Geschichten und Meer

Meine Selbstzweifel sind wohlbegründet


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Balkon

Vom Thymian könnte ich Ihnen erzählen, den ich zum ersten Mal über den Winter gebracht habe, von Trippmadam und Lavendel, die zart blaugrün treiben, vom Jasmin, für den ich wohl alle Hoffnung aufgeben muss, und vom Salbei, in dessen Topf sich eine Erdbeere eingeschlichen hat.

Aber ich würde Sie nur langweilen, und deshalb erteile ich einem Dichter das Wort:

ROLF BOSSERT (1952-1986)

Oma liebt jene Ecke im Garten dort

Zwinkert der trunkene Dill lacht sich

Die Dirn an die fesche Möhre

Und das vergessene Blümchen die Petersilie drückt scheu

In den Boden den Blick

Die Zwiebel wackelt: meine Hüften

Sind rund

Estragon kommt er

Zupft an der roten Nelke im Knopfloch

Fauler Zauberer Knoblauch

Schreit heiser sein: Maskenball!

Bohnenkraut! Pfeffer im Arsch!

Tja seufzt die Oma und plötzlich

Erschien die Berittene Polizei das war

Ihnen viel zu politisch verstehst du?

(Zitiert nach: http://www.zeit.de/2006/18/Oma_liebt_jene_Ecke_im_Garten_dort)


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Gesehen / visto: „La Novia“ (Die Braut) von Paula Ortiz

Eine Frau in einem blutbefleckten Brautkleid befreit sich aus dem Schlamm, in dem sie zu versinken droht, und macht sich auf den langen Weg nach Hause, zu dem verfallenen Gehöft, in dem sie aufgewachsen ist. In Rückblenden wird von der Kinderfreundschaft der späteren Brautleute mit Leonardo erzählt. Die Kinder werden Zeugen eines Messerkampfs, bei dem die Väter der beiden Jungen getötet werden. Von diesem Moment an herrscht Feindschaft zwischen den Familien der Jungen.

Die Braut wächst auf dem abgelegenen Gehöft ihres Vaters auf. Die Werkstatt des Vaters, eines Glasbläsers, ist eine Wunderkammer, die der Braut von Kindheit an vertraute Zufluchtsstätte ist, aber auch der Ort, an dem sie unheimliche Zukunftsvisionen überfallen.

„Eine Braut aus Deinen Bergen muss stark sein!“ sagt die Magd an einer Stelle, und stark ist sie, diese Braut aus García Lorcas „Bluthochzeit“, deren Geschichte Paula Ortiz in traumschönen und gleichzeitig schmerzhaften Bildern erzählt.  Bei aller Stärke kann sie jedoch nicht das Netz zerreißen, das die Dorfbewohner verbindet und gleichzeitig fesselt.

Obwohl Braut und Bräutigam offensichtlich verliebt sind, wird sehr deutlich, das es hier in erster Linie nicht um Liebe geht, sondern darum, zwei Familien zu verbinden, und zwar so, dass eine Dorfgemeinschaft stabilisiert wird. Aber da liegt das Problem: die Braut ist eine Außenseiterin, und war sie nicht einmal mit dem Außenseiter Leonardo verlobt? Man kann den beiden nicht trauen, und die Mutter des Bräutigams hat böse Vorahnungen.

Das Drehbuch hält sich bis auf die Eingangsszenen eng an die Vorlage von García Lorca. Offensichtlich kennt Paula Ortiz auch die „Bluthochzeit“ von Saura und Gades. Die Szene gegen Ende, in der Leonardo und der Bräutigam um die Braut kämpfen, ist eine mehr als deutliche Hommage an Gades‘ Choreographie. Wo jedoch Gades und Saura mit kühler Strenge von letztendlich erfolgreich unterdrückter Leidenschaft erzählten, setzt Ortiz Schönheit und Sinnlichkeit (die Brautleute, Leonardo, die tanzenden Mädchen auf der Hochzeit) gegen die Kargheit der Landschaft, der Gebäude und der Elterngeneration. Brachial und zerstörerisch ist die Leidenschaft aber hier wie dort, ebenso wie die Sanktionen, die ihr auferlegt werden. Gut und Böse sind austauschbar. Ein Happy End bekommt niemand.

Paula Ortiz, La Novia, Spanien 2015 (Regie, Besetzung, technische Daten hier)

Hier noch der Trailer (spanisch).


