Geschichten und Meer

(Irrelevantes von den billigen Plätzen)


Aus gegebenem Anlass

„Denn alle Powenze logen von Herzen gern, kunstreich und gewissenhaft.“  (Ernst Penzoldt, Die Powenzbande)

Wenn Sie meinen, ein Blog sei erstunken und erlogen und Sie das stört, ja, mein Gott, dann lesen Sie es doch einfach nicht mehr. So, wie niemand Blogger_innen zwingen kann, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu schreiben, so kann Sie niemand zwingen, Blogs zu lesen. Romane sind auch gelogen, viele sogar von A bis Z. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: selbst ich, die ich im Privatleben für meinen Hang zur Aufrichtigkeit berüchtigt bin und mein Herz auf der Zunge trage, lüge hier wie gedruckt. Nicht von A bis Z, aber doch genug, um mich nicht auf Anhieb erkennbar zu machen. Man nennt das, glaube ich, Selbsterhaltungstrieb.

Ein Blog ist dazu da, Geschichten zu erzählen. Niemand hat je behauptet, es dürften nur wahre Geschichten sein. Vielleicht sind sie sogar wahr, wer kann das wissen? Überhaupt, wen geht das etwas an? Herrgottsakrament!

(Und dass ich einmal zu einer Verteidigungstirade ansetzen würde für eine Person, die mir mit Schwung das Kraut ausgeschüttet hat, hätte ich auch nicht gedacht. Was nicht heißt, dass die Messer nicht scharf geschliffen blieben.)

 


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„Let’s talk about vegs“ oder: Moralinsäure ist kein Gewürz

Bei Frau Lakritze habe ich gelesen, dass der Herr Ackerbau  gerne etwas über Gemüse lesen will, aber nur über eine Sorte. Über nur eine Sorte Gemüse zu schreiben, wird mir zu meinem allergrößten Bedauern unmöglich sein, denn hat man jemals einen Gemüsegarten gesehen, in dem nur eine Sorte Gemüse wächst? (Stellen Sie sich den vorigen Satz  im spitzmäuligsten Frankfurterinnenton gesprochen vor.) Außerdem sagt der Herr Ackerbau, Mettwurst sei kein Gemüse, und da hätte mindestens eine Person, die ich kenne, widersprochen. Um jedoch zumindest guten Willen zu zeigen, hier das Bild zur Blogaktion: 

Und nun der zu nächtlicher Stunde schnell zusammengehauene Gemüse-Text: 

Wurst und Fleisch sind das schönste Gemüse, pflegte mein Großonkel, der das Leben und vor allem das Essen liebte,  zu sagen. Dieser Ausspruch fand meine volle Zustimmung, als ich noch ein Kind war. Das ist nicht verwunderlich, denn da, wo ich aufgewachsen bin, kocht man Gemüse in Salzwasser, bis es mausetot ist. Gemüse sei gesund, sagte man mir, aber das wusste ich mit fünf Jahren nicht zu schätzen, und so würgte ich am Spinat, bis ich das Gefühl hatte, er käme mir zu den Ohren heraus. Erst spät im Leben habe ich angefangen, mich für Gemüse zu begeistern. Schuld daran sind vermutlich  ost- oder südeuropäische Gerichte mit ihren Farben und Gewürzen. Paprika, Tomaten, Zucchini, Auberginen, frische oder getrocknete Kräuter als Abrundung und Kontrapunkt, geschmort und nicht gekocht – das unterschied sich deutlich von den Erbsen und Möhren meiner Kindheit. Fenchelgemüse lernte ich während eines Schüleraustauschs in Mailand kennen; eine italienisch-spanisch-algerischstämmige Gastmutter in La Rochelle zelebrierte Gemüse-Reis-Variationen als Feste aus Farben und Texturen. Die Küche spanischer Gitanos lehrte mich Eintöpfe mit Hülsenfrüchten lieben. Dass man mit Gemüse eine pikante Tarte belegen oder Blätterteig füllen kann, muss einem, wenn man der Erbsen-und-Möhren-in-Salzwasser-Kultur entstammt, erst einmal gesagt werden. Mit Schafskäse und Tomaten wird sogar Spinat erträglich. Rosenkohl esse ich am liebsten pur, ohne Beilage, nicht zu lange gekocht, etwas knackig und ein bisschen bitter muss er noch sein, sonst wird er mir  schnell zu fad. Überhaupt halte ich nichts davon, Gemüse totzukochen. Gemüse muss auf dem Teller leuchten, auf der Zunge singen und den Zähnen etwas entgegensetzen. „Aus der Hand“ knabbere ich rohe Karotten – meine Oma sagte „Gelberüben“ – oder Gurken, es darf nur niemand vorbeikommen und sagen, das wäre „Rohkost“, denn mit dem, was hierzulande in Mensen, Kantinen und Restaurants als Rohkost serviert wird,  könnten Sie mich  bis zu den Antipoden jagen, aber bestimmt habe die Antipoden auch Rohkost, so dass mir das Weglaufen gar nichts nützen würde. Sagen Sie mir bitte auch nicht, Gemüse sei gesund und mache schlank. Das mag ja sein, aber ich mag das nicht hören, sonst schmeckt mir das ganze schöne Gemüse nur noch nach Moralinsäure. Wenn man aber die Moralinsäure weglässt, dann ist Gemüse eigentlich sehr viel sinnlicher und raffinierter als jedes Stück Fleisch.

