Geschichten und Meer

Meine Selbstzweifel sind wohlbegründet

Die einzige Heimat ist die Sprache

4 Kommentare

(Vielen Dank für die Inspiration an Philea, die Salonière der Bloggeria.)

In Antibes, so erzählt Philea, gibt es einen Mann, der besteht ganz aus Buchstaben. Er ist innen hohl (nein, nicht das, woran Sie jetzt denken) und teilweise durchsichtig. Er ist groß, man kann um ihn herum, aber auch in ihn hineingehen. Der Titel der Skulptur ist „Nomade“.

 Der Nomade sitzt, die Arme um die Knie gelegt, und schaut aufs Meer hinaus. Man fragt sich, welchen Ort er dort, auf der anderen Seite des Meers sucht. Oder ist vielleicht das Meer das Ziel seiner Sehnsucht? Ist er „El marinero en tierra“, Rafael Albertis Seemann an Land? Oder ist er bloß eine Landratte mit Sehnsucht nach Meereswellen und fernen Ländern? Anscheinend nicht, denn er ist ja ein Nomade.

Er sitzt nicht auf einem Stuhl. Ein Stuhl würde implizieren, dass da irgendwo ein Haus, ein Ort oder eine Heimat ist, seien sie auch noch so armselig. Er hat keinen Koffer. Wird er ohne Gepäck abreisen? Oder, was mir wahrscheinlicher scheint: wird er gar nicht abreisen? Denn die Diaspora ist innen, und man muss nicht verreisen, um in die Diaspora zu ziehen oder aus der Diaspora zu fliehen. Oder, um García Márquez zu paraphrasieren: man reist nicht, wenn man muss, sondern wenn man kann.

Warum wurde er zu einem Nomaden? Freiwillig oder durch äußere  Umstände gezwungen? Sicher scheint mir, dass dem Schöpfer des Nomaden Sprache wichtig war. Warum sonst hätte er den Nomaden ganz aus Buchstaben entstehen lassen sollen?

Manche Sinti oder Roma sagen: wir haben kein Land, lasst uns wenigstens unsere Sprache. Manche Exilanten lernen, in der neuen Sprache zu schreiben und zu publizieren. Manche verstummen. Vor Jahren habe ich eine Sprache unterrichtet. Meine Schüler waren jung, undiszipliniert, und viele kamen aus fremden Ländern. Ich selbst war nur wenig älter. Wenn sie nicht lernen wollten,  predigte ich ihnen: Was ihr im Kopf habt, ist das einzige, was euch niemand nehmen kann.

Mein klügster, aber auch ungezogenster Schüler, einer, der heute wohl „Nafri“ geschimpft würde, antwortete mir: Doch, wenn man mir den Schädel einschlägt, dann ist alles weg. (Es war die Zeit, als in Deutschland die ersten rassistischen Morde geschahen.)

Der Nomade, so stelle ich mir vor, ist einer, der weiß, dass Heimat nicht immer ein Land sein muss. Einer, der weiß, dass es im Leben nicht nur eine Heimat gibt. Einer, der – wenn schon sonst nichts – wenigstens noch seine Sprache(n) hat.  

 

Autor: Trippmadam

¿Qué he hecho yo para merecerme esto?

4 Kommentare zu “Die einzige Heimat ist die Sprache

  1. Schöne, diese Gedanken dazu … Ich finde die Skulptur auch sehr anregend, sie bleibt im Gedächtnis und ihr Bild steigt immer mal wieder vor meinem inneren Auge auf. Herzliche Grüße!

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  2. Was für ein wunderschöner Text. Sprache, das zeigt die Figur sehr schön finde ich, liegt einem ja nicht nur auf der Zunge, sondern ist in den Körper eingegraben. Deutsch zum Beispiel liegt mir unter den Rippen, ganz nah am Herzen, während Französisch hinter meinen Ohren klemmt….

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  3. Bin sehr berührt von dem Text. Ja, die innere Diaspora…

    Gefällt 1 Person

Kommentare / jaleos

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