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Wanderschuhe

3 Kommentare

Schlechtes Schuhwerk ist des Teufels, habe ich schon als Kind gelernt. Tanzlehrer, Großmütter, Eltern und Tanten unterrichteten mich schon früh mit ernster Miene über die Konsequenzen, die ungeeignete Fußbekleidung für Füße, Wirbelsäule, sonstige Knochen und mein gesamtes späteres Leben haben würden. Als Jugendliche trug ich eine Weile aus purem Trotz spitze Schühchen mit – für meine Verhältnisse – halsbrecherisch hohen Absätzen, aber schon als Studentin kehrte ich reumütig zu den „Nonnenschuhen“ meiner Kindheit zurück, nicht durch Einsicht, sondern durch eine neue Art Notwendigkeit: ich hatte angefangen, Flamenco zu tanzen, und nach zwei oder mehr Stunden mehr oder weniger taktsicheren Stampfens mit hohen Absätzen auf harten Böden möchte man nur noch flache Schuhe tragen.

Flamencotänzerinnenfüße entwickelt zwei Dinge: Muskeln und Hornhaut. Der Tänzer Antonio Canales pflegte sogar zu prahlen, er könne auf seiner Fußsohle eine Zigarette ausdrücken, aber gesehen habe ich ihn dabei nie, und deshalb bin ich nicht sicher, ob ich ihm glauben kann. Wie auch immer, selbst, wenn dies eine Legende sein sollte, so illustriert sie doch die Unempfindlichkeit von Tänzerfüßen.

Meine ersten, eher kurzen Wanderungen am See unternahm ich in völlig ungeeigneten Schuhen, über Stock und Stein tänzelnd, dabei verächtlich beäugt von den „echten“ Wanderern, die nur darauf zu warten schienen, dass ich mir Hals und Beine bräche. Was ich nicht tat, denn wenn ich auch nicht das Gleichgewicht einer Tänzerin habe, so doch ein besseres als Otto und Ottilie Normalverbraucher_in. Irgendwann reifte in mir dennoch der Gedanke, dass ich durchaus ein paar Wanderschuhe gebrauchen könnte. Wanderschuhe gibt es in unserer kleine Stadt in Läden, wo man meinesgleichen – unscheinbar, mittelalt und offensichtlich bücherverwurmt – gerne für teures Geld mit großer Herablassung behandelt.

Mit deutlicher Arroganz begegnete mir also auch die junge Dame, schlank, blond und bayerisch, welche das grausame Schicksal traf, einer Person wie mir Schuhe verkaufen zu müssen. Nun bin ich eigentlich keine unerfahrene Wanderin, nur habe ich ein paar viele Jahre pausiert, aus  Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Ich weiß also ungefähr einzuschätzen, was ich kann und was ich will bzw. wollen sollte, und dementsprechend   trug ich meine Wünsche hartnäckig, aber mit Sanftmut, Güte und Geduld, vor. Wir wurden uns auch einig, das zweite Paar Schuhe schon passte perfekt. Dann aber wollte die Blonde mir partout Funktionsstrümpfe verkaufen. Ich habe ja das Wandern noch in dicken Wollstrümpfen und Kniebundhosen gelernt, Funktionskleidung lässt mich Schlimmes befürchten, und wenn ich eines weiß, dann, dass ich Platz in meinen Schuhen haben will. Also keine Funktionsstrümpfe, sondern ganz normale Socken. „Sie werden sich Blasen laufen!  Viele gar schreckliche Blasen.“ drohte die herablassende Schöne und richtete den Blick gen Himmel, wo sich kein passendes Unwetter zusammenbrauen wollte. Fast hätte sie mich nicht mehr aus dem Laden gelassen, als ich ihr versicherte, erst einmal keine quietschroten Funktionssocken zu brauchen. Ich hätte ihr ja gerne erzählt, dass man sich beim Flamencotanz die Mutter und die Großmutter aller Blasen einhandelt (und die Tanten noch dazu), und dass einen danach nichts mehr schrecken kann, aber das hätte sie wohl nicht verkraftet.

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(Von links nach rechts: Nonnen-, Flamenco- und Wanderschuh. Die Mutter der Altbäuerin pflegte zu sagen: Meine Mädchen sind ja alle gut geraten, aber Schuhe putzen tut keins.)

Autor: Geschichten und Meer

Kontakt: geschichtenundmeer@t-online.de

3 Kommentare zu “Wanderschuhe

  1. Wunderbar!
    Werte Frau Hofeditz, Schuhe kann man gar nicht hoch genug schätzen. Je praktischer (und langlebiger), desto besser. Und: Funktionssocken sind für Schuhe gedacht, die eben nicht perfekt passen … Ich wandere in Omas Wollstrümpfen. Wenn Sie mögen, ich hätte da eine ausgezeichnete Adresse für Wanderschuhe (komplett verkäuferinnenfrei), falls Ihre dermaleinst auseinanderfallen.

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    • Ich habe keine Erfahrung mit Funktionssocken… Für die Adresse wäre ich dankbar, meine aktuelle E-Mail-Adresse steht im Impressum. Es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis meine Schuhe mal auseinanderfallen, aber man muss immer auf das Schlimmste vorbereitet sein.

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  2. Pingback: Am See: Rindviecher und neue Schuhe | Geschichten und Meer

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