Geschichten und Meer

(Sie müssen das hier nicht lesen.)


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Fundsachen 15

Don Alphonso versteht etwas von Bildern, von der brennenden Liebe und von der Nostalgie.

Die Caritas hat Tipps für die, die geben wollen.

Ada Blackjack nähte für eine Arktisexpedition.

Tanja Praske erzählt vom Herrn der Krippen.

Juna denkt (nicht nur) über Chanukka nach.

Ich liebe diesen Kerl.


Nachdem sich heute Herr oder Frau „M“ wunderte, dass ihr bzw. sein Kommentar gelöscht wurde, hier nochmals eine Erinnerung an die hiesigen Spielregeln.

Außerdem gibt es eine neue Regel: Sie lassen auf diesem Blog gefälligst den Don Alphonso in Ruhe. Ich glaube, ich habe 97mal erklärt, dass und warum ich ihn schätze, obwohl ich so selten mit ihm einverstanden bin. Ich erkläre das nicht noch einmal, zumal ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig bin.

 


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Nichts für ungut

Läse ich keine Krimis, würde ich vermutlich gewisse Fantasien in die Tat umsetzen. Da es sich dabei um Fantasien handelt, die wilder sind als die Polizei erlaubt, halte ich Kriminalromane für eine sehr nützliche Erfindung, die solche wie mich daran hindert, irgendwann tatsächlich ein Blutbad anzurichten. Die Heldinnen der Kriminalromane von Maria Benedickt sind schräge Figuren, die nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen, sondern eher frei flottieren, bis sie irgendwo eine Nische gefunden haben, in der sie relativ unbehelligt und gerade so überleben. Die liebste unter ihnen ist mir die Hauptperson der Geschichte, die den schönen Titel „Nichts für ungut“ trägt.  

Diese Hauptperson also ist eine Einbrecherin. Oder vielleicht ein Einbrecher? Ein Gaunerpärchen? Eine Jugendbande?  Zeitungen und Polizei stellten bereits verschiedenste Vermutungen an; sie selbst schildert sich als eine angegraute, mittelalte Dame, deren langweiliger Sachbearbeiterinnenjob und biederes Aussehen Sicherheit und Tarnung für ihre eigentlichen Aktivitäten bieten. Ihre Coups plant sie sorgfältig, sie arbeitet sauber und solide. Dabei gilt sie der Polizei als eine höchst rücksichtsvolle Diebin. Aus einem wertvollen Silberrahmen, den sie mitgehen lässt, entfernt sie zuvor das Familienfoto; ein Medaillon mit dem Bild der Mutter oder ein Schmuckstück mit einer sentimentalen Gravur lässt sie lieber liegen.  

Während einer Gruppenreise bietet sich wieder einmal eine Gelegenheit zur Aufbesserung des Angestelltengehalts, aber die unscheinbare Diebin macht einen Fehler, der zu ihrer Identifizierung führen könnte. Derart in die Enge getrieben, beginnt die Diebin zu ermitteln und findet einen Kommissar, der ihre Karriere seit ihren Anfängen verfolgt. Nebenbei wird noch ein Verbrechen aufgeklärt, das weit schwerer wiegt als der Diebstahl einiger Pretiosen.  

„Nichts für ungut“ ist keine große Literatur, eher etwas für die Badewanne oder den Strand. Das Leben der Hauptfigur ist – von außen betrachtet – ein langer ruhiger Fluss, und  ein solcher soll es auch bleiben, trotz aller krimineller Aktivitäten. Ob sie aufhören wird, zu stehlen? Ich bin mir nicht sicher. 

Maria Benedickt, Nichts für ungut, Fischer, ISBN 978-3-596-30026-6

 

 

 


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An der Wand

Para una ciudad del Norte

yo me fui a trabajar.

