Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Geschichten vom See: Neureuth

Auf die Neureuth wandere ich aus purem Trotz, einzig und allein, weil jemand sagte, ich könnte es ohnehin nicht schaffen. Da die Wettervorhersage sich nicht entscheiden kann zwischen Gewitter und leicht bewölktem Himmel, beschließe ich, erst am See zu entscheiden, ob ich Richtung Neureuth gehe oder mich auf den Höhenweg beschränke.

Früh fahre ich los, als geborene Flachländerin vermute ich, dass mir der Weg nicht ganz leicht fallen wird, und mir ist es lieber, wenn ich dabei weniger Zuschauer habe. Außerdem mag ich es, mutterseelenallein im Wald zu sein. Der Zug ist angenehm leer, hinter zarten Wolken schaut die Sonne hervor. Da es nicht regnet, als ich in Tegernsee ankomme, entscheide ich mich für die Neureuth.  Mein lädierter Knöchel meldet sich schon nach wenigen hundert Metern, aber ich beschließe, es darauf ankommen zu lassen und weiter zu gehen. Nach einem Stück befestigten Weges geht es über einen wurzeligen, steinigen Pfad aufwärts. Ich stelle erste Vermutungen über die Bezeichnung Sommerweg an: im Winter muss er eine eisige Rutschbahn sein. Auch lerne ich, dass Wurzeln bei feuchtem Wetter glatt sein können wie Schmierseife und es nichts nützt, sich auf einen dicken Steinbrocken retten zu wollen, denn auch der scheint ganz und gar aus Seife zu bestehen. Meine Erfahrungen aus Taunus und Vogesen nützen mir hier rein gar nichts, aber sobald ich kapiert habe, welches die Stellen sind, auf denen meine Wanderschuhe nicht rutschen, geht es. Der Pfad ist landschaftlich schön, in Serpentinen schlängelt er sich durch dichten Wald bergauf. Mitunter zweigen seitlich sehr schmale Pfade ab, aber ich kenne das Gebiet nicht gut und habe auch keine gute Wanderkarte, deshalb folge ich lieber den Wegweisern. Immer wieder bleibe ich stehen, um den Ausblick zu genießen, unbekannte Pflanzen zu betrachten oder einem Schmetterling nachzusehen, dessen Bezeichnung ich nicht kenne.

Ein Schutzhüttchen bietet sich für eine längere Pause an: Wasser, Proviant und ein paar Seiten im mitgebrachten Krimi. Das Hüttchen ist verziert mit dem üblichen, leicht schweinischen Schülerhumor, aber auch ein Schillerzitat findet sich und macht mich nachdenklich. Nicht das Zitat selbst, sondern der Ort, an dem es sich befindet. Der Ort mag schön sein, wirkt aber eher geistlos auf mich.  Als ich weitergehen will, kommen zwei Jogger vorbei. Man joggt auf die Neureuth? Später sehe ich: man radelt sogar. Also, ich finde ja, man kann sich auch ein Klavier ans Bein binden und Polka tanzen, aber das soll jeder machen wie er mag. Der Weg, den die Jogger genommen haben, ist unangenehm schotterig. Lieber biege ich auf einen Waldpfad ab. Ich bin nun schon soweit oben, dass selbst ich mich nicht mehr verlaufen kann, und hinunter kommt man bekanntlich immer.

Oben angekommen, finde ich ein Kapellchen, das an die Gefallenen von zwei Weltkriegen erinnert. Drinnen füttere ich den Opferstock und versuche, die Bedeutung der Votivgaben zu erraten. Anders als in Andalusien erschließt sie sich mir nicht, und ich spüre wieder einmal, wie fremd ich hier bin.

Ein Wegweiser an einer Kuhweide zeigt nach Gmund, mit Rindern habe ich es ja nicht so, wie Sie wissen, aber es sind keine da. Dafür warnt ein Totenkopf vor schlechten Wegverhältnissen nach einem Unwetter. Außer, wenn sie auf Flaschen kleben, flößen mir Totenköpfe wenig Respekt ein, und so sage ich dem Knochenmann in Gedanken, er solle sich mal nicht so anstellen. Wenige Meter danach stelle allerdings  ich mich an. Der Weg ist rutschig und steil, und ich bemerke, dass ich eine wenig elegante Gangart – „wie der Storch im Salat“ –  angenommen habe. Ich lasse erst alle anderen Wanderer passieren – inzwischen sind nämlich welche da – und stakse dann vorsichtig Richtung Tal. Dass sich dabei nunmehr mein Knöchel anstellt, ist, nun ja, nicht hilfreich. Bergab dauert es, bis der Knöchel sich beruhigt. Es hilft auch nichts, den Wanderschuh neu zu schnüren, also hinke ich talwärts. Zum Glück wird der Weg bald besser.

Zwei verbissene Managertypen kommen mir, Kinn voran, entgegen und schauen mich an, als wollten sie meinen Weg ins Tal am liebsten künstlich beschleunigen. Warum wandern solche Leute? Ach ja, die Konkurrenz wandert, also sie auch, ob sie Lust dazu haben oder nicht. Sie sind die einzigen, die nicht grüßen, und obwohl ich um die Wandereretikette weiß, nach der nicht jeder zu jeder Zeit einen Gruß erwarten darf, bin ich fast ein bisschen beleidigt. Da ich schon wieder Hunger habe, mache ich eine zweite längere Pause auf einer halb versteckten Bank. Dabei habe ich das Gefühl, jemand schliche hinter mir herum und beobachte mich. Als ich mich umdrehe, flieht ein Reh.

In Gmund angekommen, wundere ich mich über ein fast heimatliches Gefühl.

Pausen- und Zuglektüre: Maria Benedickt, Die Fährte der Füchsin.

 

Autor: Trippmadam

Kontakt: trippmadam@t-online.de

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