(Wenn ich Gelberüben esse, muss ich übrigens an Friedrich Stoltze und das hugenottische Friedrichsdorf im Hochtaunus denken:

„Hélas, Martin! Hélas, Martin!
Chassez le Gickel aus dem jardin!
Il verkratzt mer, häst tu le Steuwe!
Toutes les nouveaux gehle Reuwe!“

Aber das ist eine andere Geschichte, für eine andere Nacht.)

 


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Fundsachen 19

Der schönste Satz der Woche steht bei Buddenbohm&Söhne: Gärten erreichen Stellen im Hirn, da kam die Schulbildung nie hin.

Einfach schön.

Ein möglicher Mord, kein Ort für Trauer und die Unmöglichkeit, den toten Freund loszulassen.

Auch sexuelle Selbstbestimmung ist nicht immer, was sie scheint. (Ich bin nicht mit dem ganzen Artikel einverstanden, bin aber vermutlich nicht kompetent genug, um die mir widerstrebenden Aussagen zu widerlegen.)

Über Literaturblogs- und -blogger.

Fast so sehr wie ins-Museum-gehen liebe ich, was Leute erzählen, wenn sie ins Museum gehen.

Cab Calloway singt Minnie the Moocher. (Keine Ahnung, ob er gerne tat, was er auf der Bühne tat. Ich habe als junge Frau nie gerne Rumba getanzt. Als ich älter wurde, schon, aber da konnte ich schon Selbstironie.)


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Ille Martialis

Heute, Jahre später, frage ich mich, ob Du das alles so geplant hattest. Die Schmeicheleien, die Vorspiegelung falscher Tatsachen, oder zumindest die kluge Umdeutung und das geschickte Weglassen der Wahrheit. Du schienst eine Stütze zu suchen, was mich wunderte, und auch heute noch, lange nachdem Du die Grenze überschritten hast, erhalte ich über Dritte und Vierte Nachrichten über Dich, und ich sehe, dass Du Deinen modus operandi nicht geändert hast. War es Absicht, oder traue ich Dir zu viel zu? Wie auch immer, Du hast mir etwas genommen, und es hat lange, sehr lange gedauert, bis ich es wieder bekam. Ich hatte nicht gedacht, dass das wenige, was ich besaß, Dir begehrenswert erscheinen könnte. Mir selbst war es ja nichts wert, bevor Du es mir genommen hattest. Vor allem aber war es etwas, das Du selbst schon besaßest. Es ging Dir also nicht ums Haben, vielmehr wolltest Du anscheinend eine unliebsame Konkurrenz ausschalten. Mein Fehler war wohl, dass ich uns gar nicht als konkurrierend wahrnahm. Es hat, das will ich nicht verschweigen, lange gedauert, bis ich die ersten Ungereimtheiten in Deinen Geschichten bemerkte. Ich war, wie ich heute weiß, nicht die einzige, die die Leerstellen, das Flickwerk und die geschickten Retuschen sah, aber damals wollte ich mir selbst nicht glauben.  

Der Unterschied zwischen Dir und mir ist, dass ich nahezu nichts brauche. Das „nahezu“ kannst übrigens nicht einmal Du mir nehmen


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Kein Meer, nirgends

Die Nase läuft, der Hals kratzt, und mir zieht es in Kopf und Knochen. Draußen, vorm Büro, scheint die Sonne aufs grüne Gras, als wäre es schon Frühling, und ich erinnere mich, wie der Mann vom See mich vor einiger Zeit einmal fragte, wie denn das Wetter sei in unserer kleinen Stadt. Damals gab ich wahrscheinlich eine falsche Antwort, denn ich hatte so viel Arbeit, dass ich nicht einmal die Zeit fand, aus dem Fenster zu schauen. Ich weiß bis heute nicht, wie das Wetter an jenem Tag war, habe es nur als allgemein düster in Erinnerung.