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Samstagslinks / los enlaces del sábado

Journelle mag den Muttertag nicht: „Während beim Vatertag die Herren marodierend durch die Straßen ziehen, lächelt die Mutter am Muttertag artig und stopft sich die geschenkten Pralinen in den Mund.“

Er oder Sie hat Post. Oder kriegt Post. Oder Grabpflegeutensilien.

Mira Sigl bei den Störenfriedas über Leitkultur. (Achtung, drastische Sprache. Ich würde auch nicht alles unterschreiben, aber in punkto „Leitkultur“ ist es  gerade schade um jeden Schlag, der daneben geht. )

Auch Bloggerinnen werden älter. Käthe Feinstrick über Wendemarken. (Und mich plagt der Gedanke, dass nicht mehr allzu viele kommen werden – und dass ich die, die hinter mir liegen, zu wenig ausgekostet haben könnte. Andererseits sind Wendemarken oft nicht angenehm.)

Ein älterer Text von Frau Fragmente über Liebe.

Noch ein nicht ganz neuer Text: Onkel Maike über den Tod im Mietshaus. (wobei ich daran denken muss, dass mein äußerst widerwärtiger Nachbar, der Herr vom Schloss, sehr abgebaut hat…)

Musik, die Kindheitserinnerungen weckt. Die Altbäuerin pflegte das in jüngeren Jahren zu singen.


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Froh, auf einem Foto den See zu erkennen, den ich sozusagen geschenkt bekam und der mir zurzeit mein bisschen Verstand rettet. Es gefällt mir, dass ich inzwischen die umliegenden Landmarken benennen kann, ohne auf die Karte zu schauen.

Ich erzähle eine Geschichte über einen Bekannten. Meine Umgebung wirft sich wissende Blicke zu. „Mein Bekannter“  –  diese Metapher für das Objekt einer eher unverbindlichen Beziehung, platonisch oder nicht, habe ich immer gehasst. Mein Bekannter ist wirklich ein Bekannter, nicht mehr und nicht weniger.

Banale Alltagssorgen, die mich dennoch nicht loslassen. Ich kann sehr schlecht mit Ungewissheit umgehen. Wann bin ich eigentlich ängstlich geworden?


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Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen! Aber leider sind die allesamt heute im Büro passiert, und deshalb darf ich nicht.


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Sie steht im Weg

Sie steht im Weg. 1,55 mit Absätzen und schwarzgefärbter Wuscheldauerwelle aus der Hölle. Dünn, Kindergröße. Theoretisch könnte man sie hochheben und dann  in voller Länge quer in den Gang legen; sie würde dabei weder mit dem Kopf noch mit den Füßen anstoßen. Sie aber liegt nicht, sie steht. Wo immer ich auch vorbeigehen will, steht sie und macht sich breit mit ihrer Größe 30. Und immer, immer bleibt sie stehen, und zwar so, dass man weder rechts noch links an ihr vorbeikommt. D.h., man käme schon vorbei, aber dazu müsste sie für eine Sekunde mit dem Herumwuseln aufhören, aber leider springt sie von rechts nach links und wieder zurück, wie Rumpelstilzchen auf Drogen.

Gleich neben dem Eingang positioniert sie sich strategisch, so dass alle anderen warten müssen, und sucht irgendetwas in ihrer Tasche. Ich strecke den Arm nach den Tomaten aus, da wuselt sie mir unter dem Arm durch und versperrt den Zugang. Ich flüchte zum Käse, zur Milch, zum Brot, jedes Mal materialisiert sie sich wie der Igel im Märchen und scheint zu rufen: ich bin schon da! Dabei legt sie die Nonchalance der kleinen, dünnen Frauen an den Tag, die zu glauben scheinen, sie nähmen nicht den geringsten Raum ein. Große, dralle Weibsbilder und das nicht gerade schmächtige Publikum des benachbarten Boxvereins manövrieren sich und den Einkaufswagen gelassen durch Gänge, ohne irgendwo anzustoßen oder gar zu quieken. Aber sie nicht. Man muss ihr ausweichen, sie besteht darauf, notfalls rammt sie den gegnerischen Einkaufswagen, schließlich ist in ihrem ja die Vorfahrt schon eingebaut. Streift jedoch jemand sie versehentlich, quietscht sie empört.

