Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Geschichten vom See: vertan

Vertan habe ich mich, deshalb komme ich fast eine Stunde zu früh an der Anlegestelle an. Bevor ich nach W übersetze, schaue ich mir also die Basilika des ehemaligen Klosters an. Wenn katholische Kirchen mich armes Protestantenkind generell erschlagen, dann diese ganz besonders. Ich werde ein anderes Mal wiederkommen und sie mir genauer ansehen müssen, auf einen Sitz ist sie mir zu viel, mit ihrem Stuck, ihrem Gold, ihren Reliquien…gibt es eigentlich einen Grund, warum katholische Glocken vergleichsweise jämmerlich klingen?

Ein zweites Mal vertue ich mich, als  ich den Wanderweg nach G einschlage. Ein Wegweiser zeigt in eine Richtung, die mir falsch zu sein scheint, aber ich denke nur, dass die klugen Leute, die die Wegweiser aufstellen, schon wussten, was sie taten, und dass mein Orientierungssinn bekanntermaßen ein schlechter Witz ist. Ich habe sowohl eine Wegbeschreibung als auch eine Karte, aber beide passen in meinen Augen nicht recht zusammen, und die Wegweiser passen zu keinem von beiden.  Deshalb laufe ich in die angegebene Richtung, bis es mir zu dumm wird. Ich beschließe, ganz einfach in den Wald zu gehen und dann parallel zum Seeufer Richtung Norden. Bald treffe ich auf ein ähnlich desorientiertes Pärchen, das mit einer Karte hantiert. Da ich keine Lust auf Smalltalk habe – dass ich allein wandere, hat seinen Grund – schlage ich mich in die Büsche, genauer gesagt folge ich einem ansteigenden Waldweg, der schnell immer schmaler wird und schließlich in einem trockenen Bachbett endet. Die Richtung stimmt aber; zu guter Letzt gelange ich auf den Weg, den ich von Anfang an gehen wollte. Der ist überwiegend befestigt, führt durch einen wunderschönen Wald und steigt kaum an. Als ich ein Kreuz sehe, dass an einen Verunglückten erinnert, frage ich mich, was man tun muss, um auf diesem Weg zu verunglücken. Betrunken mit dem Kopf voran in ein Loch fallen und stecken bleiben? Ein paar hundert Meter und eine Serpentine weiter ist aus dem Weg ein schmaler Pfad geworden, auf dessen rechter Seite es steil abwärts geht. Mir wird klar, wie das Unglück passiert sein könnte: bei feuchtem Wetter gestolpert, abgerutscht und zwischen Baumstämmen talwärts gekullert. Der steile Abhang und ein ungünstig stehender Baumstamm reichen aus, um sich im schlimmsten Fall das Genick zu brechen.

Auf den Wiesen stehen Reiher, im Wald sehe ich eine riesige Libelle, außerdem einen Zitronenfalter, ein Tagpfauenauge und einen weißen Schmetterling, der mir kein Kohlweißling zu sein scheint. Kräftig rosafarben blühen Blumen, die ich nicht kenne, und die mich an Orchideen erinnern. Jungbauer und Altbauer mähen, während eigentlich Kirche wäre, aber man kann es sich halt nicht aussuchen. Ich werde nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum gefragt, als allein wandernde Frau bin ich in der Gegend interessant, weil selten. Wie es sich gehört, lobe ich Vieh und Wiesen, und wie es sich ebenfalls gehört, winkt der Altbauer ab, Kühe und Gras halt. Die ersten Brombeeren habe ich schon an einer Mauer im Ort gepflückt, im Wald finde ich noch ein paar Himbeeren. Nach der letzten Tour habe ich gelesen, dass ich mir in der Gegend keine Sorgen wegen des Fuchsbandwurms machen muss, also esse ich, was noch zu finden ist. Den Brombeeren auf einer Lichtung war es wohl zu trocken, sie sind bitter und klein geblieben.

Nachtrag: es duftet nach reifem Getreide, wie damals, als mein Großonkel starb.

Nachtrag 2: Pausen- und Zuglektüre war dieses Mal wieder ein Krimi, nämlich Böse Seelen von Linda Castillo. (Ich mag Bücher, in denen es um das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen geht. Abgesehen davon gibt es aber auch bessere Krimis)

 

Autor: Trippmadam

Kontakt: trippmadam@t-online.de

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