Mi vida la dejé 

entre Ceuta y Gibraltar 

(Manu Chao, El Clandestino)

Von der Wand schaust Du auf mich herunter, mit Deinen dunklen Augen und Deinen geschwungenen Augenbrauen. Wie Rabenflügel, sagt man wohl. Augen und Augenbrauen waren wohl Deine einzige Schönheit. Ansonsten erinnere ich mich an einen kleinen, gedrungenen Körper, an ein Hohlkreuz, ein Bäuchlein, schwarze drahtige Haare. Einmal wären wir fast miteinander im Bett gelandet, nach einer Trauerfeier für einen, der zu Lebzeiten einmal vorgegeben hatte, in mich verliebt zu sein. Was er wirklich wollte, habe ich bis heute nicht verstanden. Was Du wolltest, war immerhin glasklar. Da war keine Romantik, keine Verklärung, und im Nachhinein weiß ich das zu schätzen.

Du warst El Pato, Dein Bruder El Negro, dem Toten hatte ich selbst den Beinamen El Chibolo gegeben. La Sandra war da, und La Ceci, die später von ihrem Lebensgefährten erstochen wurde, als sie in der Agentur meines Vermieters putzte. (Die Welt ist ein Dorf.) Der Lebensgefährte, ein Ire, dessen Namen ich vergessen habe, erhängte sich in der Gefängniszelle. La Sandra heiratete  einen Mann von den Philippinen, der ihre Telefonate überwachte und ihr verbot, Spanisch mit ihren Freundinnen zu sprechen. Später lieh ich ihr Geld, damit sie irgendwo neu anfangen konnte. Ubilde, Modedirectrice, war mit einem ungarischstämmigen Österreicher verheiratet, der sie tyrannisierte. Trotzdem setzte sie sich trotzdem aufs hohe Ross, denn schlecht verheiratet sei immer noch besser als gar nicht verheiratet. Auch die floh schließlich, Aufenthaltsstatus hin oder her.

Ich habe jahrelang nicht mehr an Dich gedacht, während die ganze Zeit über Dein Bild an meiner Wand hing. Dein Gesicht kannte ich auswendig, ich musste das Bild ja gar nicht anschauen. Trotzdem ist es seltsam, und ich frage mich sogar, ob ich Dein Bild vielleicht abhängen und in eine Schublade legen soll, weil die Zeit, aus der es stammt, mir inzwischen so fern ist wie eure Heimatländer.

Clandestino.


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Zur Rettung der Ehre der Gitarristen

Gitarristen sind leider die, die auf einer Flamenco-Bühne am wenigsten zu sagen haben. Ich weiß nicht mehr, ob es Fernanda oder Bernarda de Utrera war, die einst ein wenig alkoholisiert auf der Bühne stand (über das früher übliche Mut-Antrinken in Flamenco-Kreisen könnte man auch einiges schreiben) und von einem Unglücksvogel im Publikum angeblafft wurde, sie brauche doch wohl kein Mikrophon. Hast Recht, brauche ich nicht, sagte sie, und warf das technische Hilfsmittel hinter sich, wobei es den Gitarristen am Kopf traf. Dieser stürmte beleidigt von der Bühne, worauf die Sängerin kommentierte: Den Kerl brauche ich auch nicht!