 Die Klassiker wiederlesen, denke ich, denn ich war eigentlich beim ersten oder zweiten Lesen viel zu jung dafür. Aber aus den Klassikern weht derzeit kein frischer Wind in meine Richtung. Eine kurze Reise in den Norden habe ich geplant, in die Salzstadt, in der eine Straße „Auf dem Meere“ heißt. Ob das helfen wird? Ansonsten ist da der See, aber wer mir vor fünf Jahren prophezeit hätte, es werde mir einmal ein bayerischer See fehlen, den hätte ich ausgelacht. Nun ist der See ein Ersatz für eine verlorene Heimat, ein unvollkommener Ersatz, aber See und Seeanrainer geben sich redlich Mühe; das muss man anerkennen.

Ich sollte ihn fragen, den Mann vom See, ob viel Schnee liegt. Keine Geschichte vom See, noch nicht. Bis zum Frühling kann ich aber, glaube ich, nicht warten.


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Manieren

Sie rülpsen, sie furzen, sie rotzen und sie spucken. Sie  schlürfen, sie kleckern, sie hängen mit der Nase fast im Teller. Sie drängeln, sie schubsen, sie würden mich die Treppe hinunterwerfen, wenn sie nicht auch ein bisschen feige wären.

Nein, ich rede nicht von „der Jugend von heute“, einen Ausdruck, den ich noch aus meiner lang vergangenen Jugend kenne. Ich rede von den schnellen Jungs auf dem Weg nach oben, den zukünftigen Windhunden, dem mittleren Management mit Aufstiegschancenwillen. Kann denen nicht irgendjemand beibringen, mit Messer und Gabel zu essen? Aber sie würden ja doch nicht zuhören, denn sie wissen schon alles, und zwar besser.

Mitunter aber werfe ich ihnen über den Rand meiner Gouvernantenbrille einen Blick zu, und weil ich nicht nur eine Gouvernantenbrille habe, sondern auch die Haltung und die funkelnden schwarzen Augen einer Gouvernante, die zum Frühstück schon ein Lineal verschluckt hat, zucken sie manchmal ein ganz kleines bisschen zusammen, geraten aus dem Tritt und stolpern. Dann lächele ich sanft, rücke Brille und Knoten zurecht und gehe meiner Wege. Ich weiß, es wird nicht lang anhalten, aber für einen kurzen Moment haben sie sich ein bisschen geniert für das, was sie sein möchten.


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Der Fünfte

Manchmal brauche ich nur einen Anlass zum Schreiben. Zwar hatte ich auf dem Vorgängerblog geschworen, nur einmal im Leben an WMDEDGT teilzunehmen, aber nachdem ich zur Zeit so vielen Prinzipien untreu werde, kommt es  auch nicht mehr darauf an. 

Die dritte Frühschicht in Folge, und schon kann ich wieder ohne Wecker um kurz vor fünf aufwachen. Tatsächlich habe ich heute aber Spätschicht, so dass das ganze schöne Frühaufgewachtsein rein gar nichts bringt.

Zuerst Einkaufen fürs Wochenende. Der Lebensmittelladen im Erdgeschoss hat vorübergehend geschlossen. Ich bedaure das ein wenig, obzwar* ich nicht zu den Hausbewohnerinnen gehörte, die in Pantoffeln ins Erdgeschoss schlurften, um noch vor der morgendlichen Dusche ihre Einkäufe zu erledigen. Auf dem Rückweg begegne ich Herrn von Oben, der mir ein weiteres Lebensmittelgeschäft in der Nähe nennt. Ich glaube aber, ich werde – solange ich es mir leisten kann – bei dem Familienbetrieb einige Straßen weiter Kundin bleiben.

Der Fluss führt ein wenig Hochwasser. Ich nehme den Bus zur Arbeit, da das Fahrrad zur Reparatur muss. Um diese Zeit fahren viele ältere Herrschaften mit dem Rad herum. Manche wirken zögerlich und unsicher, aber glücklich, und erinnern mich an einen lieben Twitterfreund, der steif und fest behauptet, Radfahren sei der Weg zu Glück und Zufriedenheit. Grauhaarige Damen lassen die Haare im Wind flattern, und ich denke wieder einmal, dass viele „Gefärbte“ eigentlich sogar älter wirken als die, die der Natur ihren Lauf lassen.

Den Anschlussbus verpasse ich knapp, aber auf diese Weise habe ich Zeit, an der Haltestelle ein paar Stichpunkte für diesen Text zu notieren. Schon randalieren die Amseln wieder, denn die Sonne strahlt. Der Himmel schickt einen Windhauch, der an den Frühling denken lässt, aber hierzulande kommt der Winter erst noch, und so verbiete ich mir das Träumen.

