Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Plan B

Hinterlasse einen Kommentar

WIN_20170816_19_21_35_Pro

„Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.“ (B. Brecht)

Für Amiable, den Tangotänzer, mit dem ich mich vor einiger Zeit auf Twitter über Fehler beim Tanzen und deren Kompensation unterhielt. 

Flamenco, so schreibt Fernanda Eberstadt, ist die Kunst der verzweifelten Maßnahmen, und erzählt von der schüchternen Sängerin  Inez Bacán, die spät im Leben anfing, aufzutreten und die bei einem ihrer ersten Konzerte zunächst schlecht sang. Zu allem Überfluss fiel sie noch von der Bühne und landete auf ihrem mehr als gut gepolsterten Hintern. Nachdem das geschehen war, nachdem es also nicht mehr schlimmer werden konnte, sang sie schlagartig besser.

Beim Tanzen ist es so: in der Regel haben  Flamencotänzer komplett ausgearbeitete  Choreographien im Kopf, die sie entsprechend den Gegebenheiten variieren können. Eine große Bühne verlangt große Bewegungen, auf der kleinen können Sie ziselieren. Auch das Publikum ist wichtig: sind es Kenner, die Feinheiten bemerken oder muss ich sie mit der Nase darauf stoßen. Werden sie einen desplante (Frechheit) verstehen, einen engaño (Täuschung) überhaupt bemerken? Will ich, dass sie weinen oder lachen oder beides zugleich? Beim Grillfest des Kleingartenvereins sind andere palos gefragt als wenn Flamencoleute unter sich sind und sich mit ihren Körpern Geschichten erzählen. Das sind die Dinge, die man bis zu einen gewissen Grad planen kann.

Nicht einplanen kann man den Schuh, den man verliert, den Absatz, der abbricht, oder weniger dramatisch: den Stolperer, die Unebenheit im Boden, den Irrtum, den Fehler…eben tanzten Sie noch wie eine Göttin, und plötzlich enden Sie auf dem linken Fuß statt auf dem rechten. Sie wollten nun eigentlich nach rechts drehen, aber das geht nicht, dazu müsste Ihr  nicht unbeträchtliches Gewicht auf dem rechten Fuß sein, aber da ist es nicht, somit haben Sie keine Basis für eine Rechtsdrehung. Statt dessen steht der linke Fuß, der, mit dem Sie Schwung holen wollten, wie festgemauert auf dem Boden. Flamenco, so heißt es, braucht Gewicht – selbst wenn Sie im Alltag die Leichtigkeit einer Elfe besitzen, müssen Sie beim Flamencotanzen geerdet sein und fest stehen wie die Mauern von Cádiz.

Das sind die Momente, in denen Ihnen das Herz stehen zu bleiben scheint, aber verzweifeln Sie nicht, es gibt fast immer einen Ausweg. Der Herr Lehrer hat sich einmal zwei Stunden Zeit genommen, uns zu zeigen, was man in solchen Fällen tut. Da hatte ich es allerdings schon gelernt, und zwar auf die harte Tour, denn ich kann mir nicht einmal meine eigenen Choreographien merken, geschweige denn die von fremden Leuten. Daher waren meine seltenen Auftritte zwar immer sehr inspiriert, aber auch sehr prekär. Der Herr Lehrer ist übrigens einer, der zu ausgedehnten Improvisationen neigt, was den ebenfalls auf der Bühne anwesenden Kolleg_innen mitunter den kalten Schweiß auf die Stirn treibt. Wer ihn gut kennt, bemerkt sofort, wenn er einmal gepatzt hat: er tanzt dann sehr schnell einen kleinen Halbkreis, bis er wieder da steht, wo er hingehört,  und grinst am Ende meist ziemlich dreckig.

Was hilft: wenn beim Üben ein Fehler passiert, nicht abbrechen und von vorne anfangen, sondern einfach versuchen, darüber hinweg zu tanzen. Im äußersten Notfall kann man auch schlicht stehen bleiben, wenn man nicht mehr weiter weiß –  stolz und hoch aufgerichtet – und einen unverschämten Blick ins Publikum richten, bis man sich wieder gefangen hat. Länger als ein, zwei Takte lange funktioniert das aber nur bei den ganz alten Tänzern, die sowieso Narrenfreiheit haben. (Nicht, dass El Peregrino das nötig hätte, aber er nimmt sich hier seine kleinen Pausen und macht auch den einen oder anderen desplante oder engaño) Wenn man das beim Üben praktiziert, entstehen ganz von selbst Variationen, die man zu bestimmten Gelegenheiten geplant oder eben als Notlösung einbauen kann. Wie überall ist es die Routine, die den Ausschlag gibt.

Aber eine Garantie gibt es nicht, weder für Plan A noch für Plan B.

 

 

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

Kommentare

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s