Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)

Die Kommunistin

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Diese meine Manie, mir Lebensgeschichten für fremde Leute auszudenken, ist wahrscheinlich Teil eines Krankheitsbildes, für das ich in einfacheren Zeiten als Hysterikerin in eine Anstalt eingeliefert worden wäre. Aber was wollen Sie, ich kann ja nicht herumlaufen und wildfremde Leute nach ihren Geschichten fragen, also denke ich mir welche aus.

Die Kommunistin hat die sparsamen Bewegungen alter Leute, die sich ihrer nachlassenden Fähigkeiten seit langem bewusst sind. Keine Geste zu viel, kein Schritt zu wenig. Sie trägt Herrenanzüge mit Pullunder und Hemd, ein Abzeichen einer schon lange obsoleten linken Organisation am Revers und einen Trachtenhut auf weißen, drahtig aus dem Gesicht gebürstete Locken. Alles, was sie mit sich führt, ist abgenutzt und, wo nötig, sorgfältig repariert, wobei die Ästhetik weit hinter der Haltbarkeit rangiert. Sobald sie sitzt, liest sie in einem Buch oder einer Zeitung, aber sitzen sieht man sie selten. Schmal,  drahtig – schon wieder dieses Wort, das sie besser als jedes andere beschreibt –  und aufrecht, geht sie durch die Stadt, in der es wenige ihresgleichen gibt. Nie sieht man sie in Begleitung, weder Mensch noch Hund gehen mit ihr. Es scheint, sie genüge sich selbst, aber Sie und ich wissen, dass in diesem Punkt die Phantasie mit mir durchgeht und ich in Klischees denke. Wie immer, wenn ich den Leuten Geschichten anhefte, um die sie  nicht gebeten hatten.

Anfangs wusste ich nicht, ob sie Mann oder Frau war. Ihre Kleidung, ihre Körpersprache – eindeutig männlich. Aber eindeutig ist bei den Leuten selten etwas, und so hat die Kommunistin eine zarte, mädchenhafte Seite, eine sehr weibliche Anmutung, die sich mitunter über ihre Zackigkeit legt wie diese lächerlichen wehenden Schleier, die auf alten Bildern die Genitalien nackter Figuren verbergen. (Man wundert sich immer, wie die halten können und nicht wegflattern.) Lächerlich sind aber nur die gemalten Schleier, nicht der unsichtbare, der um Kopf und Körper der Kommunistin zu wehen scheint.

Sieht man sie direkt an, so antwortet sie mit einem leisen spöttischen Lächeln, als wollte sie sagen: Du wirst es nie erfahren. Andere Frauen und auch kleine Kinder behandelt sie mit einer fast männlich wirkenden Galanterie, aber selbst die Kinder hält sie ohne ein Wort oder eine Geste auf Distanz.  Da ist nur ihre Haltung, die sagt: rühr mich nicht an. In Gedanken ergänze ich: es könnte Dir schlecht bekommen, aber das ist wieder nur meine Fantasie, die Amok läuft. Niemals würde ich der Kommunistin zutrauen, dass sie auch nur einer Fliege etwas täte.

 

Autor: Trippmadam

Kontakt: trippmadam@t-online.de

2 Kommentare zu “Die Kommunistin

  1. Diesen Blick habe ich sehr, sehr gern.

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    • Ich möchte einfach nicht, dass die Leute, die um mich herum leben, schon vergessen werden. Natürlich werden sie irgendwann genauso vergessen sein wie dieses Blog, aber bis dahin schreibe ich noch ab, wie sie aussehen.

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