Im Büro heißt es wieder „Zwei-Jobs-zum-Preis-von-einem“. Noch dazu hat die Kollegin während meiner kurzen Abwesenheit anscheinend keine der Aufgaben, bei denen sie mich vertreten sollte, erledigt. Des weiteren schwatzt sie unentwegt vor sich hin, wobei sie in regelmäßigen Abständen Zustimmung und Antworten erwartet. Schließlich stoppe ich ihren Wortschwall mit dem Hinweis, dass ich mich nicht auf zwei Jobs und den Firmentratsch gleichzeitig konzentrieren kann, und bis zur Mittagspause arbeitet sie nahezu schweigend. Nach der Mittagspause springt die Wortmaschine wieder an, aber da habe ich schon einigermaßen Ordnung in den Aktenstapel gebracht, so dass ich das Geschwätz an mir vorbei rauschen lassen kann. Meine neue Lieblingsspätschichtgenossin, eine Thüringerin von wirklich angenehmer Wesensart, hat einen Auslandsfall, bei dem sie meine Hilfe braucht. Ich schubse sie in die richtige Richtung, und  binnen kurzer Zeit löst sie das Problem bravourös.

Das Schöne am Alleinleben ist, dass man nach der Arbeit keine gute Laune haben muss. Ich lese ein paar Blogartikel von fremden und bekannten Leuten; dazwischen verfolge ich meine ausgesprochen nette Twitter-Timeline. Allerdings habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den besten Ex der Welt heute nicht mehr anrufen werde, aber mein Bedarf an Gesprächen ist dank der oben erwähnten Schwatzliese mehr als gedeckt.

Nach ausgiebigem Blog- und Twitterlesen falle ich todmüde ins Bett.

*Entschuldigung, aber das ist meine Lieblingskonjunktion.


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Fundsachen 18

150 Twitterern und 30 Blogs folge ich, wobei manche Twitterer auch bloggen und manche Blogger auch twittern. Leider ist damit auch schon die Grenze meiner Aufnahmefähigkeit erreicht (und manchmal überschritten). Was ich in letzter Zeit bemerke: Blogger bloggen immer mehr nebeneinander her, die Kommunikation untereinander schläft ein. Was tun? Ich weiß es auch nicht, aber für den Anfang möchte ich einige Blogger und Bloggerinnen vorstellen, die mir folgen, denen ich aber mangels Zeit leider nicht folge, obwohl ich gerne folgen würde und schon ein ganz schlechtes Gewissen habe.

Das Worthaus begeistert mich schon durch sein Motto: „Die entfernte Zärtlichkeit deiner Worte erspürt durch mein Herzfenster.© Chr.v.M.“

Larissa liebt wie ich das Meer.

Petra ist voller Worte.

Dr. Benway ist Frankfurter und er wandert. Zwei Dinge, die mich für ihn einnehmen.

Klingt Wortgepüttscher nicht wunderbar? (Und ich kriege Fernheimweh.)

Karo-Tina hat den coolsten Weihnachtsbaum überhaupt.

Marian Schraube über Politik, Menschenrechte und einiges mehr.

Tanne ist, glaube ich, auf der Suche nach allem. Und er dichtet.

Noch ein Meerblog. Davon kann es nicht genug geben.

Eigentlich ganz vernünftig: Marlene heißt das verrückte Huhn.

Schauen Sie mal hinein. Vielleicht ist ja etwas dabei. (Wer dieses Mal nicht dabei war, möge sich nicht grämen. Ein nächstes Mal gibt es ganz sicher.)


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Grenzen

Grenzen der Freundschaft. Grenzen der Belastbarkeit. Grenzen des Verstandes. Wer es fassen kann, der fasse es. Ein Fluss bildet eine Grenze, oder ein Gebirge. Sprachgrenzen, Glaubensgrenzen, grüne Grenzen, imaginäre Grenzen. Bildung, Kleidung, Manieren und Geld ziehen mitunter wirksamere Grenzen als Natodraht und Mauern jemals könnten.

Es gibt eine neue Grenze in meinem Leben. Ich wollte sie ursprünglich nicht, aber ich habe sie gezogen. Die andere Seite hat sie befestigt. Das Land jenseits der Grenze betrete ich nicht mehr.


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Alte Wege

Nach langer Zeit wieder den alten Sonntagnachmittagsweg gegangen. Früher pflegte ich sonntags zum Bahnhof zu spazieren, um die spanische Zeitung zu kaufen. Es gibt sie dort jetzt nicht mehr, deshalb  lese ich an Sonntagnachmittagen die spanische Zeitung im Internet. Das Flanieren hat mir gefehlt, das Beobachten und Abschreiben der Straßenszenen. Demnächst probiere ich vielleicht, ob ich das noch kann.