Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Onkel Juan geht nicht ins Museum

14 Kommentare

Das Archäologische Museum Hamburg möchte gerne wissen, wie wir auf Kultur blicken. Ich dachte, ich erzähle dem Museum einfach, wie jemand, den Sie nicht kennen, meinen Blick auf Kultur verändert hat.

Für „Tío Juane“. Und für R.M., der Leuten wie Tío Juane etwas über Kunst erzählen könnte.

Die Gerechtigkeit auf den Acker tragen wollen ein Gastwirtssohn und ein Köhlerssohn bei Ernst Wiechert. Gerechtigkeit, das heißt auch: allen Zugang zu Kultur gewähren. Museen und andere Institutionen haben vergünstigte Eintrittspreise für Rentner, Studenten und Arbeitslose. Aber was, wenn die Armen gar nicht wissen, wo sie hingehen könnten? Was, wenn sie sich gar nicht in die imposanten Gebäude hineinwagen?

Vor Jahren war ich wieder einmal in Sevilla. Ich fahre da alle paar Jahre hin, um mein Spanisch und andere Fähigkeiten aufzupolieren, Bücher zu kaufen und Europa vom anderen Ende aus zu betrachten. Wenn ich Europa mal vom untersten Ende aus sehen will, fahre ich in den Süden von Sevilla. Das unterste Ende von Sevilla heißt Las Vegas und  liegt gleich an der Carretera Su Eminencia, in dem Viertel, das ganz lapidar „Tres Mil Viviendas„, Dreitausend Wohnungen, heißt. (Dreitausend sollten es werden, es sind aber noch nicht einmal tausend geworden, was ein Elend ist.)

Sie kommen da hin, indem Sie – absichtlich oder aus Versehen – in den Bus Nummer 31 steigen und bis fast zur Endstation fahren. Sie können da auf einer Art Platz herumlungern, wo alte Herren ihre Autos unabgeschlossen stehen lassen und junge Herren nicht sicher sind, ob man Sie grüßen muss, weil Sie irgendeine entfernte Tante oder Cousine sind oder ob man Sie als eine verrückte/gefährliche paya am besten ignoriert.

Wenn Sie Glück haben, erbarmt sich einer der alten Herren, nennen wir ihn „Tío Juane“ (Onkel Juan) und fragt Sie nach dem Woher und dem Wohin, nach Ehemann und Kindern, lobt Ihre Schönheit und Ihr gutes Herz.  Überhaupt ist man dort, am unteren Ende Europas, von äußerster Liebenswürdigkeit.

Liebenswürdig ist man auch im Museo de Bellas Artes in Sevilla. Der Angestellte, nur zehn oder fünfzehn Jahre jünger als Tío Juane, freut sich, als ich nach einem Murillo frage, der nicht mehr da hängt, wo ich ihn vermutete. Er zeigt mir den neuen Platz und verweist auf stilistisch und thematisch ähnliche Werke in diesem und in anderen Museen. Ich erzähle – holprig, weil ich die spanische Fachterminologie nicht kenne –  von Werken, die ich anderswo gesehen habe. Nachdem wir uns verabschiedet haben, nachdem ich, geleitet von den Assoziationen meines Gesprächspartners, die ständige Ausstellung durchstreift habe, sitze ich noch eine Weile im Patio. Mir wird schmerzlich bewusst, dass jemand wie Tío Juane, der doch sein ganzes Leben in Sevilla verbracht hat, dies alles vermutlich nicht kennt. Dass er die Geschichten, welche die Maler mit Farben und Pinsel erzählen, nicht sehen wird. Dass niemand hören will, was er über Goya und die Pferde bei Velázquez  denkt (und er würde ganz sicher etwas denken, aber vielleicht etwas anderes als Sie und ich vermutet hätten).

Tío Juane kann nicht lesen, hat sein Leben lang mit Pferden gehandelt, hat sich beschimpfen und mit Dreck bewerfen lassen,  und niemand hat ihm je gesagt, dass die Kultur auch ihm gehört. Museen nützen gar nichts, wenn Tío Juane nichts davon erfährt. Wenn die Schwelle zu hoch ist für einen alten Romagroßvater. Tío Juane würde sogar seinen feinen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden, wenn er wüsste, dass er in Ihrem Museum willkommen ist. Er würde durch Ihr Museum streunen, mit seinem Gehstock und seiner finura eines alten gitanos, und die Bilder würden zu ihm sprechen, aber ganz anders als zu Ihnen oder zu mir. Und vielleicht, wenn er Ihnen vertraute, würde er Ihnen erzählen, was die Bilder sagen.

