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Flamenco: El Piyayo und sein Tango

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„En Málaga los serenos
van diciendo por las calles
que duerma el que tenga sueño
que yo no despierto a nadie“

(hier: Antonio Nuñez, El Chocolate: Tango del Piyayo)

In Málaga, so heißt es in dem Lied, sagen die Nachtwächter auf der Straße, es solle doch schlafen, wer müde sei, sie jedenfalls weckten keinen. Sicherlich gehört der Tango de Málaga zu den wenigen einigermaßen fröhlichen palos, die dieser zornige alte Herr, El Chocolate, jemals gesungen hat.

Farruca, Garrotín und Tango de Málaga, drei Zweige vom selben Ast. Ein Ast vom dicken Stamm des Flamenco, dessen Wurzeln nicht nur in den spanischen Regionen liegen, sondern  auch indisches, arabisches, jüdisches, afrikanisches und südamerikanisches Wasser trinken. Auch ein Eimerchen aus Frankreich mag dabei gewesen sein.

Der Tango trinkt wohl aus Quelle der afrokubanischen Musik. Der einzigartige, unvergleichliche Faustino Nuñez leitet ihn von der Habanera ab. Ich bin keine Musikwissenschaftlerin, sondern nur eine eher minderbemittelte Amateur-Tänzerin. Deshalb sage ich nur so viel: Der Tango hat einen Vierer-Rhythmus, d.h. auf einen Takt kommen vier Schläge. Wenn Sie mitklatschen wollten (unterstehen Sie sich!), bliebe der erste Schlag stumm.

Andalusische Städte oder Landstriche, die auf sich halten, haben jeweils ihre eigene Tango-Version, so auch die Stadt Málaga. Vorfahr des Tango de Málaga ist der Tango del Piyayo, z.B. hier: eine Stimme, an die ich mich erst gewöhnen musste, aber ein Version, die mir sehr gut gefällt: Curra Suárez, Tangos del Piyayo. Im Gegensatz zu andern Tangos hat der Tango del Piyayo (und auch der T. de Málaga) einen weichen, geschmeidigen Swing, der wohl auf den Einfluss eines anderen kubanisch-stämmigen palo, nämlich auf die Guajira zurückzuführen ist. Auch die Carcelera soll mitgespielt haben, aber ich vermute, das bezieht sich eher auf die Texte, wie wir noch sehen werden.

Schöpfer dieses sehr speziellen Tangos war der Sänger und Gitarrist Rafael Flores Nieto „El Piyayo“ (1864-1940). Wie viele andere Flamencokünstler einst und jetzt konnte auch er nicht vom Musizieren allein leben, sondern arbeitete daneben als fliegender Händler. Er soll 1898 am Spanisch-Amerikanischen Krieg teilgenommen haben, und – eventuell auf Kuba – im Gefängnis (cárcel, daher die oben erwähnte Carcelera) gesessen haben. Das würde nicht nur den kubanischen Einfluss auf seine Schöpfung erklären, sondern auch die Texte, teils noch von El Piyayo selbst verfasst, die vom Gefängnis erzählen, so zum Beispiel diesen, in dem der Verfasser sich beklagt, dass mit kaltem Wasser rasiert wird, wer sich ohne finanzielle Mittel im Gefängnis befindet:

Adiós patio de la cárcel,
rincón de la barbería,
que al que no tiene dinero
le afeitan con agua fría.”

El Piyayo soll, so heißt es, nicht sehr angesehen gewesen sein. So habe er zu den „fiestas de señoritos“, die eine wichtige Einnahmequelle für die Künstler_innen seiner Generation waren, selten Zutritt gehabt. Diese Fiestas waren privat oder halböffentlich. Dort traten professionelle und semiprofessionelle Künstler_innen gegen Bezahlung auf. Waren diese jung und schön, wurden mitunter auch noch andere Dienstleistungen nachgefragt, weswegen zwischen Flamencotänzerinnen und Prostituierten in einem gewissen katholisch-konservativen Milieu bis Ende des 20. Jahrhunderts kein nennenswerter Unterschied gemacht wurde. El Piyayo, groß, hager und von schroffem Wesen, wirkte vermutlich wie ein Fremdkörper bei derartigen Veranstaltungen. Andere Quellen charakterisieren ihn jedoch, zumindest in vertrauter Umgebung, als umgänglich, freundlich und sehr emotional. Einig scheint man sich aber darin, dass er ein Einzelgänger und mitunter recht stur war. Über die Qualität seines Gesangs und Gitarrenspiels mag man sich uneins gewesen sein, den Respekt als Schöpfer eines neuen Gesangsstils darf man ihm aber wohl nicht versagen.

Eine andere bedeutende Interpretin des Tango del Piyayo oder vielmehr dessen Abkömmlings, des Tango de Málaga, soll Ana Amaya Molina (1855-1933) gewesen sein, die unter dem Namen Anilla de Ronda auftrat. Sie war Sängerin, Tänzerin, Gitarristin, und – wie sie selbst behauptete – Schmugglerin. Ihr Lebenswandel war wohl für ihre Zeit ungewöhnlich liberal; sie soll die Geliebte von mindestens einem Torero (Lagartijo) und mindestens einem General gewesen sein. Es gibt ein Foto, das sie als alte Frau auf der Bühne zeigt. Das Haupt mit Blumen geschmückt, im gepunkteten Volantkleid mit Umschlag- und Halstuch (mantón y pañuelo), sitzt sie breitbeinig auf einem Stuhl und stützt die Hände auf die Oberschenkel. Zum Gedenken an eine Frau, die sich wohl für ihre Zeit ungewöhnliche Freiheiten nahm, beginne ich stets in dieser Haltung, wenn ich einen Tango de Málaga tanze. Hier eine alte Aufnahme, wo sie allerdings nicht Flamenco singt, sondern eine Jota Aragonesa.

 

 

 

Autor: Trippmadam

Kontakt: trippmadam@t-online.de

3 Kommentare zu “Flamenco: El Piyayo und sein Tango

  1. Pingback: Fundsachen 2 | Geschichten und Meer

  2. Ach, das ist einer dieser Blogs, wegen denen ich das Internet gern habe. Danke!

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