.

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