An der Kasse schließlich sucht sie einen ihr genehmen Stoffbeutel aus dem dort ausliegenden Stapel. Der oberste gefällt ihr nicht, auch nicht der elfte von unten und nicht der siebzehnte von oben. Der Stapel ist am Ende mehr als nur leicht derangiert, aber das stört sie nicht, sie hat ihren Beutel, den perfekten, den einzig wahren, und das ist das Wichtigste. Mögen andere hinter ihr aufräumen, sie ist für eine halbe Stunde die Königin eines Lebensmittelladens in der Vorstadt gewesen.


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Ich verstehe Zorn, ich bilde mir ein: sowohl den gerechten als auch den ungerechten. Was ich nicht verstehe: Heuchelei und Arroganz. Was für ein schwarzes Loch manche in ihrer Seele haben müssen.


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Samstagslinks / los enlaces del sábado

Es ist nicht, wie es scheint: Nesrine Malik über Musliminnen und Stereotype .

Hier auch nicht: Henning Sußebach über die deutsche Provinz.

Hier schon: Esther Bejarano über den Rechtsruck.

So könnte es sein, wenn wir alt sind: Daniel Drepper über Pflege. (via @Smiths_Lovecat auf Twitter)

Die Romantikerin in mir hüpft vor Freude: The forest mermaid über einen englischen Brauch (via @P_Dreadful auf Twitter)

Noch einmal Esther Bejarano, hier mit der Microphone Mafia.

 

 


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Dokumentarfilm: Lucija Stojevic, La Chana

Im Rahmen des Dokumentarfilmfests München war unter anderem gestern der Film „La Chana“ von Lucija Stojevic zu sehen.

La Chana, eigentlich Antonia Santiago Amador, wurde 1946 in Barcelona geboren und war in den 70ern eine der bekanntesten Flamencotänzerinnen Spaniens. Sie war vor allem bekannt für ihr Rhythmusgefühl sowie für die Schnelligkeit und Präzision ihrer Fußtechnik. Es habe, so heißt es einmal im Film, Gitarristen gegeben, die ihr nicht folgen konnten. (Üblicherweise ist es andersherum: Gitarristen neigen dazu, „davonzulaufen“,   die Tänzerin hetzt hechelnd hinterher.)

Aus einfachsten Verhältnissen stammend, war sie mit 13 Jahren als Tänzerin berufstätig, mit 17 verheiratet und mit 18 Mutter. Sie selbst leitet ihren Beinamen von dem Verb „chanelar“ (wissen, verstehen oder auch kennen, aber sicher bin ich mir bei Letzterem nicht). Das Wort kommt aus dem Rómano-Caló, einer Sprache, die das Vokabular des Romanes mit spanischer Grammatik verbindet.

Als Kind tanzte sie zur Musik aus dem Radio, bis ihr Onkel „El Chano“ sie eines Tages zu einem seiner Auftritte mitnahm. „Was soll ich da?“ fragte sie, und er antwortete: „Das, was Du sonst auch machst: die Musik hören und loslegen.“

La Chana ist eine Tänzerin, die nicht all zu viel probt, was nicht heißt, dass sie nicht übt. Was Rhythmusgefühl betrifft, finden wenige Kolleg_innen Gnade vor ihren Augen. Ihr Tanz ist pure Emotion. Sie sagt, und das habe auch ich oft von Tanzlehrer_innen gehört, dass es egal sei, was man tue, so lange man im Takt bleibe. Sie sei, so heißt es im Film, auf die Bühne gegangen und habe improvisiert, im Rahmen der festen Struktur, die der Flamenco vorgibt. Die Technik, so sagt sie, unterwerfe sich dem Gefühl.

Nach einer Begegnung mit dem Schauspieler Peter Sellers wirkt sie am Film „The Bobo“ mit. Bei den Dreharbeiten habe sie einmal acht Stunden lang mit voller Kraft getanzt, bis sie schließlich erklärte, sie werde nicht noch einmal tanzen, denn sie sei so erschöpft, dass sie das nicht überleben werde. Hier das Ergebnis: Video 1 (Sich die Kraft einzuteilen, lernen viele Tänzerinnen erst, wenn die Kräfte nachlassen, also zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr, wodurch sie dann häufig noch einmal einen völlig anderen Tanzstil entwickeln. Es ist also interessant, sich eine Tänzerin mit 30 Jahren und dann noch einmal mit über 50 anzuschauen. Sie werden zwei Künstlerinnen in einer sehen. Schade, dass das z.B. im Ballett so wenig berücksichtigt wird.)