Die Gitarre ist ein Element, das spät zum Flamenco kam. Tatsächlich könnten Sie auch ohne Gitarre wunderbar tanzen, wobei es hilft, wenn der Sänger taktfest ist und jemand mit palmas (Handflächen), nudos (Fingerknöcheln) oder  bastón (Stock) den Rhythmus vorgibt. Was für unsereinen zunächst seltsam ist:  Toque (Gitarre) und Cante (Gesang) richten sich nach dem Tanz. Gitarristen und Sänger begleiten also die Tänzer. Weil das den Gitarristen nicht unbedingt passt, kriegen sie ihre ein bis zwei Soli pro Aufführung, wo sie dann endlich machen dürfen, was sie wollen,  anstatt nur den  Hilfsbremser zu geben. Paco de Lucía hat sich früh unabhängig gemacht und begonnen, als Solist aufzutreten. Sein großer Bruder hingegen, Ramón de Algeciras, war während seiner gesamten Karriere ein ausgezeichneter Tanzbegleiter. Paco de Lucía, bei dessen Konzerten normalerweise auch ausgezeichnete Tänzer wie Joaquín Grilo zu bloßen Rhythmus-Lieferanten degradiert wurden, wurde spät im Leben wieder ein altersmilder Begleiter für Gesang und Tanz, der nur ganz selten einmal gequält lächelte, wenn irgendeine Sängerin oder ein Tänzer den Takt allzu stiefmütterlich behandelte. Ich erinnere mich an eines der ersten Konzerte während seiner Zusammenarbeit mit Farruco nieto, auch El Farru genannt: der damals noch sehr junge Farru  tanzte spontan und kreativ, aber auch leider sehr unvorhersehbar, und Paco de Lucía beschränkte sich irgendwann darauf, sólo compás, also lediglich den Rhythmus zu spielen. Den resignierten und doch amüsierten Gesichtsausdruck des Gitarrenmeisters in seiner Funktion als Metronom werde ich in meinem Leben nicht vergessen.

Ob Sie nun gerne mit Gitarrenbegleitung oder lieber a palo seco, also ohne alles, singen oder tanzen, eines müssen Sie wissen, wenn Sie sich für die Gitarrenbegleitung entscheiden: wenn Sie einen Fehler machen, weiß das der Gitarrist als erster und mitunter schon lange, bevor der Fehler tatsächlich passiert. Alle außer dem Gitarristen dürfen auf der Bühne die Nerven verlieren. Der Gitarrist ist, das gehört zur Stellenbeschreibung, firme como un reloj, also zuverlässig wie ein Uhrwerk. Machen Sie einen Fehler, kann der Gitarrist Sie retten oder absaufen lassen. Beides ist mir passiert, und es ist nicht lustig, wenn ein Gitarrist beschließt, Sie zu hassen. Also, behandeln Sie mir den Gitarristen gut, auch wenn Sie und ich wissen, dass es eigentlich auch ohne ihn ginge. 


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Fundsachen 14

Dr. Benway wandert auf den Wegen meiner Kindheit.

Laura trägt einen Mantel.

Der Schizophrenist beschreibt das Grauen.

Neon Wilderness hat Lesestoff zusammengestellt. (Ich verlinke das nicht, weil er mich, sondern weil er noch andere Blogs von Frauen verlinkt hat, die ich interessant finde.)

Zwei Artikel über Kunst, Moral und Verbrechen. Balthus und Caravaggio.

Ich habe einen neuen Flamenco-Schwarm, aber er wird Ihnen nicht gefallen. Ich mag aber die Künstler aus der Extremadura sehr. Hier also der Sänger Alejandro Vega. Was man auch sehr schön sieht: die Kommunikation  und die gegenseitige Unterstützung auf der Bühne.


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04.12.2017

Der Wecker hätte um sechs Uhr geklingelt, aber wach bin ich schon um vier. Die Schlaflosigkeit weiß, wann sie die Oberhand gewinnt, auch ich weiß es, und deshalb weiß ich auch, dass es heute sinnlos ist, wieder einschlafen zu wollen. Wer früh im Büro ist, darf auch früh wieder nach Hause, und deshalb beschließe ich, mich nicht länger herumzuwälzen, sondern dem Tag ins Auge zu blicken. Sehr wach sieht der Tag allerdings auch nicht aus. Die Dosen mit den  gestern gebackenen Weihnachtsplätzchen stelle ich ohne Deckel in die Küche; sie müssen noch ein bisschen auslüften, bevor sie bis Weihnachten fest verschlossen werden. Durch die offene Balkontür riecht es nach Kuh; der Schlachthof ist nur wenige hundert Meter entfernt. Gestern Abend war Schneeluft, und heute sind Straße und Bürgersteig weiß. Pulverschnee. Gut zum Skilaufen, schlecht für Schneemänner. Für Schneemänner und Schneeballschlachten ist „Pappschnee“ nötig, aber damit kann König Winter heute nicht dienen. Oder vielleicht mag er bloß nicht.  

