Geschichten und Meer

Meine Selbstzweifel sind wohlbegründet

Renitenz

9 Kommentare

Der Hang zur Renitenz liegt, was mich betrifft,  erstens in der Familie und manifestierte sich zweitens bereits in der Grundschule.

Ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass ich nicht singen kann. Ich würde gerne, aber ich kann es einfach nicht. Das ist bei mir wie mit dem Rauchen: ich habe es in jungen Jahren  ernsthaft versucht, aber ohne Erfolg.

Wie gesagt, die Renitenz zeigte sich erstmals im Grundschulalter, in der dritten Klasse, glaube ich. Da sollten wir im Musikunterricht, der von Frau G, die scheinbar ein Lineal verschluckt hatte, erteilt wurde, zur Feststellung der Jahresnote einzeln vorsingen. Die meisten Mädchen sangen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, die Jungen wählten überwiegend das Lied vom Männlein, das im Walde stand, und einer – ich glaube gar, es war der Junge, der nicht cool war – sang „Alle meine Entchen“. Vizeklassenkönig V beeindruckte die gefürchtete  Frau G mit schwarzen Locken, Rehaugen und einem spanischen Volkslied. Sie schmolz dahin. (Was wollen Sie? Selbst ich war drei Tage, drei Stunden oder drei Minuten meines Lebens in V verliebt.) Da ich wusste, dass meine Gesangstimme bestenfalls einem rostigen Blecheimer und schlimmstenfalls dem Quietschen einer ungeölten Tür ähnelte, beschloss ich, weniger durch Gesangskunst als durch Repertoire zu beeindrucken. Wobei zu bemerken wäre, dass ich mein durchaus beachtliches Repertoire den Onkeln zu verdanken hatte. Nein, ich sang nicht das Haarmann-Lied, ich sang „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord.“. Diese Entscheidung war durchaus zweifelhaft, aber das wusste ich damals noch nicht. Die Lehrerin G jedenfalls gab mir eine schwache Drei – die übliche Strafe für nicht eindeutig nachweisbare Renitenz – und kommentierte: Das ist aber kein schönes Lied. „So schön wie Es klappert die Mühle ist das schon lange!“ beschwerte ich mich und bekam einen Eintrag ins Klassenbuch, als erstes Mädchen meiner Klasse. Damit war mir der Weg einer  Revoluzzerin vorgezeichnet. Von Stund an hassten mich die meisten Lehrer, und ich lernte, Fakten zu prüfen, bevor ich mich mit Autoritätspersonen anlegte, denn das ist überlebenswichtig, wenn man einmal im Geruch der Renitenz steht.

Nachtrag: auch Frau Lakritze hat ihre Erfahrungen mit dem Musikunterricht in der Grundschule.

 

 

Autor: Trippmadam

¿Qué he hecho yo para merecerme esto?

9 Kommentare zu “Renitenz

  1. Pingback: Reisen in die deutsche Provinz-Das Museum Barberini, Potsdam | READ ON MY DEAR, READ ON.

  2. Oh, ich musste nie vorsingen, und in der Grundschule fiel ich vor allem dadurch (nicht) auf, dass ich wenig sagte. Dass ich mir meinen Teil dachte, wusste ja niemand. So war es eben aus anderen Gründen müdlich eine 2-3

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  3. Ha, das ist toll. Und täglich ging einer über Bord, und vorn versucht die Lehrerin ordentlich mißbilligend zu gucken … Hut ab vor den frühen Widerworten!
    (Ich mußte auch mal singen, da ging das ganz anders aus. Das schreibe ich auf; danke fürs Erinnern.)

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  4. Pingback: Vorsingen | normalverteilt

  5. oh wie herrlich! Meine Mutter brachte mir Negeraufstand ist in Kuba bei, sicherlich völlig politisch inkorrekt, wir liebten es und sangen es zweistimmig möglichst laut. Es ist so blutrünstig eklig, ich habs meinen Kindern auch noch beibringen wollen, aber sie waren schon zu korrekt….oh weh. lach.

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  6. Was habe ich gelacht….Danke für diesen Beitrag. Tja, da fällt mir auch einiges ein zu meinen Kindheitswiderständen….und da ging es nicht nur ums Singen, bei sowas war ich eher angepasst und wollte nicht unangenehm auffallen. Denn „ausserHaus“ war eher ein Erholungsort.

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Kommentare / jaleos

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