La Chana erscheint im Film als eine stolze Frau, die wenig über private Dinge redet. Verheiratet war sie in erster Ehe mit einem Kollegen, der später ihr Impresario wurde. Er misshandelte sie so sehr, dass sie einmal mit zwei gebrochenen Rippen auftreten musste. Sie nahm die Misshandlungen hin, weil das, wie sie selbst sagt,  in ihrem Umfeld damals eben so üblich war. Später verbot er ihr öffentliche Auftritte. Nach einigen Jahren verließ er sie, wobei er das gemeinsame Vermögen mitnahm und sie alleinerziehend und mittellos zurück ließ.  Jahre später heiratet sie erneut, und eine der bezauberndsten Szenen im Film ist die, in der ihr zweiter Ehemann sich nachdrücklich weigert, ihr irgendwelche Vorschriften zu machen. Nicht einmal einen Rat will er ihr geben, denn die Künstlerin ist sie, und über Auftritte hat deshalb nur sie zu entscheiden.

La Chana tanzt heute noch, trotz Diabetes und kaputter Knie: Video 2. Der Trailer zum Film: Video 3.

Entschuldigung, ich vergaß:

Kamera: Samuel Navarrete. Ton: Irene Coll, Alejandro Castillo, Nicolas Liebing (Sound Mix). Schnitt: Domi Parra. Produktion: Noon Films, Bless Bless Productions. Produzent: Lucija Stojevic, Susan Muska, Greta Olafsdottir. Länge: 82 min. Vertrieb: CAT&Docs

Lucija Stojevic – Zagreb/Kroatien

Lucija Stojevic studierte an der University of Edinburgh und der Filmhochschule in Prag Schnitt und Regie. 2014 gründete sie ihre Produktionsfirma Noon Films S. L. in Barcelona. LA CHANA ist ihr Langfilmdebüt.

(Angaben laut http://www.dokfest-muenchen.de )

 


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Auf dem Weg zum See / hacia la orilla del lago

Die Bahnstrecke, die zum See führt, ist teilweise eingleisig. Die Landschaft ist postkartenschön, aber nicht so herzzerreißend wie die, mit der ich sie ständig und unwillkürlich vergleiche. Es gibt jedoch Gemeinsamkeiten, die aber wohl nur sieht, wer einen Teil seiner Kindheit neben einem Dorfbahnhof verbrachte. Materialschuppen, Rampen für die Anlieferung landwirtschaftliche Produkte und längst obsolete Stellanlagenteile erinnern an eine Zeit, als es noch Holzschwellen und Streckenläufer gab.

Ein reizendes altes Paar, er gehbehindert, sie wohl ein wenig vergesslich, streitet, ob man nun in T oder in G habe aussteigen wollen, ob man deswegen umsteigen müsse und wer wann was eigenmächtig entschieden habe.

Ein Sperber rüttelt über einer Wiese; eine Gabelweihe, ein Eichelhäher, ein Haubentaucher und unzählige Blässhühner gehen ihren (Jagd-)Geschäften nach. Schönes Fleckvieh steht auf der Weide, aber die Öffnungszeiten des örtlichen Museums (Winterpause bis Ende Mai) erinnern daran, dass das hier eine Gegend mit rauem Klima ist, was auch die teils noch schneebedeckten Berggipfel bestätigen.

Ein alter Bauer schleppt sich mühsam an Krücken. Zertrümmerte Knochen, zertrümmerter Stolz eines vermutlich einst bärenstarken Mannes. Die Menschen hier grüßen auch Fremde; als ehemaliges Dorfkind finde ich mich schnell wieder in die ländliche Etikette. Den alten Mann sehe ich wohlweislich nicht zu lange an. Die Sprache ist eine andere, die Religion fremd, aber Körper haben ihr eigenes Idiom, und das ist international. Den Mann durch einen allzu direkten Blick daran zu erinnern, dass er nunmehr ein Invalide ist, wäre unnötig grausam und dazu übergriffig.

Der Raps blüht, Wiesenschaumkraut zeigt fette, feuchte Weiden an; die Gegend ist meines Wissens ohnehin äußerst fruchtbar. Wären da nicht die harten, langen Winter…