Herr von Oben hat die Weihnachtsbeleuchtung installiert, aber noch nicht eingeschaltet. Er muss eine romantische Ader haben, der Herr von Oben. Schaut man ihn an, würde man das nicht vermuten, aber wer kann schon wissen, was in einem Menschen vorgeht? Die Geschäfte haben ebenfalls weihnachtlich dekoriert, und vielleicht kaufe ich dieses Jahr die südfranzösischen Krippenfiguren, die ich mir schon lange wünsche.  Andererseits, wozu sollen die gut sein, hier in der Einöde?  

Verließe man die Stadt, hätte man in Nullkommanichts Berge vor der Nase. Der See ist, wenn man ihn recht betrachtet, lächerlich klein. Den Bergwänden, die ihn einzwängen, möchte man Tritte versetzen. Was Thomas Mann, dem ich mitunter auch gerne ein Tritt versetzt hätte, am See gefiel, kann man sicher irgendwo nachlesen. Viel mehr hätte mich interessiert, was Heinrich Mann dachte, und ob er am See vielleicht doch manchmal mit Steinen oder schlimmeren Dingen werfen wollte. Trotzdem spare ich mir den See heute und spaziere nur in Gedanken etwas oberhalb durch den Wald.  

Wer weiß, vielleicht will ich den See doch noch im Schnee sehen. „Der Wissenschaft halber.“, wie meine Großmutter sagte. Eigentlich mag ich den See ja sehr; ich gebe es bloß ungern zu. 

 

 


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02.12.2017

In letzter Zeit bin ich oft erleichtert, dass ich mein Wochenpensum erfüllt habe und zumindest in der betreffenden Woche nicht mehr tanzen muss. Ich wünsche mir vier Wochen ohne einen Schritt zu tanzen und fühle mich undankbar, gerade jetzt, wo ich lerne, den ständigen Schwindel zu kompensieren. Die Kraft kommt wieder und ich kann das Tanzen in meinen Zeitplan wieder einigermaßen integrieren. Weder das Tanzen noch das Leben waren ein Vergnügen in den letzten beiden Jahren. Sollte ich das Tanzen aufgeben, würde ich es aber in spätestens zwei Jahren wieder bereuen. Es wäre ja nicht das erste Mal.


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Fundsachen 13

Wer heißt schon Adolf?

Wer hat noch eine Frankfurter Küche?

Woran glaubten eigentlich die Feuchtwangers?

Nicht mal schlecht: Dieter Süverkrüp – Der Touristenflamenco.


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27.11.2017

Heulen und Zähneklappern auf Twitter. Zu Recht. Versklavte Flüchtlinge, sterbender Planet, Nazis…suchen Sie sich etwas aus, worüber Sie weinen und mit den Zähnen klappern wollen. Mich macht das müde. Was habe ich in meinem kleinen Kreis geredet und geschrieben in den vergangenen Jahren, was haben Leute mit großer Reichweite geredet und geschrieben, und was hat es genützt? Wer wollte es hören? Den Kleinen wird es bald an den Kragen gehen, die Großen werden sich mit Geld noch ein paar Jahre abschotten können, aber irgendwann steht auch denen das Wasser bis zum Hals, im übertragenen und im buchstäblichen Sinne.

Allein die Frage, ob man Klimaflüchtlingen helfen muss. Stellen Sie sich vor, Sie paddeln mit Mann und Maus von Ihrem im Meer versunkenen Bauernhof zum nächsten Landstrich, der noch aus dem Wasser guckt. Kaum angekommen, greifen Sie nach dem rettenden Ufer, und – zack! – haut Ihnen einer auf die Finger und schubst Sie zurück ins Wasser.  Das ist zu sehr vereinfacht, finden Sie? Von mir aus, aber vermutlich fühlt es sich für die Betroffenen so an.