14 Kommentare zu “Onkel Juan geht nicht ins Museum

  1. Pingback: Die Bücher meiner Kindheit #Kulturblick | Ich lebe! Jetzt!

  2. Der Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf! Für wen machen wir unsere Arbeit im Kulturbereich? Allen Öffnungsbestrebungen zum Trotz, allen pädagogischen Ansätzen, Vergünstigungen, Veranstaltungen zum Trotz bleibt der (museale) Kulturbereich ein Gebiet für relativ wenige Besucher. Vielleicht ein Zehntel der Bevölkerung?

    Müssen wir das ändern? Vielleicht langfristig, indem die kulturelle Bildung in der Schule eine wichtige Rolle einnimmt und Museen fruchtbar mit Grund-, Haupt- und sonstigen Schulen kooperieren. Indem schon den Kindern gezeigt wird: Es gibt etwas Spannendes, Schönes und Wertvolles gleich um die Ecke. Und indem wir denjenigen, die die sich vor den Hürden fürchten (soziale Ausgrenzung!), die Angst nehmen.

    Bleibt nur die Frage: Können wir auch etwas ändern? Hat unsere Arbeit überhaupt so einen gesellschaftlichen Einfluss, wie wir uns das vorstellen und wünschen? Oder bleiben wir zwangsläufig auf einen kleinen Kreis beschränkt?

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  3. Liebe Trippmadam,
    ganz lieben Dank für diesen herrlichen #Kultblick! Die Thematik, die du hier ansprichst, liegt uns als Museum ebenfalls am Herzen. Durch unser Museumspädagogik-Programm und diverse Abendveranstaltungen, wie Filme oder Lesungen, hoffen wir Schwellen zu nehmen und Neugierde zu wecken. Außerdem sind das Netz und die Kommunikation, die darüber möglich wird, immer wichtiger. Hier verbergen sich große Chancen Menschen von zu Hause abzuholen oder sie dort zu besuchen, wie zum Beispiel durch virtuelle Rundgänge. Dabei hoffen wir eine Offenheit für Feedback auszustrahlen, das kein Fachwissen benötigt.
    Viele Grüße aus Hamburg!

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  4. Eine tolle Geschichte – und sie spielt wirklich nicht nur in Sevilla, sondern auch überall in Deutschland und sonstwo. Für manche Menschen scheint ins Museum zu gehen im Kopf einfach keine Option. Deswegen finde ich auch, dass das Museum gern auch mal rauskommen darf zu den Menschen. Vielleicht digital, vielleicht auf den Marktplatz oder ins Schaufenster im U-Bahn-Tunnel. Warum nicht.
    Liebe Grüße,
    Marlene

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  5. Pingback: Kleine Liebeserklärung | normalverteilt

  6. Vielen Dank! Ein wunderbares Fundstück in der Blogparade!

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  7. Eine ganz wunderbare Geschichte.
    Hat mir sehr gut gefallen.

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  8. Liebe Trippmadam,

    ein ganz herzliches Dankeschön für deine Gedanken zu #KultBlick! Du sprichst einen wichtigen Punkt an – mehr Gerechtigkeit, auch für Arme das Museum zu besuchen. Diese Frage stellt sich wohl auch in Deutschland. Axel Kopp schreibt am selben Tag wie du darüber, dass 50 % der Bevölkerung kein Museum, Theater und Co aufsuchen. Gut. Es liegt da nicht immer am Eintrittspreis. Seine Lösung ist die Kultur in die Stadt auf die Straße zu bringen, um den Einzelhandel gegenüber online-Käufen zu stärken.

    Ähnliches schneidet ihr beide aus verschiedener Perspektive an. Aber ja, was können Museen tun, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen? Und warum ist das sogar für eine Gesellschaft wichtig?

    Merci für deinen Denkstoff!

    Herzlich,
    Tanja

    Gefällt 2 Personen

    • Ich glaube, Museen versuchen schon sehr viel. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Museen oder Schulen nicht allein stemmen können. (Ich versuche schon länger, einen befreundeten Kunsthistoriker zu überreden, sein Wissen „auf den Acker“ zu bringen, aber er will nicht. )

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  9. Pingback: Blogparade: „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“ | #KultBlick - AMH Blog

Kommentare

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