Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Geschichten vom See: auf dem Holzweg

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Noch einer aus dem Blogkeller, oder von der Blogmüllhalde. Diesen Text habe ich mir im August von der Seele geschrieben, und dass ich ihn doch noch veröffentliche, ist nichts als Chronistinnenpflicht. Außerdem will ich meine Wanderstümpereien auch später noch einmal nachlesen können.

Da ich im September keine Zeit für den See haben werde und das Wetter im Oktober in solch unzivilisierten Gegenden schon eklig sein kann, war heute eigentlich eine große Abschiedstour geplant. Diese hatte jedoch zwei Gegner: meinen chronisch lädierten Knöchel und meinen Orientierungssinn. Letzterer führte mich auf Abwege. Am See gibt es, mit Verlaub, zu jedem Klohäuschen mindestens fünf Wegweiser, nicht jedoch zu dem Ort, der am Ende meiner ersten Etappe liegen sollte. Da, wo ich hätte abbiegen sollen, traute ich mich nicht, weil das nach einem Privatweg aussah, und dann kam lange nur noch Wald. Verlaufen kann man sich ja am See nicht, notfalls geht man einfach parallel zum Ufer, bis man wieder in der Zivilisation ist. (Sie bemerken mein tiefes, unüberwundenes Misstrauen gegenüber Aktivitäten, die unter freiem Himmel stattfinden?)

Ein zweites See-Gesetz besagt, dass irgendwann wieder eine Kreuzung kommt, an der Wegweiser in alle bekannten Himmelsrichtungen zeigen (und in noch ein paar, von denen Sie bis dato nichts wussten. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann einmal auf einer Kuhweide lesen würde: Marrakesch 3170 km). Der Wegweiser zeigte das nächste verlockende Ziel an, und ja, ich verfiel der Verlockung. Wer der Verlockung nicht verfiel, war mein Knöchel. Der, Sie erinnern sich, ist seit einer Verletzung in meiner lang vergangenen Jugend chronisch lädiert, beschränkt sich aber in der Regel auf Schmerzen mittlerer Güte. Was er selten tut, aber heute wohl wieder einmal demonstrieren wollte: abruptes und unmotiviertes Wegknicken nach rechts, kein Gefühl und kein Halt. Dann ist Humpeln angesagt, bis sich der Herr Knöchel wieder besinnt. Normalerweise dauert das ein anderthalb bis zwei  Kilometer, dann ist alles wieder gut. Nicht schön ist das bei steilen Auf- oder Abstiegen. Es gibt Tage, da macht mir auch das gar nichts aus, und ich stiefele einfach weiter, wobei ich das Problem geflissentlich ignoriere. Heute war nicht so ein Tag. Der Knöchel forderte mit ziemlichem Nachdruck einen anderen Weg.

Am See sind die Wanderwege als leicht, mittel oder schwer gekennzeichnet. Dann gibt es Wege, die sind gar nicht gekennzeichnet. Das sind die Wege, auf denen die örtliche Bevölkerung, sofern sie Selbstachtung besitzt und jünger als 102 Jahre ist, vermutlich gar nicht gesehen werden möchte. Für eine Flachländerin wie mich sind diese Wege aber  ein willkommener Anlass zum Faulenzen, und so schlugen mein Knöchel und ich einen solchen ein. Er war schön, der Weg, er bot immer wieder Ausblick auf See und gegenüberliegendes Ufer, nur war er ein wenig zu gut besucht für meinen Geschmack. Auf dem selben Weg bin ich schon mutterseelenallein gewesen, aber da hat es eben auch genieselt. Heute war strahlender Sonnenschein, was meine melancholische Seele ja ohnehin häufig als Affront empfindet. Dazu noch laut schnatternde Familien, und meine latent vorhandene Misanthropie bricht aus. Sie bricht stumm aus, aber sie bricht aus.

Was trotzdem schön war: eine Maria(e) Schnee gewidmete Kapelle, die kleiner ist als mein Wohnzimmer, aber in ihrem Inneren über einen Kreuzweg mit zwölf Stationen verfügt. Stellen Sie sich einfach vor, Sie gingen einmal langsam um Ihren Esstisch und beteten dabei, dann wissen Sie, wie es sich wahrscheinlich  anfühlt. Der See hat ja diese zwei Seiten, die mondäne und die bäuerliche. Mit jener kann ich nichts anfangen, diese erinnert mich an zu Hause.  Und die Brombeeren waren reif.

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